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Mit dem Pferdegespann durch den Schnee

Kindheitserinnerungen Mit dem Pferdegespann durch den Schnee

Der Hartenroder Karl-Otto Bamberger erinnert sich an schneereiche und kalte Wintertage in seiner Kindheit.

Hartenrod. Schneefall ist für Kinder etwas ganz Besonderes. Der 73-jährige Karl-Otto Bamberger erinnert sich sehr gut an die Wintertage vergangener Jahrzehnte. Bevor der Winter so richtig begann, habe es viele kalte Nächte mit harten Frösten gegeben. Die sich bildenden langen Eiszapfen an den Dächern, seien begehrte Ziele gewesen, die mit Steinen beworfen wurden. Die herunterfallenden Eiszapfen, die noch relativ sauber aussahen, wurden abgeleckt und waren „unser Eis am Stiel“.

Der fortschreitende Winter habe immer kältere Temperaturen gebracht, die in die Häuser einzogen - ganz besonders in die Schlafzimmer, die unbeheizt waren. Abends sei ein heißer Backstein in das Bett gelegt worden, der tagsüber im Backofen des Küchenherdes erhitzt wurde. Beim Zubettgehen sei der Backstein dann vom Rücken- zum Fußbereich verlegt worden, berichtet Bamberger.

Der morgendliche Blick aus dem bis oben zugefrorenen Fenster sei oft verwehrt worden. „Mit dem warmen Atem hauchten wir ein kleines Guckloch in die vereiste Scheibe und halfen manchmal noch mit der Zunge nach. Vor Kälte schaudernd wurden die Kleider gerafft und ab ging es in die warme Küche.“

Schier unglaublich hört es sich an, wenn Karl-Otto Bamberger von der Winterbekleidung der Jungen erzählt. Über die Unterwäsche wurde zu den langen gestrickten Strümpfen eine kurze Hose angezogen. Ein selbst gestrickter Pullover, ein Jäckchen und eine Mütze - damit waren die Jungen angezogen. Die Mädchen trugen einen Strickrock. Lange Hosen oder Winterbekleidung, wie es heute üblich ist, habe es weder für Jungen, noch für Mädchen gegeben. Die Schuhe wurden mit Schuhfett eingeschmiert, um die Feuchtigkeit abzuhalten, jedoch gegen Nässe hätten diese keinen Schutz geboten.

Trotz aller Widrigkeiten habe das Schlittenfahren zu den schönsten Winterbeschäftigungen gezählt. In Hartenrod gab es überall im Ort steile Straßen und Wege. Ob „Weltersberg“, „Waldweg“, „Loh“ oder „Ebelt“ überall sei man Schlitten gefahren.

„Im Winter hatten wir Kinder Vorfahrt“, berichtet er. Die Handvoll Autos seien zur Seite gefahren, wenn die Kinder über die Straße fegten. Die etwas älteren Kindern hätten ihre Schlitten sogar aneinander gebunden, um die längste Schlittenbahn in Hartenrod zu befahren, die von der Eisemrother Höhe durch das Viadukt vorbei an dem örtlichen Bauunternehmen bis zum „Jeegels Hoob“ geführt habe. Schlitten waren in dieser Zeit Mangelware und wenn einer zu Bruch ging, „war das ein Drama“, erinnert sich Bamberger.

Eine ganz besondere Herausforderung sei die Schlittenbahn am „Loh“ vom Gendarmenhaus aus vorbei an der Schule in Richtung Zigarrenfabrik gewesen. Anstatt der Rechtskurve am hinteren Zigarrenhof sei es geradeaus gegangen über die erdgleiche 2,50 Meter hohe Mauer unter der Querstange der Einzäunung hindurch über das Dach des Holzschuppens und dann mit einem zwei Meter Absturz auf den hinteren Zigarrenhof. Wer diese Fahrt ohne Schaden überstanden habe, sei der Held des Tages gewesen.

Die Erwachsenen seien mit den Pferdeschlitten unterwegs gewesen. Dafür musste zuerst der Pferdeschlitten flott gemacht werden und die Pferde wurden „scharf“ beschlagen. Dies bedeutet, dass an den beiden hinteren Teilen der Hufeisen etwa zwei Zentimeter lange Winkel angeschmiedet werden. Heute werden dazu Stollen eingeschraubt. Schneepflüge, wie heute üblich, habe es nicht gegeben und das Streuen mit Salz gehörte damals in das Reich der Utopie, sagt Bamberger. Bestenfalls sei für die Fußgänger etwas Asche ausgestreut worden. Um die gewaltigen Schneemassen zu bewältigen, seien handgefertigte von Pferden gezogene Räumgeräte im Einsatz gewesen. Für den Fall, dass eine Straße zugeweht war, hätten alle verfügbaren Männer ausgerüstet mit Schippen diese freischaufeln müssen. Pferdeschlitten waren damals wichtig gewesen als Transportfahrzeuge - auch für Fahrten zum Bahnhof.

von Helga Peter

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