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Otto Fuchs: Der Besucher von Oberdieten

OP-Serie Danke fürs Ehrenamt Otto Fuchs: Der Besucher von Oberdieten

Auto fahren, einkaufen, kochen, den Haushalt führen. Otto Fuchs aus Oberdieten ist 86 Jahre alt und führt ein völlig eigenständiges Leben. In seiner Freizeit ist er für alte und kranke Menschen da.

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Otto Fuchs (links) ist für die Bewohner von „Haus Maria“ da. Seinen allwöchentlichen Besuchstag im Altenheim beginnt und beendet er immer im Zimmer von Willi Lauber, der sich gern mit ihm unterhält.

Quelle: Carina Becker

Breidenbach. Otto Fuchs marschiert durch den Flur des Wohn- und Altenpflegeheims „Haus Maria“ in Breidenbach. Man kann sich gut vorstellen, wie der 86-Jährige als jüngerer Mann auf dem Bau die schweren Steine gehoben und die Zementsäcke zur Seite gewuchtet hat. „Sie sind aber noch gut zu Fuß, Herr Fuchs“, ruft man ihm zu. „Von wegen“, sagt er, „mein Meniskus macht Ärger. Eigentlich müsste ich einen Stock nehmen, aber das ist mir zu peinlich.“

Otto Fuchs biegt ab in den Gemeinschaftsraum. Sein Berufsleben als Maurer und Kraftfahrer liegt schon seit zwei Jahrzehnten hinter ihm, ein vielbeschäftigter Mann ist der 86-Jährige aber noch immer. „Hallo allerseits!“ Ein vielstimmiges „Hallo“ kommt zurück. Man kennt Otto Fuchs hier. „Haus Maria“ in Breidenbach hat 71 Bewohner - und wohl jeder einzelne davon weiß, wer Otto Fuchs ist.

Der 86-Jährige aus Oberdieten verbringt jeden Freitag dort. „Dann mach‘ ich die große Runde“, sagt er, legt seine Hand auf die Schulter von Bewohner Herbert Thomas und fragt: „Wie geht‘s dir denn, Herbert?“ Otto Fuchs ist jetzt ganz in seinem Element. Menschen besuchen, für die da sein, die nicht mehr so frei und unabhängig ihr Leben gestalten können wie er, das hat er sich zur Aufgabe gemacht.

„Jetzt gehen wir nochmal runter zum Willi“, erklärt er, „da fange ich meine Runde immer an und beende sie auch.“ Es geht treppab. Der 86-Jährige legt ein gutes Tempo vor. Im Zimmer von Willi Lauber im Erdgeschoss liegen die Jacke und der grüne Filzhut von Otto Fuchs auf einer Kommode. Am frühen Nachmittag kehrt er ins Altenheim ein und legt dort ab, abends, bevor er den Heimweg antritt, holt er seine Sachen wieder bei Willi Lauber und bleibt nochmal auf einen kurzen Schwatz. „Willi, stell dir vor, ich hab heute eine Ehrung gekriegt. Jetzt komme ich in die Zeitung. Würdest du denn mal mit aufs Foto gehen?“, fragt Otto Fuchs, und Willi Lauber ist sofort dabei.

„Ich bin froh, dass wir den Otto haben“, sagt Harald Tomann. Der Inhaber des Breidenbacher Altenheims berichtet von seinen elf ehrenamtlichen Helfern, die die Menschen im „Haus Maria“ in ihrer Freizeit besuchen, ihnen zuhören, mit ihnen reden - Otto Fuchs gehört zu denen, die schon am längsten mit dabei sind. Seit zehn Jahren kommt er ins „Haus Maria“. „Viele hier fordern den Otto an und warten schon immer auf ihn“, erzählt Tomann.

„Ich finde das toll, dass du nicht daheim sitzen bleibst“

Otto Fuchs liebt die Gespräche mit den Bewohnern. Meistens wird auf Platt geschwätzt - und dann wird man schnell warm miteinander, wenn man sich nicht ohnehin schon kennt. „Ich kann mich hier mit jedem unterhalten - ein Gespräch kommt einfach immer zustande“, erzählt er. Die Familie freut sich über den Einsatz des rührigen Vaters und Großvaters. „Ich finde das so toll, dass du nicht daheim sitzen bleibst und wartest, bis andere zu dir kommen, sondern dass du unterwegs bist und denen hilfst, die nicht mehr so gut können“, sagt die 54-jährige Tochter Martina Theis, die den Vater bei der Kampagne „Danke fürs Ehrenamt“ vorgeschlagen hatte. „Es ist ihm ganz wichtig, hierher zu kommen - und es hält ihn auch fit, dass er diese Aufgabe hat“, sagt Enkeltochter Yvonne Theis und erzählt: „Wenn der Opa mal nicht selbst mit dem Auto fahren kann, dann bringen wir ihn hierher.“

Nicht nur im „Haus Maria“ ist Otto Fuchs regelmäßiger Gast. Anni, Alfred, Frieda - und wie sie alle heißen: Auch für alte Menschen im eigenen Dorf, in Oberdieten, ist Otto Fuchs da, übernimmt den Einkauf und schaut vorbei. „Wenn ich mal nicht mehr so kann, dann will ich ja auch, dass man mich besuchen kommt“, sagt er und verrät, wie alles begann. Otto Fuchs‘ Ehefrau Elfriede starb vor zehn Jahren. In der Zeit davor hat ihr Mann sie daheim gepflegt. „Wir haben uns über den Tod unterhalten und darüber, wie es dann sein wird, wenn wir nicht mehr beieinander sind.

Meine Frau hat gesagt: Otto, wenn ich mal nicht mehr da bin, dann musst du nicht allein bleiben.“ Otto Fuchs‘ Augen bekommen einen Glanz, wenn er von diesem Gespräch berichtet. „Die Oma hat das anders gemeint, aber der Opa hat das auf seine Weise wahrgemacht“, sagt jetzt Enkeltochter Yvonne. Denn alleine ist der 86-Jährige wirklich selten. „Wir sind ja schon froh, wenn wir ihn mal zu sehen kriegen“, erzählt seine Tochter Martina, die im gleichen Haus wohnt. „Er ist die meiste Zeit unterwegs.“

Dass es heute Blumen und Geschenke für ihn gibt, dass die Familie zu ihm ins Altenheim gekommen ist, um ihn während seines Besuchsdienstes zu überraschen, dass er vom Verein zur Förderung des Ehrenamts für seinen Einsatz einen Dank bekommt, das ist etwas ganz Besonderes für Otto Fuchs. Die Familie will ihm damit zeigen, dass er etwas ganz Besonderes ist. „Vom Opa kann man sich eine Scheibe abschneiden“, sagt Enkelin Stephanie Theis, die in Eschborn lebt und für den Überraschungsbesuch im Altenheim extra angereist ist. „Wenn ich mal so alt bin, dann möchte ich so sein wie er.“

von Carina Becker

Hintergrund

Mitte September dieses Jahres rief der Verein zur Förderung des Ehrenamts im Landkreis zur Nominierung auf: Wer leistet ohne Bezahlung etwas Besonderes für andere Menschen? Das war die Leitfrage. 44 Vorschläge gingen bei der Jury der Kampage „Danke fürs Ehrenamt“ ein – 44 beeindruckende Geschichten über freiwilliges Engagement. Die Jury hat fünf Preisträger ausgewählt, ihnen Danke gesagt und sie beschenkt bei einem Überraschungsbesuch daheim oder an ihren Wirkungsstätten. Die OP stellt diese fünf Menschen in dieser Woche vor – bis einschließlich Freitag, dem Internationalen Tag des Ehrenamts. Fünf beispielhafte Geschichten über Menschen, die für andere da sind.

Teil 1: Marion Fuchs, Fronhausen
Teil 2: Silvia Schleicher, Marburg
Teil 3: Ursula Fischer, Heskem-Mölln
Teil 4: Renate Debus, Biedenkopf
Teil 5: Otto Fuchs, Breidenbach

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