Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Nur einen Juden zieht es zurück

70 Jahre Kriegsende in Gladenbach Nur einen Juden zieht es zurück

Genau 70 Jahre nach Kriegsende erinnert in Gladenbach ein Gedenkstein an die ehemalige Synagoge. Die Spuren des jüdischen Lebens verblassen immer mehr.

Voriger Artikel
Innenstadt wird zum Nadelöhr
Nächster Artikel
Schuldenschnitt bei Fusionsschritt

Ein Gedenkstein erinnert an die Synagoge, die in den Folgejahren des Krieges abgerissen wurde.

Quelle: Linda Basak

Gladenbach. Die Synagoge in Gladenbach wurde 1813/14 errichtet. Gut 80 Jahre später wurde sie umgebaut und wieder eingeweiht. Für Rudolf H. Schneider gehörte sie zum Stadtbild wie die Martinskirche, allerdings ist das Gebäude längst weg. Schneider enthüllt am Mittwoch um 11 Uhr eine Informationstafel am ehemaligen Synagogen-Standort, die an das jüdische Leben in der Stadt erinnern soll.

Sechs Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten 103 Juden in Gladenbach. Sie waren Teil des Stadtlebens. Zwei von ihnen wurden im März 1933 in den Gemeinderat gewählt, allerdings wenige Tage später wieder ihrer Ämter enthoben. Mitte 1933 wurden dann alle „politisch verdächtigen Personen“ abgeholt. Man konnte ihnen keine Verfehlung nachweisen, deshalb kehrten sie zunächst zurück.

Zwei Jahre später kehrten alle Juden der Stadt den Rücken. Einen Monat vor ihrem Weggang erlebten sie handfeste Übergriffe, etliche Scheiben wurden während der Pogrome eingeworfen. Es gab aber auch 27 Juden, die an ihrem Lebensmittelpunkt Gladenbach festhielten und die trotz der Ausschreitungen zunächst in die Hinterlandkommune zurückkehrten.

Letzte Hinterländer Juden waren 1940 geflohen

Die Reichskristallnacht am 9. November 1938 bedeutete dann mehr oder weniger das Ende des jüdischen Lebens in Gladenbach. Die Scheiben der Synagoge gingen zu Bruch, es wurde im Haus randaliert und gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Es ist zwar kein Jude aus der Hinterlandkommune deportiert worden. Doch viele von ihnen flüchteten in andere Städte und ihr Weg führte von dort in Konzentrationslager, wo sie starben.

Die letzten Gladenbacher Juden, die Familie Stern, verließ das Hinterland im Juni 1940. Mit Sterns endet die 300-jährige jüdische Geschichte der Stadt. Nur Albert Bauer und Ludwig Heldenmuth kehrten nach dem Krieg zurück. Bauer zog später nach Bad Vilbel, Heldenmuth blieb seiner Heimatstadt treu und wurde 1983 auf dem jüdischen Friedhof „Am Klotzwald“ beerdigt. Einige überlebende Juden besuchten später ihren Geburtsort Gladenbach.

Die Synagoge überdauerte die schlimme Zeit in den Vorkriegswirren – zunächst. Die Stadt übernahm das Gebäude zwei Tage nach der Reichskristallnacht und wollte es als soziale Einrichtung nutzen. Doch der bauliche Zustand war so schlecht, dass die ehemalige Synagoge in den Folgejahren dem Erdboden gleichgemacht wurde. 1982 wurde dort ein Gedenkstein errichtet, der noch heute an das jüdische Leben in der Stadt erinnert.

von Silke Pfeifer-Sternke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Statt Brückensprengung weiße Fahnen

Noch wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-Truppen zogen fliehende deutsche Soldaten durch die heutige Gemeinde Weimar. In Niederweimar sollte es noch einmal zur Gegenwehr kommen.

mehr
Weiße Fahnen wehen beim Einmarsch

Für Marburg war der März 1945 die letzte Etappe des Zweiten Weltkriegs. Am 28. März marschierten die Amerikaner in die Stadt ein.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr