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Mit voller Kraft Mitmenschen helfen

Pfarrer Ndeiy Mit voller Kraft Mitmenschen helfen

Lee Cosmas Ndeiy begrüßt die Gottesdienstbesucher mit einem fröhlichen „Gemoije!“. Dem aus Tansania stammenden Pfarrer ist mit dem guten Morgen auf Hinterländer Platt die Aufmerksamkeit gewiss.

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Lee Cosmas Ndeiy war Pfarrer in Runzhausen und stammt aus Tansania.

Quelle: Hartmut Berge

Runzhausen. Eigentlich muss der 67-jährige Runzhäuser nicht um Beachtung werben. Dafür sorgt hierzulande schon seine Hautfarbe. Doch Ndeiy will nicht die Blicke auf sich ziehen, sondern bewirken, dass man ihm zuhört, wenn er in der Kanzel steht oder mit dem Amani-Gospelchor Lieder einstudiert. Als Leiter des Chores kennen ihn viele Menschen, auch als Pfarrer ist er längst kein Exot mehr. „Lee Cosmas Ndeiy ist im Dekanat Biedenkopf der Fachmann für den Blick über den Tellerrand“, heißt es auf der Internetseite des evangelischen Dekanates Biedenkopf. Zehn Jahre lang war der Runzhäuser im Dekanat für die Missions- und Ökumene-Arbeit zuständig. Seit 2015 ist er Pfarrer im Ruhestand. Vom Ausruhen ist Ndeiy allerdings weit entfernt. Und Zeit, um seine Memoiren zu schreiben, hat er erst recht nicht. In Kisuaheli hat Ndeiy einige Bücher geschrieben, eines davon beschreibt seine Erfahrungen in Deutschland.

Ständiger Wechsel zwischen Tansania und Runzhausen

1991 begann er hier ein neues Leben und ist heute ein Wanderer zwischen seiner alten und neuen Heimat. Lee Cosmas Ndeiy beschreibt das so: „Wenn ich länger in Tansania bin, habe ich Heimweh nach Runzhausen, wenn ich länger in Runzhausen bin, habe ich Heimweh nach Tansania.“ In seine Heimatstadt Korogwe - am Fuß der Usambara-Berge - reist Ndeiy regelmäßig, um zuvorderst ein vom Amani-Chor angeschobenes Projekt weiterzubegleiten: In einer dort aufgebauten Ausbildungswerkstatt werden Jugendliche kostenlos zu Schreinern ausgebildet. Lee Cosmas Ndeiy kam am 5. Mai 1948 als neuntes von 13 Kindern in Ujiji in Tansania zur Welt. Vater und Mutter waren Christen. Die Mutter sei strenggläubig gewesen, sagt er und ergänzt: „Wir haben bei ihr das Beten gelernt, und der regelmäßige Gottesdienstbesuch gehörte zum Leben.“

Der Vater war Stationsvorsteher, als Staatsbeamter wurde er einige Male versetzt, die Familie zog entsprechend oft um. Der kleine Lee sang sehr früh im Kinderchor der Sonntagsschule. Er erlernte das Trommeln und das Gitarre spielen, weitere Instrumente kamen hinzu. Ndeiy durchlief das nach englischem Muster geprägte Schulsystem. In Daressalam besuchte er die Highschool. Auf einem Teachers-College absolvierte er ein Lehramtsstudium. Es folgte die Einberufung als Soldat beim National Service. Während dieser Zeit - 1966/67 - spielte er in der tansanischen Fußballnationalmannschaft. „Oh, war ich damals fit“, beschreibt der 67-Jährige und erklärt sein Talent so: „Fußball haben wir schon als kleine Kinder an jeder Ecke gespielt.“ Ndeiy arbeitete als Lehrer, studierte dann Theologie. Er war als Religionspfarrer und Schülerpfarrer tätig, später als Jugendsekretär des ökumenischen Kirchenrates in Tansania und Leiter des Jugendreferates in der Nord-Ost-Diözese der evangelisch-lutherischen Kirche Tansania. 1984 kam er mit einer Delegation nach Deutschland. Damals lief ihm zum ersten Mal die Runzhäuserin Heike Heukrath über den Weg. Seine jetzige Frau begleitete damals die tansanischen Gäste und dolmetschte. 1986 wurde Lee von seiner ersten Frau geschieden. Weil ich Pfarrer war, war das ein langer und schwieriger Prozess“, sagt Ndeiy. Zu seiner ersten Frau pflege er aber heute noch eine freundschaftliche Beziehung. 1988 gehörte Heike Heukrath zu einer Delegation, die Tansania besuchte. Irgendwann in dieser Zeit entflammte eine neue Liebe. 1990 kam Lee wieder nach Deutschland. 1991 erneut, dann blieb er hier, um seine Heike zu heiraten.

Acht Monate im Schichtbetrieb

Hier Fuß zu fassen, war nicht leicht, denn weder seine Ordination als Pfarrer noch sein Lehramtsstudium wurden anerkannt. „Du darfst predigen, aber hier bist Du kein Pfarrer, weil Deine Papiere nicht anerkannt sind, sagte man mir“, erzählt Ndeiy. Man schlug ihm vor, erneut zu studieren, doch das wollte er nicht. „Schließlich hatte ich Theologie studiert und war in der lutherisch evangelischen Kirche meines Landes ordinierter Pfarrer“ erklärt Ndeiy. Am Lessing-Kolleg in Marburg lernte er Deutsch. Ein Freund besorgte ihm einen Job bei der Firma Roth in Buchenau. „Im Schichtbetrieb habe ich acht Monate lang Tanks gebaut.

Ich war dankbar für die Arbeit, aber sie war hart“, sagt der Runzhäuser. Anschließend arbeitet er sieben Jahre lang im Büro eines Bauunternehmens in Erdhausen. Auch dort habe er viele liebe Menschen kennengelernt, freut sich Ndeiy rückblickend. Als es der Firma schlecht ging, wurde Lee arbeitslos.

Er nahm einen Job als Nachtportier im Wetzlarer Hotel Bürgerhof an. Im Dekanat gab‘s inzwischen mehr Anerkennung. Der Runzhäuser durfte endlich mehr tun als ein Prädikant. 2005 trat er die neu geschaffene Stelle für Ökumene und Mission an. „Endlich durfte ich offiziell in meiner Kirche arbeiten, zwar nur auf einer halben Stelle, aber mit voller Kraft“, sagt Ndeiy. Mit voller Kraft geht er auch die nächsten Projekte an. Im September will er einen Container mit Hilfsgütern nach Tansania schicken. Für 2016 plant Lee Cosmas Ndeiy eine ganz besondere Reise in seine Heimat: Dann will er dort mit seiner Heike Silberhochzeit feiern.

von Hartmut Berge

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