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Monty Roberts zähmt jedes Pferd

Pferdeflüsterer Monty Roberts zähmt jedes Pferd

Vor mehr als 800 Zuschauern präsentierte der 79-jährige Monty Roberts in der Reithalle des Landgestüts Dillenburg sein Konzept im Umgang mit störrischen und schwierigen Pferden.

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Während der Schimmel „Geronimo“ im Round-Pen vorbereitet wird, erklärt Monty Roberts dem Publikum, wie man mit einem ängstlichen Pferd arbeiten muss.

Quelle: Katharina Weber

Dillenburg. Menschen drängen sich dicht an dicht in die hell beleuchtete Reithalle des altehrwürdigen Landgestüts Dillenburg, und jeder hofft auf eine gute Sicht auf den wohl bekanntesten Pferdeflüsterer der heutigen Zeit: Monty Roberts. Mit seiner Show füllte der 79-jährige US-Amerikaner in Deutschland große Hallen – auch in Dillenburg ist kein Platz mehr frei. So mancher Zuschauer hat vorgesorgt mit warmer Decke, Mütze, Handschuhen, Winterstiefeln und einem Pappkarton mit warmer, dampfender Pizza. Dann heißt es erstmal warten.

Als die Einmarsch-Musik ertönt, klingt das Gemurmel abrupt ab und in Jeans, Westernstiefeln und Westernhemd joggt Monty Roberts winkend in den Round-Pen. Er genießt das Bad in der Menge und berichtet kurz von sich: von seinen Erfolgen – er hat mehrere Weltchampions trainiert, auch im Rennsport – und von seiner Methode, dem gewaltfreien Umgang mit Pferden. Sein Vater habe ihm als Kind 71 Knochen gebrochen, vor allem deshalb lehne er jegliche Form von Gewalt ab.

Die Pferde, mit denen er gleich arbeiten wird, habe er noch nie berührt, bis auf eine Ausnahme: die Stute „Caramia“. Am 11. April 2014 war sie bei einer Show in Leverkusen als sogenannter „Starter“ dabei. Ihr wurde vor Publikum das erste Mal ein Sattel aufgelegt und sie wurde eingeritten. Die Besitzer stellten die Stute erneut für die Show zur Verfügung, weil sie sich eher schlecht als recht verladen lässt.

Der Chef wählt die Pferde persönlich aus

Alle Shows von Monty Roberts zeigen als Abschluss das Verladen mit einem schwierigen Pferd, vorher das Einreiten eines jungen Pferdes, dann folgt ein ängstliches Pferd und eines mit Rittigkeitsproblemen oder Problemen im Umgang. Ausgewählt werden die Pferde, nachdem sich die Besitzer per E-Mail beworben haben.

Vor der Show in Dillenburg machte sich Monty-Roberts-Instructor Petra Moser ein Bild von den Pferden und ihren Problemen. Sie lud zehn Pferdebesitzer mit ihren Tieren zur Show ein, dann gings am Vormittag zu einer Art Casting. „Monty schaut sich an, was für ihn funktioniert“, berichtet Instructor Katrin Junker.

Er lasse die Pferde nacheinander von seinen Helfern in den Round-Pen führen und prüft, wie das Pferd reagiert. Er schaue nach Pferden, die deutlich ihre Probleme zeigen. Dann schätze er ab, ob er innerhalb von 30 Minuten zeigen kann, wie das Pferd lernt mit der Situation, die ihm Angst macht, umzugehen.

„Er macht sich Notizen und bewertet die Pferde: von 1 bis zur Höchstnote 10. Die vier, manchmal auch fünf, mit den höchsten Noten wählt er aus“, berichtet Junker. Dass das Verladen mit einem Problempferd vor Publikum nicht klappt, schließt Monty Roberts eigentlich aus. Bis zu 1300 Pferde habe er gewaltfrei in den Anhänger geführt. Nur einmal bei einer Show in Norddeutschland vor zehn Jahren habe er beinahe einen Fehlversuch gehabt.

Er habe bereits 20 Minuten mit dem Pferd gearbeitet. Kurz vor dem Ende der Show habe er gedacht: „Keine Chance.“ Er fürchtete zu versagen, bis eine große Frau aus dem Publikum empört aufstand und rief: „Es funktioniert nicht!“ Das Pferd habe sich dermaßen erschreckt, dass es mit einem Sprung im Anhänger stand.

Am Ende entscheidet die Stute allein

Mit der „alten Bekannten“ Caramia demonstrieren zunächst die Instructors im Round-Pen, dass das Pferd über Untergründe laufen lernt, die dem der Verladerampe ähnlich sind: Holzplanke und Plastikplane. Dann führt der Weg durch ein Nadelöhr aus einem Gitterzaun, das die Enge im Anhänger nachbilden soll. Caramia meistert alle Stationen mit Bravour, auch als das Nadelöhr immer enger gestellt wird: kein Problem für die Stute.

Dann übernimmt Monty Roberts das Pferd. Am langen Strick „bittet“ er Caramia  ihm zu folgen. Zunächst skeptisch, beim nächsten Mal flott, marschiert die Stute in den Anhänger und aus der Ausstiegsluke vorne wieder heraus. Zum Abschluss lässt Roberts das Pferd quasi allein entscheiden, in den Anhänger zu gehen – es funktioniert. Zum Glück für ihn, denn zu Beginn der Show versprach er: „Wenn sich das Pferd heute nicht verladen lässt, reite ich es heim.“

Zwei Stunden zuvor wurde „Fritz“ eingeritten. Etwa 30 Minuten dauerte die Vorbereitung. Roberts demonstrierte an dem jungen Pferd sein als Marke geschütztes Konzept „Join-Up“. Der Mensch soll im Round-Pen das Vertrauen des Herden- und Fluchttieres gewinnen. Das Pferd verspürt den starken Drang, sich dem Mensch als Leittier anzuschließen und der Mensch lädt das Pferd durch seine Körpersprache dazu ein.

Fritz fasst schnell Vertrauen zu Monty Roberts. „Good Boy“, lobt er. Mit der Doppellonge lernt das junge Pferd dann das Vorwärtslaufen und erhält ein Gespür für die Zügel, schließlich legt ihm Monty Roberts den Sattel auf, jeder Handgriff sitzt. Dann folgt der Auftritt von Ex-Rodeo-Reiter Dan Wilson, der nach wenigen Minuten im Sattel auf dem Rücken des Jungpferdes sitzen wird.

„Enjoy“ liefert einen spektakulären Auftritt

Das Pferd spürt zum ersten Mal das Reitergewicht, in dem sich Dan Wilson kurz in einen Steigbügel stellt, dann steigt er ab und kehrt Fritz den Rücken zu. Als nächstes tritt er in den Steigbügel und lehnt sich mit seinem Körpergewicht übers Pferd. Er steigt wieder ab und kehrt dem Pferd erneut den Rücken zu. Bei Schritt 3 greift er in die Haltebügel des Sattels und schwingt sich aufs Pferd. Er reitet kurze Zeit im Schritt und steigt wieder ab.

Roberts gönnt Fritz nach seinem ersten Mal eine Komfortzeit mit dem Menschen, in der das Pferd dem Pferdeflüsterer scheinbar freiwillig auf Schritt und Tritt folgt – ist Fritz abgelenkt, fängt Roberts die Aufmerksamkeit des Jungpferdes „quasi“ wieder ein. Einen spektakulären Auftritt liefert „Enjoy“. Das Warmblut hat eine Plastikphobie und flippt völlig aus, als Instructor Petra Moser ihm eine am Stock befestigte Plastiktüte zeigt.

Das aufgeregte Schnauben des Pferdes ist bis in die hinterste Reihe zu hören. Roberts prophezeit, dass Enjoy beim Laufen über eine Plastikplane mit vier Füßen in der Luft stehen wird. Sie wird „absolut verrückt reagieren“, übersetzt Olaf Paschner Monty Roberts‘ Worte. Das Pferd soll lernen, dass das Plastik es nicht auffrisst.

Dem Pferd bleibt keine Wahl

Dazu verwandelt Roberts nach einer Aufwärmphase mit Streicheleinheiten durch den Stock mit umwickelter Plastiktüte den Round-Pen in einen See, indem er ihn fast komplett mit blauer Plane ausgelegt, nur am Rand ist noch „Erde“ ringsherum. Damit Enjoy dem Plastik nicht ausweicht, durchläuft noch ein Fluss aus Plastik den Round-Pen an einer Seite.

Dem Pferd bleibt keine Wahl, es muss über den Fluss, irgendwie. Erst springt es drüber, dann wird der Fluss aus Plastik breiter. Es springt zwar immer noch, aber ein Huf berührt schon die Plane. Als die Plane immer mehr den Rand des Round-Pens bedeckt, bleibt dem Pferd nichts anderes übrig, als es mit den Hufen zu berühren. Es scheint zu merken, dass nichts Schlimmes passiert.

Es beruhigt sich schließlich und läuft langsam über den Plastik-Fluss, schließlich auch durch die Mitte des Round-Pens samt Plastik-See. Zum Abschluss folgt es Roberts freiwillig über die große Plane – ganz ohne Führstrick. „Sind Sie glücklich?“, fragt er die Besitzerin. „Ja“, haucht sie in das Mikrofon.

Dan oder der Dummy

Nach der Pause führt Thomas Witt „Geronimo“ vor. Der Schimmel hat am Nachmittag gebuckelt, was das Zeug hielt, am Abend macht er im Round-Pen so weiter. Besitzerin Julia erklärt, dass sich ihr Pferd nicht in der Halle reiten lässt. „Er lässt sich nicht bremsen“, sagt sie. „Das Pferd ist voller Angst“, sagt Roberts.

Er hat mittlerweile im Publikum Platz genommen. Er vermutet, dass das Pferd Schmerzen im Rücken hat und hadert mit sich, ob er Dan oder lieber einen Dummy-Reiter aufs Pferd setzt. Er entscheidet sich für Dan und er will Julia einen Plan mitgeben, damit sie mit ihrem Pferd danach arbeiten kann. Als das Pferd nach der Roberts-Methode ruhiger wird, betritt Dan den Round-Pen. Er steigt auf und das Pferd wird zuerst ein paar Schritte von Instructor Thomas Witt geführt.

Dann übernimmt der erfahrene Reiter die Zügel, reitet im Schritt, dann auch im Trab. Das Pferd bleibt ruhig. „Kein Buckeln“, sagt Roberts erleichtert. Der Reiter steigt wieder ab. „Very good“, bestätigt Roberts. Zehn Tage solle Julia so mit ihrem Pferd in der Halle arbeiten – Schritt für Schritt dafür sorgen, dass sich das Pferd beruhigt. Ganz wichtig: Dem Pferd „Quality-Time“ geben, damit es mit dem Menschen glücklich sei, sagt Roberts. „Man muss keine Gewalt anwenden, um das Vertrauen der Pferde zu gewinnen“, ergänzt der Pferdeflüsterer.

von Silke Pfeifer-Sternke

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