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Nach zwei Jahren Pause geht‘s wieder los

Rollstuhltraining Nach zwei Jahren Pause geht‘s wieder los

In der Bad Laaspher Schlossbergklinik trainieren Rollstuhlfahrer gemeinsam mit Laaspher Schülern Situationen des Alltags.

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Der Schüler Fabian Gärber passiert eine Rampe. Ralf Eller (links) und Übungsgsleiter Wolfgang Henkel schauen zu. Die Teilnehmer des Rollstuhlsport-Trainings freuen sich über die Wiederaufnahme des Trainings in der Turnhalle der Schlossbergklinik. Fotos: Björn-Uwe Klein

Bad Laasphe. Nur wenige gesunde Menschen denken sich etwas dabei, wenn sie über Bordsteine gehen, den Laden um die Ecke betreten oder Treppenstufen auf- und absteigen. Für viele ist dies zu selbstverständlich, zu alltäglich, als dass man sich Gedanken darüber machen müsste. Welche oft unüberwindlichen Hindernisse aber selbst die Türschwelle beim Bäcker oder ein nicht barrierefrei gestalteter Bordstein für einen Rollstuhlfahrer bereiten kann, wird vielen Menschen erst dann klar, wenn sie selbst die Erfahrung eingeschränkter Mobilität machen.

Auch in den Ferien kommen Schüler zur Übungsstunde

Die Bewältigung spezifischer Alltagssituationen von Rollstuhlfahrern ist zentraler Bestandteil eines Rollstuhlsport-Trainings, das nach mehr als zweijähriger Unterbrechung nun wieder in der Turnhalle der Schlossbergklinik angeboten wird. Unter der Leitung von Wolfgang Henkel trainieren Rollstuhlfahrer aus Wittgenstein, dem Hinterland und dem Lahn-Dill-Kreis zweimal wöchentlich gemeinsam mit Schülern des Gymnasiums Schloss Wittgenstein.

An diesem Nachmittag ist die Turnhalle ein einziger Parcours. Rampen und Pylonen markieren einen anspruchsvollen Hindernis-Pfad. Die Pylonen sollen helfen, die Manövrierfähigkeiten in räumlicher Enge zu verbessern. Die Rampen konfrontieren die Rollstuhlfahrer mit der Problematik von Stufen. Eine Rampe erfolgreich zu passieren, verlangt dem Oberkörper eines Rollstuhlfahrers nicht selten einige Anstrengung ab.

Ziel ist es, das Körpergewicht so dosiert nach hinten zu verlagern, dass ein Rollstuhl sich zwar anhebt, die Vorderräder also auf die Rampe aufsetzen können, der Rollstuhl aber nicht nach hinten kippt. Ein Balance-Akt.

Henkel erklärt einem Trainingsteilnehmer, wie er seine Oberkörperhaltung verbessern kann. Stets ist der Trainingsleiter zur Stelle, wenn eine Übung nicht geklappt hat, und gibt Hilfestellungen beim Wiederholen.

Henkel leitete das Rollstuhlsport-Training in der Klinikturnhalle bereits von 1983 bis 2010. Als Sport- und Religionslehrer am Gymnasium Schloss Wittgenstein machte er auch viele seiner Schüler mit dem Projekt vertraut, um jungen Menschen die Möglichkeit eines Perspektivwechsels zu geben.

Als die Laaspher Kliniken Anfang 2011 insolvenzbedingt geschlossen wurden, konnte das Training in der Klinik vorerst nicht mehr stattfinden. Nun, da mit dem Gesundheitszentrum Wittgenstein neues Leben in die Klinikhäuser eingezogen ist, wurde eine Wiederaufnahme des Trainings möglich. Zehn Teilnehmer kamen vergangene Woche zum ersten Training seit mehr als zwei Jahren. Auch in dieser Woche wurde trainiert. Henkel hofft auf regen Zuspruch.

Aus dem Haus „Life“, das seinen Betrieb am alten Standort in der Schlossbergklinik wieder aufgenommen hat, hätten sich bereits Trainingsinteressenten angekündigt, so Henkel.

Ebenso aus der von ihm geleiteten Rollstuhlbasketballgruppe, die mittwochs in der Unteren Schulturnhalle von Gymnasium und Realschule Schloss Wittgenstein trainiert. Und auch frühere Teilnehmer, zum Teil ehemalige Patienten der Schlossbergklinik, nutzten die wieder bestehende Trainingsmöglichkeit. Einer von ihnen ist Ralf Eller, ein Teilnehmer der ersten Stunde.

30 Jahre sind seit seinem ersten Aufenthalt als Patient in der Schlossbergklinik vergangen, ebenso lange ist es her, dass er erstmals in Henkels Trainingsgruppe mitmachte. Seine Freude über die Wiederaufnahme des Trainings ist groß.

30 Jahre Training, das verbindet. Und so kommen Eller und Henkel im Laufe des Nachmittags immer wieder auf gemeinsame Erinnerungen aus den vergangenen drei Jahrzehnten zu sprechen.

Auch Klaus Gramsch, der Leiter der Selbsthilfegruppe bei Parkinson für das südliche Wittgenstein, blickt auf jahrzehntelange Erfahrung in Henkels Trainingsgruppe zurück. In der Selbsthilfegruppe sei das Interesse an dem wieder bestehenden Angebot groß, sagt Gramsch. So mancher warte nur darauf, (wieder) mit dem Rollstuhl zu trainieren. Regelmäßiges Training sei für Parkinsonpatienten von entscheidender Bedeutung: „Für Kranke ist es das Wichtigste, mobil zu bleiben, sich sicher zu fühlen, Muskeln zu aktivieren, die Koordination zu stärken. Vielen fehlt das, hier bekommt man es beigebracht“, sagt Gramsch.

Auch die teilnehmenden Schüler wissen das Training zu schätzen. So auch Fabian Gärber und Enrike Rauschenberg aus der Klasse 9b von Wolfgang Henkel. Beide haben so viel Freude an dem gemeinsamen Training, dass sie sogar während der Sommerferien kommen.

„Es macht mir sehr viel Spaß“, versichert Enrike Rauschenberg. „Das ist integrativer Sport, davon können alle nur lernen und profitieren.“

Nach der Erprobung zahlreicher Alltagssituationen gehen Henkel und die Trainierenden zum spielerischen Teil über. An diesem Nachmittag steht unter anderem Rollstuhl-Badminton auf dem Programm.

Das Rollstuhlsport-Training steht allen Interessierten offen. Wer mitmachen möchte, kann Kontakt zum Gesundheitszentrum Wittgenstein aufnehmen oder einfach vorbeikommen: dienstags und donnerstags ab 16 Uhr in der Turnhalle der Schlossbergklinik.

Am 18. September lädt die Selbsthilfegruppe Parkinson zu einem Vortrag ein. Der Neurologe Alexander Simonow referiert über die Behandlung mit Medikamenten-Pumpen.

von Björn-Uwe Klein

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