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Moderatorin mit vielen Visionen

Anneliese Müller Moderatorin mit vielen Visionen

Anneliese Müller ist seit fast fünf Jahren im Ruhestand, will aber längst noch nicht Ruhe geben.

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Anneliese Müller strahlt. In ihrem Garten fühlt sie sich wohl. Noch mehr wird sie sich freuen, wenn auch die Sonne noch ein wenig strahlt und ihre letzten grünen Tomaten reifen.

Quelle: Hartmut Berge

Weidenhausen. Wenn man so viel gearbeitet und erlebt hat wie Anneliese Müller aus dem Gladenbacher Stadtteil Weidenhausen, dann müsste man sich als Pensionär eigentlich zurücklehnen und den Ruhestand genießen. „Das tue ich doch“, betont die 69-Jährige. Den Ruhestand genieße sie genauso wie sie ihr Berufsleben genossen habe, versichert sie.

Viele sehen und erleben, denken, ich sei eine Betriebsnudel.“ Das ist aber ganz und gar nicht so“, sagt die rührige Weidenhäuserin und betont: „Ich bin gerne zu Hause, liebe die Arbeit im Garten, widme mich auch gerne der Musik und der Literatur.

Die gelernte Anwalts- und Notargehilfin arbeitete nach der Schulzeit und Ausbildung bei der Staatsanwaltschaft, war aber auch als Verkäuferin und Putzfrau tätig. Sie wisse, was es bedeute, hart zu arbeiten, sagt Anneliese Müller. 1993 gab es einen wichtigen Wendepunkt in ihrem Leben: Sie trat eine Stelle beim Landkreis Marburg Biedenkopf an, arbeitete als Angestellte der Volkshochschule (Vhs).

Das sei eine wunderschöne Arbeit gewesen, sagt sie und 
ergänzt: Alles, was sie in ihrer Arbeit investiert habe, hätten ihr die Senioren tausendfach zurückgegeben.

Viele vertrauensvolle Gespräche mit Senioren

Anneliese Müller war bei der Vhs insbesondere für die 
Seniorentreffpunkte im Landkreis tätig. Sie bestellte Busse für den Transport der Gäste, lud 
Referenten ein und moderierte 
Seniorennachmittage.
Sie sei aber auch die Vertraute vieler älterer Menschen gewesen, blickt sie zurück. Manches, was sie bedrückt, hätten ihr die Gäste in persönlichen Gesprächen erzählt.

„Den Senioren hat es sichtlich gut getan, dass ich ihnen aufmerksam zugehört habe“, sagt Anneliese Müller. Sie sei ein Kumpeltyp, lasse sich nicht umbiegen, betont sie.
Den schnellen Zugang zu den Menschen habe sie aber auch deshalb gefunden, weil sie, wie ihre Gäste, platt sprechen könne.

Ende Dezember 2011 war Schluss mit dieser Tätigkeit. 
Anneliese Müller ging in den Ruhestand. „Ich vermisse diese Zeit sehr, denn damals haben sich viele Freundschaften entwickelt“, sagt Anneliese Müller. Als frischgebackene Ruheständlerin bekam sie Blumen und nette Briefe von den Senioren, die traurig waren, dass sie aufhören musste.

Weil Seniorenbildung stets 
ihre Herzensangelegenheit war, hat sie der Vhs nicht ganz den Rücken gekehrt. So begleitet sie ehrenamtlich ab und zu Seniorenfahrten. Die jüngste Tour führte im September nach England. Wenn Anneliese Müller heute davon spricht, eher zurückgezogen zu leben, dann wundert einen die Aussage im ersten Moment schon.

Tatsächlich war sie vor allem während ihres Berufslebens auch im 
Vereinsleben sehr rührig. So sang sie etwa im Gemischten Chor mit, war im Vorstand des örtlichen Gesangvereins tätig. Sie leitet die Brauchtumsgruppe des Heimatvereins Weidenhausen, organisierte zahllose Aktivitäten wie Spinnstubenabende.

Neue Aufgabe ist eine große Herausforderung

Frisch im Ruhestand übernahm sie mit der Leitung des Heimatvereins eine verantwortungsvolle Aufgabe. Der Verein ist durch seine Brauchtumsgruppe und mit seinen Aktionen und Festen über die Grenzen des Kreises hinaus bekannt.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang sammelten die Mitglieder landwirtschaftliche Groß- und Kleingeräte, Gegenstände des dörflichen Handwerks und Einzelhandels sowie Exponate aus der Industriegeschichte der Region 
und Text-, Bild- und Tondokumente. Die geschichtsträchtigen Sammelstücke haben im Regionalmuseum „Hinz Hoob“ eine Heimat gefunden.

Das Regionalmuseum ist in einem historischen Gehöft untergebracht, das aus dem 17. Jahrhundert stammt. Nach Um- und Ausbau wurden die unter Denkmalschutz stehenden und noch bis 2004 bewohnten Gebäude 2008 als Museum wiedereröffnet. Über die Dauerausstellung hinaus zeigt das Regionalmuseum Ölbilder des bekannten Erdhäuser Heimat- und Landschaftsmalers Karl Lenz.

Auch diese Ausstellung sei 
inzwischen ein großer Anziehungspunkt, weiß Anneliese Müller.
Mit dem Museum hat der Verein eine große Verantwortung übernommen, trägt dazu auch eine finanzielle Last, die es zu Schultern gilt. Bei der Finanzierung des Museums-Projektes ging die Stadt Gladenbach 
finanziell in Vorleistung. Der Heimatverein muss das Geld 
zurückzahlen. Dementsprechend müssen sich Anneliese Müller und ihre Mitstreiter einiges einfallen lassen, damit Geld in die Kasse kommt.

„Hinz Hoob“ ist für sie mehr als ein Museum

Auch deshalb müsse man 
Visionen haben, sagt Anneliese 
Müller, berichtet aber auch, dass sie nicht selten belächelt werde, wenn sie dies betone. „Hinz Hoob“ ist für sie mehr als ein Museum. Der Hof könne zu einer kulturellen Begegnungsstätte werden, sagt sie und hat dabei viele Ideen im Kopf. Zu den nächsten Projekten zählt sie den möglichen Umbau eines weiteren Wirtschaftsgebäudes. „Daraus könnte vielleicht ein kleines Café werden“, sagt sie.

Nachdenklich wird die lebens­frohe Weidenhäuser, wenn es 
um ihre eigene Familiengeschichte geht. Die im oberhessischen Büdingen geborene Anneliese Müller hatte eine 
bewegte und sie bis heute 
prägende Kindheit. Ihre Eltern 
adoptierten sie, als sie sieben Jahre alt war und gaben ihr in Weidenhausen ein neues 
Zuhause.

Die 69-jährige erzählt 
von einer aufwendigen Suche 
nach ihrem Vater, den sie schließlich in den USA gefunden habe. Doch sie kam zu spät, er starb wenige Jahre zuvor. Sie kannte auch ihre leibliche Mutter, die sie 1973 – das erste Mal nach der Adoption – in 
Texas wiedersah. Sie verspüre 
eine große Sehnsucht, zu 
 erfahren, woher sie komme, sagt Anneliese Müller.

So ist es ihr großer Wunsch mit 
ihrer Halbschwester, der Tochter ihres leiblichen Vaters, Kontakt aufzunehmen. „Bis heute weigert sie sich aber, ihre Halbschwester in Deutschland kennenzulernen und ein Bild des gemeinsamen Vaters nach Weidenhausen zu schicken“, 
bedauert Anneliese Müller.

Trotz dieses Kummers bleibt sie lebensfroh und voller Tatendrang: „Ich habe zwar viel erlebt, bin aber gespannt was da noch alles kommt.“

von Hartmut Berge

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