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Nach Auszug fehlen vier Schlüssel

Aus dem Amtsgericht Nach Auszug fehlen vier Schlüssel

Hin und wieder landen mutmaßlich belanglose Vergehen vor Gericht. 
So wie im Fall eines 
jungen Elternpaares aus 
dem Hinterland, das sich 
wegen einiger verlorener Schlüssel mit ihrem 
Vermieter streitet.

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Mieter und Vermieter trafen vor Gericht im Streit um abhanden gekommene Schlüssel aufeinander.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Angeklagt waren die beiden 28 Jahre alten Beschuldigten wegen Unterschlagung von vier Schlüsseln, die zu ihrer ehemaligen Wohnung gehören. Dem Prozess voran ging jedoch ein monatelanger Mietstreit. Von Mitte 2012 bis Mitte 2013 lebte das frühere Paar gemeinsam mit drei Kindern in einer Mietwohnung im Hinterland. Nach der Trennung zog der Vater aus, die Mutter konnte die Miete nicht mehr begleichen, blieb jedoch in dem Haus wohnen, bis ihr die fristlose Kündigung zugestellt wurde.

Nach dem Auszug beschuldigte der Vermieter die Familie, die Wohnung in einem miserablen Zustand und zum Teil beschädigt hinterlassen zu haben. Eine Zivilklage blieb erfolglos. Den Vorwürfen widersprachen die ehemaligen Mieter. „Wir haben die Wohnung nicht beschädigt hinterlassen“, betonte die Angeklagte. Nach der fristlosen Kündigung habe sie fluchtartig die Wohnung verlassen müssen.

Der Grund: „massiver Druck“ seitens des Vermieters und eines Bekannten. Die beiden Männer hätten wiederholt vor ihrer Wohnung gestanden, die Mandantin unter Druck gesetzt und ihr ein 24-Stunden Ultimatum für den Auszug gestellt, bis sie „Knall auf Fall aus der Wohnung flüchtete“, betonte Verteidiger Joachim Löscher.

„Ich hatte Angst“, ergänzte die Angeklagte. Da sei keine Zeit für eine umfangreiche Renovierung geblieben, die fehlenden Schlüssel in der Hektik wohl verloren gegangen, „die sind einfach weg“. Auch ihre eigene Küche, die sie in die Wohnung eingebracht hatte, konnte sie nicht mehr mitnehmen. Zudem fehlten bis heute mehrere Sachen der Kinder samt ­einer wertvollen Spielkonsole, erklärte die Beschuldigte. Die Miet­rückstände zahle das ehemalige Paar in Raten ab, bisher hätten sie 2000 Euro beglichen.

Vermieter beziffert Schaden auf 15.000 Euro

Generell sei das Ganze strafrechtlich nicht fassbar und eine zivilrechtliche Angelegenheit, „so eine Anklageschrift habe ich auch noch nicht gesehen“, kritisierte der Verteidiger den Prozess und sprach sich für eine Einstellung aus.

Dies sah der Vermieter anders. Die Wohnung wurde „in einem sehr schlechten Zustand“ übergeben, dies dokumentieren mehrere Fotos, betonte der Geschädigte. Zudem gehe es bei der Sache um mehr als ein paar Schlüssel, die ehemaligen Mieter hätten bei ihrem Auszug etwa einen Toilettendeckel entwendet, einen anderen beschädigt. Neben dem Vorwurf der Unterschlagung beinhaltete die Anklageschrift daher auch Sachbeschädigung, zwei der drei Anklagepunkte wurden jedoch bereits vor der Verhandlung eingestellt.

Nachdem vier Monatsmieten ausstanden, übergab er die fristlose Kündigung und habe mit seinem Bekannten „durch Zureden“ dafür gesorgt, dass die Mieterin „relativ schnell“ innerhalb weniger Tage auszog, ­erklärte der Vermieter. Dabei seien zwar „heftige Worte“ gefallen, von massiven Druck könne jedoch keine Rede sein, so der Zeuge. Nach dem Auszug habe er Küche und rest­liche Sachen der Mieter entsorgen, die ­Wohnung komplett ­renovieren müssen. Diese Kosten und der Mietausfall lägen bei etwa­ 15.000 Euro, ärgerte sich der Zeuge.

„So hinterlässt man keine Wohnung“, befand auch Oberamtsanwalt Reinhard Hormel mit Blick auf die vorliegenden Beweisfotos. Es gebe daher zwar durchaus Anhaltspunkte für die Vorwürfe, aufgrund der geringwertigen Sache erklärte sich der Anklagevertreter mit einer Einstellung des Verfahrens jedoch einverstanden. Strafrichterin Antonia Alles stellte den verbliebenen Tatvorwurf schließlich ein.

von Ina Tannert

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