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Nach 25 Jahren Zielbahnhof erreicht

Modelleisenbahn Nach 25 Jahren Zielbahnhof erreicht

Sehr lang mussten die Schienenstrecken werden, ehe die überlangen Modellzüge von Wolfgang Kohl als Ganzes am Dirigenten vorbeifahren können.

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Acht Meter lang ist die Modelleisenbahn-Anlage von Wolfgang Kohl. Der 67-Jährige steuert und überwacht seine unzähligen Züge von seiner Kommandozentrale aus.

Quelle: Tobias Hirsch

Steffenberg. Wenn es draußen kalt und dunkel ist und die Tage kurz sind, schlägt die Stunde der Modellbahnfreunde. In dieser Jahreszeit baut der Vater mit dem Sohne dessen erste Modelleisenbahn, die womöglich unterm Tannenbaum lag, auf und der Spielspaß beginnt.

„Viel Spielen war noch nicht“, bekennt dagegen Wolfgang Kohl, obwohl er seine Anlage auch vor kurzem fertigstellte. Dabei unterscheidet sich der 67-Jährige von der klassischen Vater-Sohn-Startpackung-Situation nur in einem: Der Steffenberger brauchte nicht wenige Minuten bis die Anlage stand, er baute rund 25 Jahre lang.

Doch auch für den Rentner war der Grundstein eine Startpackung - die des Sohnes -, aus der im Dachgeschoss seines Hauses allmählich eine Anlage von fast unüberschaubarem Ausmaß entstand. Die Modellbahn-Faszination packte Kohl aber schon viel früher, als er neun Jahre alt, selbst noch ein Kind war.

Zwar interessierte er sich schon in seiner Heimatstadt Gröditz in der ehemaligen DDR für die Eisenbahn, doch mit der Miniaturausgabe kam er erst nach der Flucht 1956 im Kreis seiner neuen Schulkameraden in Berührung. „Schon damals hätte ich auch gern eine gehabt“, erinnert sich Wolfgang Kohl, „doch wir hatten nichts mehr und so hatte ich auch keine Modellbahn.“

Neben der Arbeit wuchs und wuchs die Anlage

Viele Jahr später, nach der Lehre als Modellschreiner, die er mit 13 Jahren begann, und der Gründung seiner eigenen Familie erfüllte er sich diesen Traum. Allmählich nur, denn neben den finanziellen Möglichkeiten mangelte es auch an der Zeit. Doch neben seiner Arbeit im Steinbruch auf Gemeindegebiet wuchs und wuchs die Anlage. Mit der Zeit weiteten sich die Pläne immer mehr aus, sodass sogar eine Wand weichen musste, damit Kohls Landschaft ihre jetzige Länge von rund 8 Metern bei einer Breite von bis zu 2,5 Metern erreichte.

Manchmal arbeitete er bis drei Uhr nachts an seiner Anlage, erzählt Kohl: „Ich hätte nicht schlafen können, bis etwas fertig war und funktionierte.“ Allein anderthalb Jahre benötigte er für die Gestaltung der Landschaft und die Verkabelung der unzähligen Lampen in Häusern oder Straßenlaternen.

Auf dem Rollbrett liegend Gymnastik betrieben

Mehrere Dörfer hat er erschaffen, Szenerien entworfen wie einen Feuerwehreinsatz an einem brennenden Haus oder einen Verkehrsunfall mit Einsatz von Rettungsteams. Natürlich gibt es auch den klassischen Bahnhof, den Lokomotivschuppen samt Drehscheibe oder den Güterumschlagplatz und ein Windrad.

Aber eigentlich ist alles nur Beiwerk für die Leidenschaft, Züge fahren zu sehen. Am liebsten mag Kohl sie sehr lang und in der Originalzusammenstellung, „so wie sie mal gefahren sind“, zum Beispiel den Amtrac-ICE, den zu einer ICE-Strecke gehörenden Tunnelrettungszug, den Lufthansa-Zug, den Blue-Star-Train oder einen US-amerikanischen Güterzug mit einer „Big-Boy“ an der Spitze. Auch um deren Vorbeifahrt richtig genießen zu können, hat Kohl die Anlage in ihren jetzigen Ausmaßen gebaut. Rund 20 Meter legen die Züge auf dem Gleis der äußeren, längsten Runde zurück. Über Schleifen und Kehren fahren die Züge auf mehreren Ebenen, durchfahren Tunnel und Wände und treffen sich an einem der zwei Bahnhöfe.

Über alles wacht Wolfgang Kohl an seiner Kommandozentrale mit Gleisplan, Stellpulten und mehreren Transformatoren, von wo aus ein armdicker Kabelstrang unter die Anlage führt. Unter der arbeitete er auf einem Rollbrett. „Das war meine Gymnastik“, bekennt er schmunzelnd. Wie viel Kabel und Schienen, manche davon sind 50 Jahre alt, er verbaut hat, vermag Kohl nicht zu sagen, nur dass es rund 60 Weichen sind.

Zehn Jahre auf dreigliedrige Lokomotive gewartet

Während der langen Bauzeit wuchs auch die Sammelleidenschaft. Hunderte Lokomotiven besitzt er mittlerweile und rund 1000 Waggons füllen seine Regale. Und dass er Ausdauer hat, beweist nicht nur die lange Bauzeit, sondern auch seine Sammelleidenschaft. Sein Lieblingsobjekt, eine LKAB, das Modell einer dreigliedrigen Lokomotive, die in Schweden zum Ziehen überlanger Erzzüge eingesetzt wird, darauf wartete er 10 Jahre, bis sich die Gelegenheit zum Kauf bot. Sie wird komplettiert von 21 Erzwagen.

Alles, was Kohl an rollenden Objekten hat, stand schon mindestens einmal auf der Anlage und das nicht zum Spielen. Das, was früher Anlage und Vorstellungskraft erzeugten, hat heute die Mikroelektronik übernommen. Da gibt es Speisewagen, in denen der Kellner die Bestellung aufgibt, oder das Fett in der Pfanne brennt, Schlafwagen, in denen die Reisegäste schnarchen, oder Werkstattwagen, aus denen es nach Hämmern, Sägen und Schleifen klingt.

Fahrbetrieb heißt heute das Zauberwort der Modellbahnfreunde. Doch wenn Wolfgang Kohl mehrere Züge über die Gleise dirigiert und einer direkt vor seinen Augen vorbeifährt, dann ist da das Leuchten aus den Kindheitstagen wieder da. „Das hält einen jung“, sagt der 76-Jährige.

von Gianfranco Fain

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