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Nach Marathon das Verfahren eingestellt

Gericht Nach Marathon das Verfahren eingestellt

Acht Stunden verhandeln die Parteien vor dem Amtsgericht einen Sachverhalt, der dreizehn Monate zurückliegt. Am Ende wurden alle Verfahren eingestellt.

Biedenkopf. Angeklagt waren am Donnerstag drei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, die bei einer Party im KSF-Zentrum Bad Endbach am 15. Januar 2012 nach ein Uhr einen damals 20-jährigen Gast „misshandelt und körperlich geschädigt“ haben sollen.

Nach Vernehmung von Angeklagten, Geschädigtem und neun Zeugen ist unstrittig, dass der alkoholisierte 20-Jährige vom Sicherheitsdienst nicht in den Innenraum gelassen wurde und nach dem dritten Versuch - „eigentlich wollte ich nicht, aber eine Freundin wollte nochmal mit dem Türsteher reden“ - von diesem im Polizeigriff vom Gelände geführt wurde.

Dabei beleidigte der Abgewiesene den Sicherheitsdienst-Mitarbeiter als Hurensohn, worauf erst der Türsteher dem Abgewiesenen und dann der Abgewiesene dem Türsteher ins Gesicht schlug.

Ein zweiter „Security“-Mann eilte dem Kollegen zu Hilfe, trat dem Gefangenen die Beine weg und beide drückten den Heranwachsenden auf den Gehweg. Unklar ist, woher die Gesichtsverletzungen des Geschädigten stammten. Eine Rechtsmedizinerin erkannte auf Bildern der Tatnacht Blessuren in der rechten Gesichtshälfte sowie Schürfungen an Auge und Kinn, die auf sechs, sieben Faustschläge zurückgeführt werden könnten.

Der Geschädigte erinnert sich: Als er auf dem Boden gelegen habe, hätten zwei Männer an seinem Kopf „gearbeitet“, ihm 15 bis 20 Faustschläge verpasst. Der zweite Angeklagte gestand zwei Ohrfeigen gegen das fixierte Opfer, das gezappelt und versucht habe, die umstehenden Leute aufzuhetzen.

„Er sollte aufhören, ich hatte keine Lust, angegriffen zu werden“, sagte der Angeklagte, der die Verletzungen des Opfers nicht mit den Ohrfeigen sondern dessen Fall auf den Gehweg erklärte. Allerdings schloss das Opfer eine Beteiligung des Geständigen sowie des dritten Angeklagten aus.

Den ersten, schweigenden Angeklagten identifizierte er als den, der ihn abgeführt, geboxt und später auf ihm gehockt habe.

Detailfragen konnte der Hauptbelastungszeuge ein Jahr nach der Tat nicht beantworten - und eigentlich hätte der Prozess nicht stattfinden sollen: Seine Anzeige hatte der heute 21-Jährige damals bei der Polizei zurückziehen wollen. Auch jetzt lehne er eine Verfolgung der Sache und Schmerzensgeld ab. Die Verletzungen seien spurlos verheilt.

Richter Mirko Schulte bot Oberamtswalt Reinhard Hormel und den Verteidigern ein vermittelndes Rechtsgespräch an. „Das halte ich in diesem Stadium für sinnvoll“, so Schulte, der danach den Prozess gegen zwei Angeklagte einstellte - ohne Kosten gegen den dritten und gegen den zweiten nach Zahlung von 600 Euro an einen gemeinnützigen Verein. Doch der erste lehnte einen Kompromiss ab und löste einen Vernehmungsmarathon aus: Darin beschrieben die Entlastungszeugen ihren Kollegen als „ruhig und besonnen“ und erinnerten sich nicht, fliegende Fäuste gesehen zu haben. Eine Belastungszeugin hatte die Männer des Sicherheitsdienstes aggressiv erlebt, eine zweite in Erinnerung behalten, wie zwei Türsteher den Kopf des Opfers auf den Boden schlugen und sie ihre Hand schützend dazwischen gehalten hatte. Auch sie erinnerte sich nicht an die Gesichter der beiden „Securitys“.

Von den Freunden erfuhr das Gericht von einem früheren Unfall des Geschädigten, bei dem er schwere Kopfverletzungen erlitt und der noch Gedächtnislücken verursache. Für Tronje Döhmer, den engagierten Verteidiger des verbliebenen Angeklagten ein Grund, die Aussagefähigkeit des Opfers anzuzweifeln.

Schulte bestätigte, dass ein Urteil nicht ohne ein entsprechendes Gutachten und die Aufnahme weiterer Beweise gefällt werden könne.

Erneut schlug der Oberamtswalt aus „prozessökonomischen Gründen“ die Einstellung des Verfahrens, ohne staatliche Übernahme der Anwaltskosten, vor.

Dem stimmte der Angeklagte zu, sein Anwalt hätte „um das Spektakel zu vermeiden“ bereits die erste Lösung mitgetragen.

Zwischen dem Rechts- und Oberamtsanwalt war die Spannung während der Verhandlung gestiegen, weil Hormel fand, Döhmer stellte Geklärtes immer wieder in Frage - was letztlich zur Verlängerung der Verhandlung führte. Nach acht Stunden schloss Mirko Schulte die Akte und stellte das Verfahren ein. Er betonte: „Ich trage das mit, weil der Geschädigte selbst keine Verfolgung will!“

von Benedikt Bernshausen

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