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Nebenklägerin sagt vor Gericht aus

Aus dem Landgericht Nebenklägerin sagt vor Gericht aus

Den Angaben des mutmaßlichen Opfers zufolge soll es durch den angeklagten Vater zu ähnlichen, nicht näher beschriebenen Taten an anderen Personen gekommen sein.

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Vor dem Marburger Landgericht läuft eine Verhandlung wegen des Vorwurfs eines schweren sexuellen Missbrauchs an einem Kind.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am Dienstag kam es doch zur öffentlichen Vernehmung des mutmaßlichen Opfers, die in der Verhandlung um sexuellen Missbrauch als Nebenklägerin auftritt. Dabei schilderte die heute 23-Jährige die vermeintliche Tat im Wesentlichen so, wie es am vergangenen Mittwoch in der Anklageverlesung durch Staatsanwältin Annemarie Petri zu hören war:

Gemäß dieser soll der Mann im Frühjahr oder Sommer 2004 bei einem gemeinsamen Bad seine damals 12-jährige Tochter aufgefordert haben, sein Geschlechtsteil zu berühren, anschließend hat er laut Petri die Hand des Kindes dafür an sich gezogen und gesagt, „ich kann dir noch etwas anderes zeigen“, bevor er sie durch eine weitere Handlung missbrauchte.

Auf Befragen des Vorsitzenden Richters Thomas Wolf erklärte die Nebenklägerin, dass solche Bäder mit Gesprächen durchaus üblich gewesen seien, wobei sie aber immer einen Badeanzug trug, diesen am besagten Tag auf Verlangen des Vaters aber ablegte. Beim Einsteigen in die Badewanne habe sie dann festgestellt, dass ihr Vater diesmal ebenfalls unbekleidet gewesen sei.

Berater vom „Weißen Ring“ raten zur Anzeige

Zur Frage, weshalb es so lange dauerte, bis sie sich entschloss, eine Anzeige zu erstatten, erklärte die 23-Jährige, es lange Zeit verdrängt zu haben. Erst bei einem Gespräch mit einer Tante, die auf sie aufpasste, als die Eltern in Urlaub waren, sei es aus ihr „herausgebrochen“. Der Tante, die ebenfalls Nebenklägerin ist, sei aufgefallen, dass die Nichte sich sehr von ihrem Vater distanziert habe, und es ihr „nicht gut ging“.

Daraufhin habe die Tante von eigenen schlimmen Erfahrungen erzählt. Worum es sich dabei handeln soll, blieb aber offen. Erst als es einen Anlass im Umfeld der Familie gegeben habe, wandten sich die beiden Nebenklägerinnen sowie zwei weitere möglicherweise Betroffene an die Hilfsorganisation „Weißer Ring“. Deren Berater habe zur Anzeige geraten, weil, so die Zeugin, „wir schon so viele sind“.

Eine Absprache hinsichtlich der Anzeigen verneinte die Nebenklägerin auf Nachfrage Petris. Der Staatsanwältin erklärte sie auch, dass Gespräche über die Schule beim gemeinsamen Baden zwar üblich gewesen seien, über das Thema Sexualkunde allerdings nicht. Dies sei der Hauptpunkt gewesen, wobei das Gespräch vom Vater ausgegangen sei. Auf Intervention der Verteidiger forderte Wolf die Staatsanwältin auf, ihre Fragen so zu formulieren, dass sie nicht suggestiv wirken.

Angedeuteter Freispruch: Nebenklägerin sagt aus

Rechtsanwalt Thomas Strecker, der die zweite Nebenklägerin vertritt, bat die 23-Jährige um eine Schilderung, wie der Vater sonst so gewesen sei. „So, wie er es wollte, musste es sein“, sagte sie, und auch: „Wenn was war, war er aber da.“ Zur Frage der eigenen Nebenklagevertreterin, Rechtsanwältin Elke Edelmann, antwortete die 23-Jährige, dass sie nach der Anzeige von der Mutter Beleidigungen und Drohungen per SMS erhalten habe.

Um 16.25 Uhr endete der Verhandlungstag und soll diesen Mittwoch mit den Fragen der Verteidiger an die Nebenklägerin fortgesetzt werden. Dabei wäre es am Dienstag beinahe nicht zu ihrer Vernehmung gekommen. Zu Beginn der Verhandlung verlas Richter Wolf ein Fax von Rechtsanwältin Edelmann, aus dem hervorging, dass die Nebenklägerin wegen des Verteidigerverhaltens während der Verhandlung und in den Pausen nicht mehr in der Lage sei auszusagen und von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch mache.

Daraufhin erließ Wolf eine Anordnung, die Akten im „Selbstleseverfahren“ zum Schutz des Angeklagten zu studieren, damit die Schöffen vom Inhalt Kenntnis erlangen. Zudem erklärte er, dass nunmehr die Notwendigkeit einer weiteren Beweisaufnahme fraglich erscheine. Es stünde nun Aussage gegen Aussage, es hätte aber einer ausführlichen Vernehmung mit „gründlicher Nachfrage zu Details“ bedurft, um sich ein Bild von der Zeugin zu machen.

Dies müsse auch aus Fürsorgepflicht gegenüber dem Angeklagten geschehen und um die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu prüfen. „Vor allem, warum sie zehn Jahre nach einem Vorfall in ihrer Kindheit eine solch genaue Erinnerungsfähigkeit hat.“ Somit erscheine ein Freispruch in dieser Sache „wahrscheinlich“.

Befangenheitsantrag gegen Richter erneut gestellt

Der 56-Jährige aus einer Südkreisgemeinde ist darüber hinaus angeklagt, exhibitionistische Handlungen begangen zu haben, im Besitz von Dateien mit kinderpornografischen Darstellungen gewesen zu sein und unerlaubt Munition aus einem Nachlass besessen zu haben.

Nach einer Beratungspause untermauerte Edelmann ihre zuvor geäußerte Annahme, dass ihre Mandantin „sicherlich aussagen werde“. Die Nebenklägerin sei am Arbeitsplatz und könne in zwei Stunden am Gericht sein, sagte sie. Wolf nahm die Anordnung zum Selbstleseverfahren auf Widerspruch der Staatsanwältin zurück. Daraufhin versuchten die beiden Verteidiger des 56-Jährigen, die Vernehmung mit der Argumentation zu verhindern, dass die Nebenklägerin bei Verlesung der Anklage im Raum war.

Deshalb, und auch weil die Zeugin nach vielen Gesprächen vor der Verhandlung etwas glauben und wiedergeben könne, dass es nicht tatsächlich gegeben habe, bestünde die Gefahr einer „auto- oder fremdsuggestiven Beeinflussung“. Das Beweismittel, die Aussage, sei somit „dauerhaft kontaminiert“, argumentierte einer der Verteidiger.

Diesen Antrag lehnte das Gericht als unzulässige Vorwegnahme der Beweiswürdigung, die der Kammer obliege, ab. Daraufhin stellten die beiden Rechtsanwälte einen zweiten Befangenheitsantrag gegen die Richter, über den jedoch erst bis zum nächsten Verhandlungstag entschieden wird.

  • Die Verhandlung wird diesen Mittwoch um 9 Uhr im Schwurgerichtssaal fortgesetzt.

von Gianfranco Fain

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Der zweite Verhandlungstag war nach weiteren Anträgen der Verteidigung mittags schon beendet. Nächsten Dienstag geht es weiter, wenn der „Hauptverteidiger“ wieder dabei sein kann.

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