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Neue Chance statt Haft für rasante Fahrten

Aus dem Landgericht Neue Chance statt Haft für rasante Fahrten

Wiederholtes Fahren ohne Führerschein brachte einen unter Bewährung stehenden 28-Jährigen ins Gefängnis, wo er Jahre zu verbringen hätte. Eine gute Prognose überzeugten das Landgericht zu einer erneuten Bewährung.

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Auch früher wurden Mofas etwas schneller gemacht. Heute sehen die Maschinen wie kleine Motorroller aus, können einigen aber nicht schnell genug sein.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Es kommt nicht oft vor, dass eine Berufungsverhandlung wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis wie am Freitag für rund 55 Zuhörer in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts verlegt wird.

Ebenso wenig, dass der Vorsitzende Richter einem Zeugen und Arbeitgeber für seinen Einsatz um einen 29-Jährigen dankt und genauso selten dürfte es sein, dass ein einsitzender Bewährungsversager in einer Berufungsverhandlung noch eine Chance erhält.

Über die darf sich ein 28-Jähriger aus dem Ostkreis freuen, der zurzeit eine Haftstrafe in Baunatal verbüßt. Im offenen Vollzug verbüßt er rund elf Monate Haft aus anderen Delikten, deren drei laufende Bewährungen aufgehoben wurden, nachdem ihn Polizisten in den vergangenen beiden Jahren zweimal erwischten: auf einem frisierten Roller, ohne erforderlichen Führerschein und einmal gar ohne Versicherungsschutz.

Oberamtsanwalt testet frisierten Roller vor Gericht

Schon die Verhandlung vor dem Amtsgericht im Juni 2016 verlief vor großem Publikum ungewöhnlich. Wie die OP 
 berichtete, erteilte Oberamtsanwalt Reinhard Hormel einer Schulklasse Anschauungsunterricht in der Justizarbeit. Der Vertreter der Anklage wurde misstrauisch, als der Angeklagte angab, mit dem nun nicht mehr getunten Roller aus dem Ostkreis zur Verhandlung nach Biedenkopf gekommen zu sein.

Die Schulklasse im Gefolge, ließ er sich das Gefährt vor dem  Gerichtsgebäude zeigen. Allein schon wegen des Sportauspuffs vermutete Hormel, dass das Mofa im Rollerkleid „bis zum Anschlag frisiert“ war. Weil niemand anderes einen Test wagte, schwang sich Hormel selbst auf die Maschine zur Probefahrt auf der Hainstraße. Er erreichte schon auf Höhe der Turnhalle „deutlich mehr als 50 km/h“. Das Gefährt wurde sofort beschlagnahmt.

Wie Staatsanwalt Kurt Sippel 
am Freitag vortrug, erfuhr der Roller zahlreiche Umbauten, die die Betriebserlaubnis erlöschen ließen. Darunter waren 
neben dem Rennauspuff ein aufgebauter Zylinder, ein größerer Vergaser, eine geänderte Übersetzung und ein einschaltbarer Drehzahlbegrenzer zur Vertuschung der Umbauten.

Eine amtlicher Test ergab, dass der Roller rund 88 statt der 
erlaubten 25 Stundenkilometer schnell war. Das Biedenkopfer Amtsgericht verhängte im Herbst des vergangenen Jahres eine Haftstrafe von neun 
Monaten, ließ den Roller einziehen und sprach eine Sperrfrist für die Neuerteilung der Fahrerlaubnis aus.

Damit waren die Bewährungen der zuvor begangenen Straftaten aufgehoben, am 1. Oktober trat der 28-Jährige seine Haft aus diesen Vergehen in Baunatal an. Bestenfalls zum 30. November könne er auf eine Entlassung hoffen, sonst vielleicht im Februar, erklärte er dem Vorsitzenden Richter Gernot Christ.

Arbeitgeber: 
„Er ist es Wert“

Es gehe ihm nur darum, eine 
Bewährungsfrist für das letzte 
Urteil zu erhalten, um nicht noch länger im Gefängnis sitzen zu müssen. Er sei mittlerweile Vater, wolle bei seiner Tochter und Frau sein, seine Ausbildung im nächsten Jahr beenden und „endlich mal den Führerschein machen“.

Ja, er sei oft schwarzgefahren, aus Spaß an der Schnelligkeit, aber auch, um Frust abzubauen, „den Kopf wieder freizukriegen“. Er habe nach seinem Umzug vom Hinterland in den Ostkreis immer weite Strecken zum Ausbildungsplatz zurücklegen müssen und habe nicht über das Unrecht nachgedacht.

Sein Mandant habe die 
Bewährungsstrafen nicht ernst genommen, bis er einrücken musste, erklärte später sein Verteidiger. Das Leben des 28-Jährige verlaufe jetzt in anderen Bahnen, wozu sicherlich seine Familie und auch sein Arbeitgeber beigetragen hätten.

Der Dautphetaler Unternehmer schilderte dem Gericht, dass er auch von den Gesetzes-Konflikten des jungen Mannes erfuhr, als er aus der 15-köpfigen Belegschaft vorgeschlagen wurde. Er habe sich als „pfiffiges Kerlchen“ mit technischem Verständnis erwiesen und so habe er eine Chance erhalten, „weil er es Wert ist“. Über Praktikum, Einstiegsqualifikation und Ausbildung habe er sich ins Team integriert, zeige keine kriminellen Ansätze oder Verhaltensweisen.

Richter lobt Firmenchef 
für seine Bereitschaft

Nach dem Zeitungsbericht über die Verhandlung in Biedenkopf habe er ihm eine solche Standpauke gehalten, dass er dachte, „er schmeißt hin“. Doch er habe seine Strafe angenommen, beiße sich durch und es sei eine „super Leistung, dass er jeden Tag von Kassel bis zu uns aufs Land kommt“ – mit Bus und Bahn wohlgemerkt.

Selbst wenn bei der Abschlussprüfung noch etwas schiefgehen sollte, würde er dem 28-Jährigen einen Arbeitsplatz anbieten. „Das ist außergewöhnlich, was sie dem Angeklagten ermöglichen“, sagte Richter Christ. „Ich danke Ihnen dafür.“

Nachdem der beanstandungsfreie Bericht des Leiters des 
offenen Vollzuges in Baunatal verlesen war, plädierte Staatsanwalt Sippel für eine Umwandlung der neunmonatigen Haftstrafe in eine dreijährige 
 Bewährungszeit.

Das Landgericht folgte dem Antrag, setzte allerdings die Bewährungszeit auf vier Jahre mit Auflagen fest. So muss der 28-Jährige zum Beispiel alle vier Wochen seinen Bewährungshelfer aufsuchen und sich bei Aufforderung einer Suchtmittelkontrolle unterziehen.

Richter Christ, der die Besonderheit dieses Ergebnisses für einen „Bewährungsversager“ betonte, mahnte diesen noch: 
Er hoffe, dass seine Partnerin, die ihn nicht fallen ließ, und auch sein fürsorglicher Arbeitgeber die Früchte ernten werden. „Die Justiz wird ein verschärftes Auge auf Sie haben.“

von Gianfranco Fain

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