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Patin verhilft zum Schulabschluss

Flüchtlingshilfe Patin verhilft zum Schulabschluss

Als Somane Noor, Abdul Qaardir Osman und seine Cousine Amina zur Welt kamen, tobte in ihrem
Heimatland Somalia seit einem Jahr ein Bürgerkrieg. Ihrer Heimat
kehrten sie den Rücken und leben jetzt in Lohra.

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Somane Noor (vorne von links), Christa Brämer-Schreiber, Mohammed (6 Jahre) mit seinem Onkel Abdul Qaardir Osman und seiner Mutter Amina Osman sowie Hanna Lather (hinten links) und Elfriede Köhler.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Lohra. Der sechsjährige Mohammed kam auf der Flucht in Griechenland zur Welt. Für ihn ist das Leben auf dem Land perfekt. Er will nie mehr weg. Er hat viele Freunde in Lohra.

Bald geht er in die Schule und kann schon jetzt seiner Mutter Amina und seinem Onkel Abdul Qaardir Osman bei Sprachproblemen helfen. Seit drei Jahren leben die Osmans und Somane Noor in Lohra, sie kamen über Gießen in die Südkreisgemeinde und wurden von dem Arbeitskreis für Menschenwürde und Menschenrechte mehr als nur gut aufgenommen.

Christa Brämer-Schreiber, Studienrätin i.R., kümmert sich als Patin nicht nur darum, bürokratische Barrieren aus dem Weg zu räumen – drei Aktenordner sind gefüllt mit Schriftverkehr mit der Ausländerbehörde und dem Kreisjobcenter, den sie für die Flüchtlinge gemanagt hat –, sie ebnet den 24-jährigen Männern Somane Noor und Abdul Qaardir Osman den Weg, ohne Sprachbarrieren in der neuen Heimat zurechtzukommen.

„Ich war nur der Coach“

Somane Noor hat mit ihrer Hilfe den Hauptschulabschluss an der Abendschule in Marburg geschafft, Abdul Qaardir Osman fällt das Lernen der deutschen Sprache etwas schwerer. Er hat aber schon einen Vorbereitungskurs für den Hauptschulabschluss in der Tasche. Als Nächstes will er es seinem Mitbewohner gleich tun und auch den Hauptschulabschluss schaffen.

Brämer-Schreiber ist stolz auf die Leistungen ihrer beiden Schützlinge, die ohne Schul- und ohne Berufsausbildung in Deutschland von null auf 100 durchstarten müssen. „Ich war nur das Backup, sozusagen nur der Coach“, sagt sie und erkennt damit die Leistung der beiden Flüchtlinge an, die unter ihrer Anleitung viel gelernt haben und motiviert sind, noch mehr zu schaffen.

Ihr Aufwand war groß, doch er hat sich ausgezahlt. Regelmäßig hat sie die beiden Flüchtlinge schulisch begleitet, hielt den Kontakt zu Lehrern und zu den Sozialarbeitern. Ihr hat es Somane Noor zu verdanken, dass der Traum von einer Ausbildung als Kfz-Mechaniker in greifbare Nähe rückt.

Vorher vermittelt ihm vielleicht ein Praktikum einen Einblick in seinen Traumberuf. Als Nächstes will er den Realschulabschluss machen, um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Abdul Qaardir Osman will erst einmal seine Deutschkenntnisse verbessern und vormittags einen Sprachkurs besuchen und abends wieder die Schulbank drücken.

Auch er träumt von einem Job als Mechaniker. Wo er mal arbeiten möchte, weiß er noch nicht. Auch für ihn ist eine Berufsorientierung mit Praktikum der erste Schritt, um in das Berufsleben reinzuschnuppern.

Integrationsarbeit wird auf viele Schultern verteilt

Die jungen Flüchtlinge haben viel Kontakt zu den Lohraern, bieten auch gern ihre Hilfe zum Beispiel bei der Gartenarbeit an und nehmen Unterstützung in allen Lebenslagen an. Allen voran die des Arbeitskreises (AK) für Menschenrechte und Menschenwürde Lohra, dem vor allem Elfriede Köhler seit vielen Jahren ein Gesicht verleiht.

Mittlerweile hat der AK ein funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Viele Lohraer übernehmen Patenschaften, „sonst wäre es nicht zu schaffen“, sagt Köhler. „Integration ist ein hartes Brot“, bestätigt Brämer-Schreiber. In Lohra wird die Verantwortung auf viele Schultern verteilt. „Das läuft gut“, bestätigt Köhler.

Somane Noor und die Osmans haben mit ihrer Flucht Armut und Terror hinter sich gelassen. Sie zahlen einen hohen Preis für: Ihre Familien leben weit verstreut auf dem Globus: in Mogadischu, in den Niederlanden und in Norwegen. Kontakt ist nur über das Internet möglich. Somane Noor flüchtete über Uganda, den Sudan und Libyen. Dort wurde er inhaftiert, konnte aber fliehen. Mit einem Boot setzte er nach Italien über.

Abdul Qaardir Osman und seine Cousine führte ihr Fluchtweg über die Balkanroute nach Gießen und von dort nach Lohra. Wenn der kleine Mohammed jetzt sagt, er will dort bleiben, dann lächeln beide ihn an.

von Silke Pfeifer-Sternke

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