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Nachhaltige Forstwirtschaft in Gefahr

Beförsterungskosten Nachhaltige Forstwirtschaft in Gefahr

Neben der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft könnte durch eine Anhebung der Kostenbeiträge für die Betreuung des Privatwaldes auch die Wohlfahrtswirkung des Forstes auf der Strecke bleiben.

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Die gute Zusammenarbeit zwischen dem Forstamt Biedenkopf und den betroffenen Waldbesitzern war Basis dafür, dass die Folgen von „Kyrill“ zügig bewältigt werden konnten.

Quelle: Hartmut Berge

Gladenbach. Das fürchten die Interessenvertreter der heimischen Waldbesitzer. In den Forstbetriebsgemeinschaften Gladenbach und Biedenkopf (FBGs) sind 10 500 Kleinprivatwaldbesitzer organisiert, die insgesamt etwa 10 000 Hektar Wald haben. Die sehr kleinen Parzellen seien eine Folge der historischen Realteilung des Erbes in unserer Region, erklärt Erwin Koch, Vorsitzender der FBG Gladenbach. So wie sein Kollege Klaus Uwe Koch, Vorsitzender der Kreisgruppe Biedenkopf des Hessischen Waldbesitzerverbandes, kritisiert er scharf die geplante Erhöhung der Beförsterungskosten.

Beide erinnern an den 3. Oktober – da fand in Gladenbach der zweite Hinterländer Waldbauertag statt. 10 000 Besucher erlebten, wie heute moderne nachhaltige Waldbewirtschaftung funktioniert. Die Veranstaltung, organisiert von der FBGs Biedenkopf  und Gladenbach sowie der Kreisgruppe der Waldbesitzer, in Zusammenarbeit mit dem Forstamt Biedenkopf, sei ein großartiger Erfolg gewesen, sagt Klaus Uwe Koch. Das hätten auch die Vertreter des für Forst zuständigen hessischen Fachministeriums bestätigt.

Auch deshalb sei man sehr schockiert gewesen, als drei Wochen später die Information kam, das Land Hessen werde die Beförsterungskosten um das 10- bis 15-fache erhöhen.

Das bisher kostenlose Markieren der zu fällenden Bäume soll künftig fünf Euro je Festmeter kosten. Hinzu komme quasi eine Umsatzbeteiligung am Holzverkauf: abhängig von der Flächengröße – 15 bis zu 20 Prozent des Erlöses, die an Hessen-Forst abgegeben werden sollen, erklärt Klaus Uwe Koch.

Er rechnet vor: 2012 vermarkteten die Forstbetriebsgemeinschaften 13 046 Festmeter Holz mit einem Verkaufswert von 950 052 Euro. Beförsterung und Vermarktung verursachten Kosten von 19 046 Euro. „Die gleiche Leistung sollte nachdem Willen der hessischen Landesregierung 142 507 Euro kosten“, sagt er.

Arbeitsgruppe tagt in der nächsten Woche erneut

Offiziell wurden die Interessenvertreter der Waldbesitzer am 7. November über die neue Privatwaldverordnung informiert. Nach dem ursprünglichen Plan des Ministeriums sollte die Gebührenerhöhung gleich zum neuen Jahr in Kraft treten.

Am 19. November trafen sich in Alsfeld die Vorsitzenden der Forstbetriebsgemeinschaften Hessens mit Vertretern des Ministeriums und von Hessen-Forst. Wenig später wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, in der die Gebühren nochmals diskutiert werden sollten. Klaus Uwe Koch vertritt dort die Kleinprivatwaldbesitzer. Am 17. Dezember tagte die Gruppe erstmals. Die zusätzlichen Mehreinnahmen für die Beförsterung hätten nicht zur Verhandlung gestanden, letztlich sei bisher nur die Aufteilung diskutiert worden. Am 26. Januar soll die nächste Sitzung stattfinden, mit der Ankündigung, bis zum 1. April stehe die neue Gebührenordnung, berichtet Koch.

Der Wald, auch der Kleinprivatwald, erbringe eine Vielzahl an gesellschaftsbezogenen Leistungen. Der Waldbesitzer müsse seinen Besitz zum Wohle der Allgemeinheit, nach forstlichen und landschaftspflegerischen Grundsätzen, und damit auch unter anderem die Klimaschutz- und Erholungsfunktion, erhalten. „Dafür gab es moderate Beförsterungskosten“, betont Klaus-Uwe Koch.

In einem Bericht des hessischen Ministeriums des Inneren und Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz aus dem Jahre 1997 sind diese gesellschaftsbezogenen Leistungen des Waldes mit 1900 Euro berechnet. Abzüglich der Holzproduktionsleistung erbringe jeder Waldbesitzer für die Gesellschaft eine Leistung von 1565 Euro je Jahr und Hektar, sagt Koch.

Auch Erwin Koch fürchtet, dass die nachhaltige Forstwirtschaft – das Prinzip, nur soviel Holz zu entnehmen, wie nachwächst – mit der geplanten Erhöhung der Beförsterungskosten aufs Spiel gesetzt wird. Das werde den Wald kaputt machen, warnt er.

Die einen, deren Wald zu klein sei, würden nichts mehr machen, weil die Arbeit im Verhältnis zum Erlös nicht mehr wirtschaftlich sei. Andere würden auf die fachkundige Beförsterung verzichten, die Holzernte
laufe dann direkt mit den Unternehmen, also rein gewinnorientiert.

Teile des Waldes könnten für die Erholung der Bevölkerung verloren gehen, fürchtet Klaus  Uwe Koch und erklärt: Wenn die Waldbauern kein Geld mehr haben, können sie auch die Wege nicht mehr pflegen.
Beide Vorsitzende betonen die gute Zusammenarbeit zwischen den Interessenvertretungen der Waldbesitzer und dem Forstamt. Und sie fürchten, dass viele künftig auf diese so wichtige fachkundige Betreuung aus Kostengründen verzichten könnten.

Alle Seiten hoffen auf weitere Zusammenarbeit

Das gute Miteinander hebt auch die Leiterin des Forstamtes Biedenkopf, Sigrid Krawielitzki, hervor. Ohne diese Zusammenarbeit hätte man beispielsweise die für den Forst schlimmen Folgen des Orkans Kyrill nicht bewältigen können. Sie hofft, dass diese Zusammenarbeit bestehen bleibt und am Verhandlungstisch für alle Seiten tragbare Lösungen gefunden werden.
Hessen-Forst informierte unter dem Titel „Privatwaldinfo“

vor wenigen Tagen über die neuen Kostenbeiträge. „Auf der Grundlage der jeweiligen hessischen Forstgesetze werden die Betreuungsleistungen vom Land Hessen unterstützt und zu außerordentlich günstigen Konditionen angeboten“, heißt es in dem Informationsschreiben. Weiter wird daran erinnert, dass die letzte „behutsame Erhöhung“ der Betreuungsentgelte für den Privatwald vor zehn Jahren erfolgt sei.

Die betreuten Privatwaldbesitzer entrichteten jährlich „für die umfassende forstliche Betriebsführung einen Betrag von rund 730 000 Euro (2013)“, rechnet Hessen-Forst vor und ergänzt, dem stehe bei Gesamterlösen der Waldbesitzer von jährlich 30 Millionen Euro ein Gesamtaufwand in der Unterstützung des Privatwaldes von rund 7 Millionen Euro gegenüber: für die betriebsbezogene fachliche Steuerung und die Gewährleistung der waldbaulichen Nachhaltigkeit. Mit Blick auf die Schuldenbremse habe die Landesregierung auf diese Entwicklung reagiert und sich zu einer Anhebung der Entgelte für die staatliche forstliche Betreuung im Privatwald auf 3,6 Millionen Euro entschlossen, wird weiter erklärt.

Damit würden etwa 50 Prozent der tatsächlichen Kosten ausgeglichen und ein vergleichbares Niveau wie im betreuten Kommunalwald erreicht. Kostenlos soll weiterhin die Unterstützung der Betriebe sein, soweit es um Leistungen geht, „die dem Allgemeinwohl in besonderer Weise dienen“.

Mit der jüngsten „Privatwaldinfo“ reagiert Hessen-Forst auch auf die wachsende Kritik und Unsicherheit vor allem unter den Kleinprivatwaldbesitzern.

Bis zum Abschluss der Gespräche mit dem Hessischen Waldbesitzerverband und der dann wirksam werdenden Richtlinie werde die Betreuung der Wälder  wie gewohnt zu den bisherigen Konditionen weitergeführt. „Es besteht also kein Anlass, sich in der bevorstehenden Erntesaison zurückzuhalten und auf die notwendige Waldpflege zu verzichten“, teilt Hessen-Forst mit. Die Landesbetriebsleitung in Kassel geht davon aus, dass ab Frühsommer den Forstbetriebsgemeinschaften Anpassungsvorschläge für die bestehenden Verträge zugeleitet werden können.    

von Hartmut Berge

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