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Nach 150 Jahren ist der Wolf wieder da

Naturschutz Nach 150 Jahren ist der Wolf wieder da

Lange waren Wölfe aus Deutschland verschwunden. Jetzt ziehen die Grauhunde offenbar wieder in die Wälder ein. Dies weckt gemischte Gefühle, berichtet Volker Klingelhöfer von der Jägervereinigung Hinterland.

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Nach 150 Jahren gibt es in Hessen wieder in Freiheit lebende Wölfe zu bestaunen – oder zu fürchten.

Quelle: Michael Hoffsteter

Gladenbach. Wenn der Wolf in der Vergangenheit nur aus Märchen, dem Fernsehen oder Tierparks bekannt war, so wird die Bevölkerung neuerdings direkt mit „Isegrim“ konfrontiert. Immer häufiger werden jetzt in Deutschland Wölfe gesichtet.

Bisher waren sie vorwiegend in östlichen Bundesländern, wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern anzutreffen. Aber nun sind einzelne Tiere auch in Hessen aufgetaucht. Kürzlich ist an der Autobahn bei Frankfurt ein solches Tier dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen.

Die Rückkehr des Wolfes beschäftigt etliche Bevölkerungsgruppen. So war er auch Thema bei der Jahreshauptversammlung der Jägervereinigung Hinterland. Dort war in einem Diorama mit Dermoplastiken von Wildtieren, wie Hirsch und Reh, auch der Wolf aufgestellt.

Die Ausstellung des Raubtieres sei in der Jägerschaft unterschiedlich aufgenommen worden, berichtet Volker Klingelhöfer, Pressesprecher der Jägervereinigung Hinterland, der jedoch die Präsentation des Raubtieres als richtig empfand. „Ich denke, dass es angebracht war, sie zu zeigen. Es ist meiner Ansicht nach nur eine Frage der Zeit, dass auch Wölfe im Hinterland mit seinen ausgedehnten Wäldern auftauchen“, erklärt der Pressesprecher.

Jäger fordern für Wölfe einen Managementplan

Derzeit nicht einschätzbar sei jedoch eine Situation, in der Menschen in Begleitung von Hunden auf einen Wolf treffen würden. Die Rückkehr Isegrims sei zu einem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Thema geworden.
Es müsse ohne Rücksicht auf Ideologien, seitens der Wolfswissenschaft, der Jäger, Landwirte, Schafhalter und Grundbesitzer ein vernünftiger Managementplan für die Grauhunde erstellt werden.

„Der Wolf ist ein wunderschönes Wildtier, aber ohne eine Planung, wie Wolf und Mensch in der heutigen Zeit in unserer stark besiedelten Landschaft miteinander leben können, geht es nicht“, schloss Klingelhöfer.

Thomas Norgall vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Hessen (BUND) sieht durch den Wolf grundsätzlich keine Gefahren für Menschen. Der Mensch gehöre nicht zum Beutespektrum des eigentlich scheuen Tieres. Er sehe deswegen kaum Gefahren für Spaziergänger in der Natur. „Wölfe wollen mit den Menschen nichts zu tun haben, sie halten sich von Menschen fern“ erklärt er.

Mensch gehört nicht zum Beutespektrum des Wolfes

Anders könne es jedoch sein, wenn ein Hund in Begleitung des Menschen sei. Da würde der Wolf wahrscheinlich den Hund angreifen, besonders wenn dieser frei herumlaufe. Für Weidetiere wie Pferde oder Kühe sieht Norgall kaum eine Gefahr. Erheblich gefährdet seien jedoch die körperlich kleineren Schafe. In diesem Zusammenhang appellierte Norgall „wir dürfen die Schäfer nicht alleine lassen“. Es sei vorzubeugen, durch Zäune oder große Hunde. Dazu sei das Land zur finanziellen Unterstützung aufgerufen.

Neben kleineren Haustieren stünden auch Wildtiere, besonders Hirsche, so Norgall, auf dem Speiseplan des Wolfes. In diesen Beständen wären Eingriffe des Wolfes zu erwarten. Hessen, so erläuterte der Naturschützer, sei ein weniger attraktiver Lebensraum für den Wolf. Aber bestimmt würden hier einige Wölfe auf der Suche nach eigenen Revieren durchziehen.

Bis auf Nordhessen mit Burg-, Reinhards- und Kellerwald und auch das angrenzende Rothaargebirge gäbe es aber nicht genügend große zusammenhängende Waldgebiete, in denen sich der Wolf niederlassen könne. Mit entscheidend sei auch das dichte Straßennetz, besonders im Rhein-Main Gebiet. Es sei somit vorprogrammiert, dass dadurch eine Vielzahl von Wölfen dem Straßenverkehr zum Opfer fielen.

Landesjagdverband schult Wolfsberater

Rolf W. Becker, Naturschutzreferent des Landesjagdverbandes (LJV) Hessen, sieht sich von der Wolfsdynamik überrascht. Becker warnt jedoch vor Panik. Der Wolf sei in der Jägerschaft zwar nicht gerade willkommen, eine Versachlichung in der Diskussion sei jedoch angebracht. Der Wolf müsse als Teil der Natur akzeptiert werden, meint er.

„Der Wolf ist nach dem EU-Naturschutzrecht ein streng geschütztes Tier“ betont Becker. Eine Bejagung sei somit ausgeschlossen. Die Jäger würden sich mit dem Wolfsvorkommen arrangieren. Wenn das Tier hier einen geeigneten Lebensraum finde, müsse das hingenommen werden. „Vor einem mit Normalinstinkt ausgestatteten Wolf braucht kein Mensch Angst zu haben“ beruhigt Becker. Eine hohe Bedeutung habe jedoch das Eigentum, wobei die Besitzer von Schafen eine besondere Rolle spielten.

Becker berichtete, dass der Landesjagdverband gut 100 Jäger schulen lasse, die der Bevölkerung demnächst als Wolfsberater zur Verfügung ständen. Die Jagdvereine seien dafür die direkten Ansprechpartner. Das Schulungskonzept laufe zusammen mit anderen Naturschutzverbänden. Das Hessische Ministerium für Landwirtschaft und Forsten habe dazu einen Leitfaden auf den Weg gebracht.

Kreislandwirt Martin Henz aus Marburg-Moischt äußert sich skeptisch über eine Neuansiedlung des Wolfes. Aus Gesprächen mit Landwirten wisse er, dass beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern frisch geborene Kälber auf Viehweiden von Wölfen gerissen worden sind.

Schäfer fürchten die Rückkehr des Wolfes

Henz sieht auch eine weitere Gefahr. Durch das Auftauchen von Wölfen in Panik geratenes Weidevieh könnte Zäune durchbrechen und auf Straßen Unfälle verursachen. Henz beklagt auch, dass von Wölfen geschädigte hessische Viehhalter kaum finanzielle Unterstützung erfahren.

„Für die Entschädigung vom Wolf gerissener Tiere ist kein Geld da, aber die Wolfsbeauftragten werden finanziert“. Lediglich für Vorbeugengendes wie Elektrozäune gebe es Zuschüsse. Diese Zäune seien jedoch bei Wölfen meist ohne Wirkung.

Auch die Schäfer äußern Bedenken bei einer Rückkehr des Wolfes. Reinhold Heintz ist Vorsitzender des Hessischen Verbandes für Schafzucht- und Haltung und vertritt 5500 Schafhalter mit etwa 185 000 Schafen in Hessen. Er sieht ein „großes Problem“ kommen. Die Herden seien oft ganzjährig draußen und nachts ohne Schutz.

Neben dem Verlust von Schafen durch Wolfsriss bestehe danach, so auch Heintz, die große Gefahr, dass die Herden besonders schreckhaft würden. Die Schafe könnten selbst bei Annäherung eines Spaziergängers mit Hund in höchste Unruhe geraten, panisch ausbrechen und auf Straßen rennen, meint Heintz. Zum Schutz der Herden könnten zwar große Hunde wie der Kuvasz und auch Weidezäune eingesetzt werden. Das biete aber keine absolute Sicherheit. Heintz wünscht sich für die gesamte Problematik einen ständigen Kontakt und Unterstützung durch das Ministerium. Dennoch bleibt er pessimistisch. „Ich weiß nicht, wie das werden soll“ meint er.

In Osteuropa gab es noch größere Bestände

Wie Thomas Norgall vom BUND aus seinen Informationen berichtet, wurde vor seiner Rückkehr der wahrscheinlich letzte deutsche Wolf 1845 in Sachsen zur Strecke gebracht. Danach hätten Wölfe beispielsweise in Spanien und Italien überlebt. Große Bestände habe es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in Osteuropa gegeben. Doch für das 20. Jahrhundert sei auch zum Beispiel aus Polen über einen starken Rückgang berichtet worden.

Im vergangenen Jahrhundert habe es immer wieder Einzeltiere gegeben, die von Osten in die neuen Bundesländer eingewandert seien. Im Jahr 2000 sei dann der erste Nachweis einer Jungenaufzucht erfolgt. Dieses Jahr gelte deshalb allgemein als das Jahr, in dem die Wiederbesiedlung begann.

Im Monitoringjahr 2013/2014, so Norgall, seien in Deutschland insgesamt 25 Wolfsrudel, acht Wolfspaare und drei sesshafte Einzelwölfe bestätigt worden. „Ein Schlüsselfaktor liegt sicher darin, dass wir den Wolf heute nicht mehr als ‚Schädling‘ betrachten und deshalb auch  nicht mehr verfolgen“, erklärt Norgall zur Heimkehr des Wolfes.

von Heribert Theis

 
Hintergrund
Der Wolf, lateinisch Canis Lupus, ist der Stammvater aller Hunde. Er ist ein Großraubtier, mit einem Gewicht von bis zu 60 Kilogramm, teilweise mehr. Die Schulterhöhe beträgt bis zu 90, die Länge von Kopf und Rumpf bis zu 120 Zentimetern. Der Wolf lebt gewöhnlich in Rudeln. Ein Wolfsrudel benötigt je nach Größe und Beutedichte einen Lebensraum von 100 bis 2000 Quadratkilometern, in denen rund drei bis fünf Kilogramm Fleisch pro Tag erbeutet werden müssen.  Quelle: Jagdliteratur
 
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