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Musterung bei SS wirft Fragen auf

Karl Waldschmidts NS-Vergangenheit Musterung bei SS wirft Fragen auf

In einer seiner nächsten Sitzungen wird sich Gladenbachs Parlament mit Ehrenbezeichnungen für den früheren Bürgermeister Karl Waldschmidt auseinandersetzen. Anlass ist seine NS-Vergangenheit.

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Gladenbachs Ex-Bürgermeister Karl Waldschmidt war NSDAP-Mitglied.

Quelle: Thorsten Richter / Hartmut Berge

Gladenbach. In einer vom Kreisausschuss in Auftrag gegebenen Studie über die NS-Vergangenheit politischer Funktionsträger im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist Karl Waldschmidt eine längere Passage gewidmet. Nachgewiesen wurde seine Mitgliedschaft in der NSDAP, er trat am 1. August 1932 ein, und seine Musterung bei der SS am 7. August 1938.

Diese Erkenntnisse nahmen Carmen Pflug (SPD) und Edmund Zimmermann (Junge Liste/Die Grünen) zum Anlass, um eine Anfrage an den Stadtverordnetenvorsteher, den Bürgermeister und den Magistrat zu richten. Das Schreiben trägt das Datum vom 17. Dezember vergangenen Jahres. Darin wird auf die Ergebnisse der Studie bezüglich Karl Waldschmidt aufmerksam gemacht.

„Anhand des sehr frühen Zeitpunktes seines Parteieintritts in die NSDAP (bereits deutlich vor der Machtübernahme der NSDAP) und durch die niedrige Mitgliedsnummer ist es wohl als gesichert anzusehen, dass Karl Waldschmidt kein einfacher Mitläufer, sondern ein überzeugter Parteigänger war“, heißt es in dem Schreiben.

Pflug und Zimmermann erinnern, dass die Stadt Gladenbach vor einigen Jahren „eine der wichtigsten Straßen in der Kernstadt“ - die Hainstraße - in „Karl-Waldschmidt-Straße“ umbenannt hat.

Gladenbachs Magistrat will Stellungnahmen abwarten

Unbenommen der Verdienste Waldschmidts für Gladenbach stelle sich die Frage: „Kann es aus heutiger Sicht richtig sein, eine Straße nach einem offensichtlich überzeugten Nationalsozialisten benannt zu haben?“

Sie weisen auch auf weitere Ehrungen hin, die Waldschmidt zuteil wurden, so ist er Ehrenbürger und Ehrenbürgermeister der Stadt Gladenbach, und er erhielt unter anderem den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

„Wir möchten nun gerne erfahren, wie sich die Verantwortlichen - Stadtverordnetenvorsteher, Bürgermeister und Magistrat der Stadt Gladenbach - mit diesem Wissen verhalten werden, beziehungsweise, was sie in dieser Angelegenheit unternehmen wollen?“, heißt es weiter.

Pflug und Zimmermann baten um die Beantwortung der Fragen bis zum 20. Januar 2014 und regten an, die Angelegenheit alsbald, etwa in der März-Sitzung des Parlamentes, zu beraten. Stadtverordnetenvorsteher Hans-Hermann Ullrich schrieb Antragsteller, Bürgermeister und die Fraktionsvorsitzenden Anfang Januar an und teilte mit, dass er in der Sache eine Stellungnahme des Magistrates abwarten wolle. Ehrungen und die eventuell damit zusammenhängende Rücknahme von Ehrungen seien Angelegenheiten, die vorrangig vom Magistrat behandelt werden müssten, schreibt er.

Da auch von Kreis, Land und Bund ausgesprochene Ehrungen angesprochen wurden, sei es für ihn von Interesse, von denen eine Stellungnahme zur weiteren Vorgehensweise zu erhalten. Deshalb habe er den Bürgermeister als Sprecher des Magistrats angesprochen und um Einholung der entsprechenden Informationen gebeten, schreibt der Stadtverordnetenvorsteher am 8. Januar.

Weil sich zu ihrem Schreiben aber bisher der Magistrat und der Bürgermeister nicht geäußert hatten, stellten Carmen Pflug und Edmund Zimmermann in der jüngsten Parlamentssitzung eine Frage aus aktuellem Anlass. Sie wollten wissen, wie der Bürgermeister, beziehungsweise der Magistrat, mit der Anfrage verfahren werden. Es werfe kein gutes Licht auf Gladenbach, wenn im Kreistag die Frage gestellt werde, warum hier bisher nichts unternommen wurde, obwohl dies ja nicht den Tatsachen entspreche, argumentieren sie. Sie beziehen sich dabei auf einen Antrag der Linken im Kreistag zu diesem Thema, der mit der Frage verbunden war, was der Kreisausschuss davon halte, dass Karl Waldschmidt Ehrenbürgermeister von Gladenbach sei und eine Straße nach ihm heiße (die OP berichtete).

Bürgermeister Jäger schafft Beamtenstelle

Da Bürgermeister Klaus-Dieter Knierim (CDU) erkrankt war, berichtete Stadtrat Armin Becker (SPD), der Magistrat habe den Bundespräsidenten und das Hessische Verwaltungsamt um Stellungnahmen gebeten und wolle diese abwarten, bevor Weiteres unternommen werde.

Unabhängig von den Antworten dieser Organe müsse sich auch die Stadt in der Sache bewegen, sagte Carmen Pflug in Bezug auf die von der Stadt verliehenen Ehrentitel und die Straßenbenennung. SPD-Fraktionsvorsitzender Roland Petri bekräftigte dies und zitierte die Antwort vom zur Zeit des Linken-Antrages noch amtierenden Landrat Robert Fischbach (CDU), der deutlich machte, dies sei Sache der Stadt Gladenbach und deren politischer Gremien. Einig waren sich alle Redner, dass dieses Thema im Parlament behandelt werden müsse.

Stadtrat Rolf Baumann (CDU), der den erkrankten Bürgermeister vertrat, sagte in einer kurzen persönlichen Stellungnahme, die meisten Stadtverordneten hätten die „Gnade der späten Geburt“ und könnten sich in die besagten Zeiten nicht hineinversetzen. Das Hinterland und auch Gladenbach seinen NS-Hochburgen gewesen. Die Mitgliedschaft in der NSDAP sei aber für viele Voraussetzung für berufliches Fortkommen gewesen, so wie Parteibücher auch nach der NS-Zeit bei Einstellungen und Karrieren zuweilen eine Rolle spielten.

In der Studie ist Karl Waldschmidt eine lange Passage gewidmet.

Zwei Monate nach seinem Eintritt in die NSDAP, am 1. August 1931, trat Waldschmidt als Volontär in die Dienste der Stadt Gladenbach. Er war dort zunächst als Verwaltungslehrling, später als Verwaltungshilfe tätig. Auf beharrliches Drängen von Bürgermeister Jäger wurde er als „außerplanmäßiger Beamter“ eingestellt, das sei in Städten und Gemeinden dieser Größenordnung ungewöhnlich gewesen, heißt es in der Studie. 1940 erfolgte seine Berufung ins Beamtenverhältnis auf Lebenszeit. Tätig war er im Rathaus als Stadtsekretär und damit unter anderem für Polizeiangelegenheiten zuständig. 1939 erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht. Er brachte es dort bis zum Unteroffizier. Jägers Versuch, Waldschmidt in UK-Stellung zu versetzen, ihn also als „unabkömmlich“ für die Verwaltung von der Wehrmacht zurück nach Gladenbach zu holen, scheiterte. Gleichwohl ermöglichte man es Waldschmidt, während des Krieges zwei Verwaltungsprüfungen abzulegen.

Waldschmidt klagt gegen früheren Konkurrenten

Er geriet in sowjetische Gefangenschaft und kehrte erst 1950 zurück. Im selben Jahr hob der Magistrat der Stadt Gladenbach die eingerichtete Stelle eines verbeamteten Stadtsekretärs wieder auf. In der Studie wird aus der Begründung des Beschlusses zitiert: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass der ,Obersturmführer Jäger‘ einem alten Parteigenossen und Angehörigen seines Sturmes damit eine sichere Position als Beamter auf Lebenszeit auf Kosten der Stadt schaffen wollte und die Stelle nur aus politischen Motiven übertragen hat.“

Mitte 1950 wurde Waldschmidt als Angestellter der Stadt Gladenbach eingestellt. Auf Ansprüche, resultierend aus seiner früheren Beamtenstellung, musste er verzichten. Bürgermeister Ernst Leinbach, der die Beamtenstelle abgeschafft hatte, starb. Der damals parteilose Waldschmidt wurde im Juli 1951 mit knapper Mehrheit zum Bürgermeister gewählt. Sein Gegenkandidat: Heinz Riemenschneider, er war Stadtrechner und gehörte der Stadtverordnetenversammlung an. Bei Riemenschneider tauchte in der Verwaltung 1953 ein Mann namens Friedrich Rehm aus dem Rheinland auf, der den Bürgermeister sprechen wollte. Waldschmidt war zu der Zeit auf Fortbildung.

Rehm berichtete, Waldschmidt habe in seiner Eigenschaft als „Brigadier“ in einem russischen Kriegsgefangenenlager an der Wolga ihn und weitere Mitgefangene misshandelt und schikaniert. Riemenschneider soll diese Anschuldigungen weiterverbreitet haben. Dafür sorgte aber auch Rehm, vor allem im südlichen Hinterland, wo er als „Reisender in Putzmitteln“ unterwegs war. Als Waldschmidt nach seiner Rückkehr davon erfuhr, erhob er Klage gegen Rehm und Riemenschneider. Vor dem Marburger Schöffengericht kam es zu einem vielbeachteten Prozess, über den die OP in ihrer Ausgabe vom 23. Juli 1954 berichtete. 18 Zeugen wurden gehört, davon sieben ehemalige Kriegsgefangene aus der ganzen Bundesrepublik, alle Angehörige der Brigarde Waldschmidt.

Mitgefangene stellen Brigadier gutes Zeugnis aus

„Die ehemaligen Gefangenen stellten dem Bürgermeister Waldschmidt das allerbeste Zeugnis aus und betonten, dass er sich immer wieder bemüht habe, ihnen das Leben erträglich zu gestalten“, heißt es in dem Prozessbericht. Das Gericht warf den Angeklagten „unerhörte Leichtfertigkeit“ vor, sie gingen straffrei aus, mussten aber die Kosten des Verfahrens tragen, berichtete die OP.

Riemenschneider wurde entlassen und hatte - laut Studie - große Probleme, eine neue Anstellung zu finden. Viel brisanter als diese Auseinandersetzung ordnet die Studie ein Schriftstück ein, das bei der Recherche im Zentralarchiv des Bundesarchivs in Berlin auftauchte: Es belegt, dass Karl Waldschmidt am 7. August 1938 eine Musterung bei der SS absolvierte. „In der Rubrik ,aufnehmende SS-Einheit‘ ist vermerkt ,Geh.Stapo‘, was eindeutig als Geheime Staatspolizei zu identifizieren ist“, heißt es in der Studie. Weitere Hinweise auf eine Tätigkeit Waldschmidts in der Gestapo oder eine SS-Mitgliedschaft wurden nicht gefunden. „Allenfalls seine Zuständigkeit für Polizeiangelegenheiten könnte Anhaltspunkte für eine Verbindung zu seiner damaligen Tätigkeit in der Stadtverwaltung liefern“, steht in der Studie zu lesen.

Karl Waldschmidt wurde drei weitere Male zum Bürgermeister gewählt, inzwischen war er der CDU beigetreten, für die er im Kreistag saß. 1978 wurde er zum Ehrenbürger und Ehrenbürgermeister ernannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Waldschmidt starb 1985.

Der Landkreis bietet die komplette Studie auf seiner Homepage zum Download an.

von Hartmut Berge

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