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Nautilust-Wiederaufbau macht Knierim stolz

12 Jahre Bürgermeister Nautilust-Wiederaufbau macht Knierim stolz

Am Dienstag endet die 12-jährige Amtszeit von Klaus-Dieter Knierim als Bürgermeister der Stadt Gladenbach. Im OP-Interview blickt er auf Geschehnisse und sein Wirken in dieser Zeit zurück.

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Quelle: Benedikt Bernshausen

Gladenbach. OP: Herr Knierim, am Dienstag endet Ihre zweite Amtszeit als Bürgermeister der Stadt Gladenbach.  Kommt da Wehmut auf?

Klaus-Dieter Knierim: Wenn eine solche Zäsur bevorsteht, kommt schon etwas Wehmut auf. Schließlich habe ich mich in diesen intensiven zwölf Jahren immer dafür eingesetzt, ­unsere liebenswerte Kleinstadt Gladenbach voranzubringen und musste auf viele unvorhergesehene Dinge reagieren.

OP: Hätten Sie sich angesichts der Querelen um ihre erneute Kandidatur ein anderes Ende ­gewünscht?

Knierim: Ach naja. Ich habe schließlich den Verzicht auf eine erneute Kandidatur definiert und herbeigeführt. Ich hatte dieses Ende schon ein gutes Dreivierteljahr vor Augen und mich bewusst entschieden, nicht ein drittes Mal anzutreten. Ich glaube schon, dass ich in den 12 Jahren vieles bewirkt und gestaltet habe.  

OP: „Auf unvorhergesehene Dinge reagieren müssen“. Was meinen Sie damit?

Knierim: Die großen Herausforderungen fingen ja schon an, als ich gerade eineinhalb Jahre im Amt war. Da ging es mit den Neonazi-Demonstrationen los, an die sich heute vielleicht nur noch die Wenigsten erinnern. Fünf dieser sogenannten Demonstrationen waren es insgesamt, mit bis zu 500 Neonazis, die durch die Straßen Gladenbachs marschierten. Das war eine schlimme, bedrückende Zeit. Eine Herausforderung, in der die Zivilgesellschaft der Stadt Gladenbach aber näher zusammengerückt ist.
Prägend: Nautilust-Brand und Neonazi-Aufmärsche
OP: Wie wurde das geschafft?

Knierim: Wir alle haben zusammengestanden und gesagt, „Wir wollen keine Neonazis in unserer Stadt.“ Unser Slogan damals lautete „Gladenbach ist bunt, nicht braun“. Darunter haben wir uns alle versammelt und ich bin allen, die damals aktiv waren, unendlich dankbar für ihr Engagement und die ­vielen ­Ideen.  

OP: Wer waren die Beteiligten?

Knierim: Das war die Europaschule mit dessen Leiter Seyler vorne weg, sämtliche Kirchengemeinden unserer Stadt mit dem späteren Dekan Ullrich an der Spitze, und viele Vereine, und hier insbesondere der damalige Vorsitzende des Gewerbevereins Adolf Bellersheim, die einem eigens gegründeten Arbeitskreis angehörten. Mit deren Hilfe und vielen Bürgern haben wir immer wieder unseren Marktplatz mit neuen Aktionen besetzt, sodass die Neonazis ausweichen mussten.

OP: Gab es ein weiteres so prägendes Erlebnis?

Knierim: Ja, das war am 2. Januar 2005. Diesen Sonntag werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich war abends noch im Büro, als gegen 19 Uhr der damalige Bauamtsleiter Helmut Schmalz anrief und mir etwas sagte, was ich zunächst für einen Scherz hielt: „Das Nautilust brennt.“ Als er darauf beharrte, vergewisserte ich mich. Vom verglasten Treppenhaus aus sah ich die Flammen, die bis zu fünf, zehn Meter hoch in den nachtdunklen Himmel loderten. Eine gespenstische Szenerie. Ich hatte damals den Eindruck, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg.

OP: Der Weg zum Wiederaufbau war steinig?

Knierim:   Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir das wieder hinbekommen, haben Stimmen eingeholt, eine Schwimmbadkommission gebildet, viel und kontrovers diskutiert. Der Grundkonsens war, dass wir den Wiederaufbau hinbekommen müssen. Dann kamen die Fragen: Wie bauen wir unser Schwimmbad wieder auf? Welche finanziellen Möglichkeiten haben wir? Können wir das alles schultern?

OP: Schon damals war die Stadt nicht auf Rosen gebettet.

Knierim: Deshalb war unsere große Sorge, wie viel Geld wir von der Brandversicherung erhalten würden. Diese wollte zunächst nur 3,1 Millionen Euro zahlen. In langen Verhandlungen ist es uns gelungen, knapp 7 Millionen Euro auszuhandeln. Erst mit dieser Summe konnten wir in den städtischen Gremien die maßgeblichen Beschlüsse auf den Weg bringen.

OP: Das Bad mit seinen drei Bauabschnitten hat aber rund 13 Millionen Euro gekostet. Da klaffte noch eine große Lücke. Wie haben Sie diese geschlossen?

Knierim: Wir haben europaweit nach Zuschüssen gesucht, hatten schwierige Gespräche im Wiesbadener Ministerium, mussten bitten und betteln, um das Geld zusammenzubekommen. Das Land Hessen gab uns unter viel Mühen 800 000 Euro. Dann kam uns im Zuge der Weltwirtschafts- und Finanzkrise im Jahre 2008 das Konjunkturprogramm von Bund und Land mit einer weiteren knappen Million Euro zu Hilfe. Den Rest haben wir aus städtischen Mitteln, mit einem Darlehen und Spenden bestritten.

Nautilust: Auf jeden Fall ein Gewinn für Gladenbach
OP: Trotz aller überstandenen Mühen: Sehen Sie als Kämmerer das neue Nautilust als Gewinn oder als Bürde für Gladenbach?

Knierim: Auf jeden Fall als Gewinn. Es war und bleibt allerdings ein Kraftakt. Mir ist kein Schwimmbad in dieser Republik bekannt, das Gewinne abwirft. Bäder sind per se eine finanzielle Belastung für jede Kommune, aber ich glaube, dass wir mit unserem Bad ein Alleinstellungsmerkmal in der Region haben. Es bringt Menschen nach Gladenbach, die sonst nicht hierher kämen.

OP: Was verzeichnen Sie noch auf der Positivseite?

Knierim: Es gibt kein Dorfgemeinschaftshaus, das während meiner Amtszeit nicht angefasst, saniert, um- oder angebaut wurde. Wir haben viele Straßen erneuert, zum Beispiel die Karl-Waldschmidt-Straße oder den Tiefen Graben in Erdhausen. Auch mit Verdruss auf Seiten der Anlieger, das weiß ich wohl, weil wir sie mit den Anliegerbeiträgen belasteten. Aber sonst funktioniert Straßenausbau nicht. Und wir haben nahezu in jedem Stadtteil Neubaugebiete erschlossen. Auch auf die Verbesserung der Sportstätten-Infrastruktur bin ich stolz.  Mit der Sanierung der maroden  Leichtathletik-Anlage und dem Bau des neuen Kunstrasenfeldes an der Biedenkopfer Straße haben wir in Gladenbach nun moderne Sportstätten. Und auch den seit vielen Jahrzehnten mitten in Gladenbach gelegenen größten Schandfleck beseitigen wir jetzt. Den Platz in Gladenbachs Mitte gestalten wir völlig neu. Es entsteht zusätzlicher Parkraum  und zugleich ein neuer Aufenthaltsbereich.  

OP: Die Innenstadtinsel war seinerzeit aber nur zweite Wahl, oder?

Knierim: Wir wollten zunächst das ehemalige Bahnhofsgebäude in das Förderprogramm aufnehmen lassen, aber die Verhandlungen mit der Bahn als Eigentümerin verzögerten sich. Deshalb haben wir dieses ebenfalls wichtige Projekt zurückgestellt und uns mit erster Priorität für die Neugestaltung des Stadtzentrums entschieden.

OP: Dessen Realisierung war aber auch nicht einfach.

Knierim: Es war sehr schwierig, mit allen Eigentümern in den Grundstücksverhandlungen einen einheitlichen Preis zu vereinbaren. Ende Oktober wird die Innenstadtinsel nun wahrscheinlich fertiggestellt sein.

OP: Das bedeutet, dass Sie dieses Projekt nicht einweihen werden.

Knierim: So wird es sein. Ich bin mit meinem Nachfolger Peter Kremer aber so verblieben, dass ich zur Einweihung des Platzes eingeladen werde.

OP: Ein anderes Projekt, dessen ersten Spatenstich Sie noch als Bürgermeister erleben wollten, war der Neubau am Kirchberg-Center. Daraus wird wohl auch nichts?

Knierim: Es gibt so viele Projekte, die fließend sind. Die kümmern sich nicht um einen Amtswechsel. Letztlich ist es aber  nicht entscheidend, wann der Spatenstich gemacht wird. Ich freue mich, dass ich ein solches Projekt mit auf den Weg bringen konnte. Dies wird eine weitere bedeutende Investition für die Zukunft Gladenbachs sein.

OP: Da wir gerade bei ihrem Nachfolger sind. Welche „Aufgaben“ hinterlassen Sie ihm?

Knierim: In Bezug auf die Umgestaltung des Bahngeländes und das ehemalige Bahnhofsgebäude hätte ich mir eine schnellere Entwicklung gewünscht. Eine große Aufgabe, aber zugleich eine große Chance wird es sein, etwas aus dem alten Bahnhofsareal zu machen.

Am Bahnhof ist Museum und Gastronomie denkbar
OP: Was ist am Bahnhof denkbar?

Knierim: Ein gastronomischer Betrieb – was nur mit Privatinitiative geht – oder ein Museum zum Beispiel. Eine solche Entwicklung wäre erfreulich – so wie die des Regionalmuseums Hinz Hoob. Vor 10 Jahren war es noch undenkbar, dass der Heimatverein Weidenhausen eine solche Bleibe finden würde. Das ist uns aber gelungen, wiederum mit Zuschüssen, diesmal von der EU. Aber dieses Museum strahlt in die Region aus, ebenso die Errichtung der Kulturscheune in Frohnhausen.

OP: Alles Projekte, die die Stadt künftig mit Kosten belasten.

Knierim: Dies trifft auf keines der beiden Projekte zu. Deren Kosten sind überschaubar. Wir haben ein Trägermodell ausgehandelt, das für andere Dorfgemeinschaftshäuser Mustercharakter hat. Das hängt natürlich auch von den Akteuren vor Ort ab, aber so müssten alle unsere Dorfgemeinschaftshäuser betrieben werden.

OP: Nochmal zu den Kosten. Wie soll es mit der SEB weitergehen, so wie bisher?

Knierim: Auch die SEB muss sich ständig neu erfinden, um  den Gästen einen Besuch in unserer Stadt lohnenswert zu machen. Eine Auflösung würde bedeuten, dass die Aufgaben von der Stadtverwaltung übernommen werden müssten. Um Kosten zu verringern, könnte man das Schwimmbad schließen. Den möchte ich aber sehen, der dies ernsthaft fordert.

OP: Was wird Bürgermeister a.D. Knierim ab dem 1. Oktober tun?
Knierim: Eine Pause einlegen, ein wenig Abstand gewinnen, mit meiner Frau verreisen – das habe ich mir für das nächste Vierteljahr vorgenommen. Einfach mal durchatmen. Ich möchte mehr Sport treiben, mehr Bücher lesen, mich um Haus und Hof kümmern. Konkrete berufliche Pläne habe ich noch nicht. Es ist aber auch noch zu früh, ganz aufzuhören. Deshalb möchte ich mich im neuen Jahr beruflich neu orientieren. Als Jurist hat man da ja einige Möglichkeiten. 

von Gianfranco Fain

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