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Mit klarem Kopf Entscheidung treffen

Suchtprävention Mit klarem Kopf Entscheidung treffen

An zwei Tagen durchliefen 300 Jugendliche den Mitmach-Parcours „KlarSicht“ in der Sporthalle der Grundschule in Biedenkopf. Zum ersten Mal fand die Präventions­aktion im Landkreis statt.

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Mit der „Rauschbrille“ ging‘s „betrunken“ durch einen vorgezeichneten Parcours.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Biedenkopf. Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren sollten an sechs Stationen lernen, ihr Konsumverhalten von Zigaretten und Alkohol zu reflektieren. Am Ende des Parcours stand das Tor der Einsicht, die sich – wenn die vermittelten Informationen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – stark verändern sollte.

In der Regel wird das eigene Konsumverhalten überdacht und am Ende der 90 Minuten verändert sich die Sicht der Teilnehmer – sie sehen klarer. 1400 Jugendliche besuchen die Beruflichen Schulen in Biedenkopf, die neben der Hinterlandschule und der Lahntalschule an der Aktion teilnahm. „Es ist wichtig, alles zu versuchen, damit die Jugendlichen nicht in das Loch der Abhängigkeit fallen“, sagte Schulleiter Karl-Heinz Schneider.

Thiemig: Eltern müssen Kinder über Drogen aufklären

Laut der aktuellen Präventionserhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) trinken sich etwa 17 Prozent der Jugendlichen einen Rausch an. Wie es sich mit 1,3 bis 1,5 Promille Alkohol im Blut anfühlt, auf einer vorgezeichneten Linie von A nach B zu laufen, erlebten die Teilnehmer an der Station mit der „Rauschbrille“.

Das Laufen auf gerader Linie mit „Rauschbrille“ fiel auch Bürgermeister Joachim Thiemig schwer. Ihm liegt das Thema Suchtprävention besonders am Herzen, deshalb kam er zur Präventionsveranstaltung. Dem ­Vater von zwei Söhnen, 11 und 13 Jahre alt, ist bewusst, dass junge Menschen Grenzen ausloten wollen und auch mal ­darüber hinausgehen. Kinder müssten von ihren Eltern über Drogen und die Gefahren durch den Konsum aufgeklärt werden, sagte Thiemig.

„Null Alkohol, voll Power“ lautete auch ein Slogan der BZgA, die die Aktion „KlarSicht“ seit 2005 im Bundesgebiet insgesamt 378 angeboten hat. 2004 wurde das Konzept entwickelt, das auch zum Ziel hat, die Angebote in der Region besser zu vernetzen. Mit von der Partie in Biedenkopf waren die Diakonischen Werke Oberhessen und Biedenkopf-Gladenbach sowie die Jugend- und Suchtberatung „Der Treff“.

Zehn Suchtberatungsstellen im Landkreis

„Es ist nicht selbstverständlich, dass wir zusammensitzen“, erklärte Ortwin Schäfer („Der Treff“). Die Kooperationspartner sind unterschiedlich: Präventionsangebote sowie Drogenberatungsstellen. „Die Suchtpräventionslandschaft ist keine blühende“, bestätige Helmut Kretz vom Diakonischen Werk Biedenkopf-Gladenbach.

Im Landkreis gibt es zehn Stellen für Suchtberatung, und eine für Suchtprävention. Kretz ist der Auffassung, dass mehr Geld in die Prävention fließen sollte. „Es gibt viele Ideen“, ergänzte er. Letztlich scheitern sie, weil sie nicht finanzierbar sind.

Das Komasaufen der Jugendlichen im Landkreis ist laut Lydia Berthold vom Diakonischen Werk Oberhessen nicht auf einem Abwärtstrend. Sie verfüge über verlässliche Informationen aus dem Marburger Uniklinikum, dass im Vorjahresvergleich die Zahl der jugendlichen Komasäufer von 67 um nur zwei gesunken ist.

80 Prozent der Klienten kommen nicht freiwillig

„Das ist gleichbleibend hoch“, sagte sie. Bundesweit ist die Zahl derer, die sich im jugendlichen Alter ins Koma saufen, von mehr als 26.000 um gut 3000 gesunken. „Viele Kinder und Jugendliche lernen den Umgang mit Alkohol und Drogen, sagte „KlarSicht“-Projektkoordinatorin Ingrid Schmitt. Ein Teil lernt es aber auch nicht.

Von 80 Klienten der Suchtberatung „Der Treff“ kommt ein Drittel nicht freiwillig in die Beratungsstelle, sondern kam mit dem Betäubungsmittel-Gesetz in Konflikt und hat die Beratung als Auflage.

Helmut Kretz fühlt sich manchmal in seiner Funktion als Suchtberater als Feuerwehrmann. Er hilft, die Scherben wieder zusammenzukehren. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass viele in die Suchtprobleme hineinschlittern. Irgendwann treffen die Jugendlichen die Entscheidung, ob sie Drogen nehmen und wie viel, sagt Schulleiter Schneider.

Der Parcours „KlarSicht“ diente an den beiden Aktionstagen nicht etwa dazu, den Alkohol- und Zigarettenkonsum per se zu verteufeln. Vielmehr sollte den Jugendlichen ein kritischer und bewusster Umgang vermittelt werden – ihre eigenen Ideen und Erfahrungen brachten sie spielerisch und ohne Berührungsängste ein.

von Silke Pfeifer-Sternke

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