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Nach Entlassung nur drei Tage Urlaub

Nach Entlassung nur drei Tage Urlaub

Der gebürtige Marburger Ernst Hubert von Michaelis berichtete Laaspher Schülern als Zeitzeuge von seiner achtmonatigen Stasi-Haft.

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Vor Schülern des Geschichte-Leistungskurses berichtete Ernst Hubert von Michaelis (Vierter von links) über seine Zeit als politischer Gefangener in der DDR.Foto: Björn-Uwe Klein

Bad Laasphe . Kurz vor ihren Abiturprüfungen haben 13 Schülerinnen und Schüler des Bad Laaspher Gymnasiums Schloss Wittgenstein Geschichtsunterricht einmal anders erlebt. Zu Gast in dem von Wolfgang Henkel unterrichteten Geschichte-Leistungskurs der Jahrgangsstufe 12 war ein Zeitzeuge: Ernst Hubert von Michaelis, ehemaliger Bürgermeister von Bad Arolsen und acht Monate lang Häftling der Stasi.

Der gebürtige Marburger war bei seinem Amtsantritt mit nur 34 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister Hessens. Das war im Juni 1984. Ein halbes Jahr später brach er zu seiner folgenreichen Reise nach Westberlin auf. Der junge Bürgermeister war eingeladen zum Weihnachtskonzert eines Arolser Jugendchores in Charlottenburg-Wilmersdorf, dem Partnerbezirk des Landkreises Waldeck-Frankenberg. Doch auf dem Weg dorthin wurde er von Volkspolizisten der DDR auf der Transitstrecke verhaftet.

Ernst Hubert von Michaelis wusste nicht, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Sieben Jahre zuvor hatte er einem befreundeten Paar aus Thüringen Fluchthilfe geleistet, das die DDR im Kofferraum eines Autos verlassen wollte. Der Versuch scheiterte, das junge Paar - eine Studentin und ein Arztsohn, der in der DDR wegen seines akademischen Familienhintergrunds nicht studieren durfte - wurde verhaftet. Das Urteil: Drei Jahre Freiheitsstrafe.

Bei ihrer Vernehmung nannten die beiden den Namen Ernst Hubert von Michaelis - in der Annahme, dass diesem nichts geschehen könne; er war ja Bundesbürger. Und er hatte die Flucht weder geplant noch verwirklicht, sondern lediglich Kontakte hergestellt. So aber gelangte der Name des Hessen in die Unterlagen der Stasi. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, ordnete seine Festnahme an.

Bei Fluchtversuch alsVermittler gewirkt

Dass er bei dem missglückten Fluchtversuch 1977 zumindest indirekt eine Rolle gespielt hatte, war von Michaelis bewusst. Deshalb erkundigte er sich vor Antritt seiner Westberlin-Reise beim Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, ob Bedenken gegenüber seinen Reiseplänen bestünden. Bedenken seitens des Ministeriums habe es aber keine gegeben, sagt er. Und so nahmen die Dinge ihren folgenschweren Lauf.

Wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ wurde von Michaelis nach seiner Verhaftung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Dass Fluchthelfer härter bestraft wurden als die Flüchtigen selbst, war nichts Ungewöhnliches. Der Fahrer des jungen Paars bekam sieben Jahre. Die Bundesregierung protestierte gegen von Michaelis‘ Inhaftierung - zunächst ohne Erfolg. Zweimal trafen DDR-Regierungschef Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl während seiner Haftzeit zusammen. Beide Male, so Ernst Hubert von Michaelis, habe Kohl gefragt, „wann der Bürgermeister freikommt.“ Frei kam er nach acht Monaten - im Zuge eines Spionageaustauschs im August 1985. Seine vorzeitige Haftentlassung sei sicherlich durch den Druck der Bundesrepublik zustande gekommen.

Ruhig und sachlich schilderte der Zeitzeuge seine Erlebnisse: Wie er urplötzlich aus seinem gewohnten Leben herausgerissen wurde, wie er seine Haft erlebte, wie es anschließend weiterging. Man dürfe ihn alles fragen, sagte er. Wie er die Haftzeit verbracht habe, lautete eine Frage. „Ich habe viel gelesen und Sport getrieben.“ Sich abzulenken, sei ihm ganz wichtig gewesen. Sein Recht auf einen einstündigen Freigang nahm er täglich wahr - sehr zum Unmut des Anstaltspersonals auch bei Wind und Wetter. Von Michaelis betonte, dass er als Bundesbürger bessere Haftbedingungen erlebt habe als die politischen Gefangenen der DDR. Er hatte einen Anwalt, wurde von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR betreut und sogar mit Apfelsinen versorgt, die er sich mit einem Mitgefangenen teilte. Nach vier Monaten wurde er von Hohenschönhausen nach Bautzen II verlegt, wo er bis zu seiner Entlassung blieb.

Freikauf war ein recht sicherer Weg in die Freiheit

Wie es für ihn nach der Haft weiterging, wollte ein Schüler wissen. „Nach der Entlassung habe ich mir drei Tage Urlaub genommen, dann als Bürgermeister weitergemacht.“ Ob er Kontakt zu seinen damaligen Mitgefangenen habe, lautete eine weitere Schülerfrage. Von Michaelis verneinte dies. Er habe bewusst keinen Kontakt gesucht, da er die Zeit in Haft hinter sich lassen und nicht mehr daran erinnert werden wollte.

Im Gespräch zwischen Ernst Hubert von Michaelis und den Schülern ging es nicht nur um die persönliche Geschichte des Zeitzeugen. Bewusst suchte von Michaelis den Dialog mit den Jugendlichen, die allesamt nach der Wende geboren wurden.

Einiges von dem, was von Michaelis über die deutsche Teilung und die damit verbundenen Lebensverhältnisse berichtete, war den Schülern bekannt. Es von einem Zeitzeugen zu hören, beeindruckte sie sichtlich. Und einiges war ihnen doch neu: etwa die Ideen, die DDR-Bürger entwickelten, um ihr Land zu verlassen.

Eine beliebte Methode sei es beispielsweise gewesen, einen an Helmut Kohl adressierten Brief abzuschicken. Dies brachte dem jeweiligen Absender drei Jahre Haft ein. Drei Jahre, die der Absender bewusst in Kauf nahm und in denen man darauf hoffen konnte, freigekauft zu werden. „Der Freikauf war eine ziemlich sichere Bank, um von der DDR in die Bundesrepublik zu kommen“, sagte Ernst Hubert von Michaelis, der einen nachdenklichen Geschichtskurs hinterließ.

von Björn-Uwe Klein

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