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Missbrauchs-Verhandlung endet mit Freispruch

Landgericht Missbrauchs-Verhandlung endet mit Freispruch

Eine Gutachterin bemängelte die Art der Vernehmung der Siebenjährigen. Somit reicht iIhre Aussage als Beweis nicht aus.

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Für eine Verurteilung des Angeklagten hat das Landgericht nicht genügend Beweise gesehen.

Quelle: Thorben Wengert/pixelio.de

Marburg. Im Zweifel für den Angeklagten! Zu diesem Schluss kam gestern das Marburger Landgericht im Fall eines angeklagten Missbrauchs an einem siebenjährigen Mädchen aus einer Südkreisgemeinde. Der Angeklagte war ein Nachbar und Bekannter der Familie des Kindes. Ihm wurde vorgeworfen, am 2. August 2011 das Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Damals hielt sich der 23-Jährige nachmittags mehrere Stunden in der Wohnung der Familie auf, um den größeren Bruder zu besuchen. Da dieser mit seiner Mutter familiäre Angelegenheiten zu klären hatte, zog sich der Angeklagte in das Kinderzimmer der Schwester zurück, um mit ihr zu spielen und die Zeit zu vertreiben, sagte er vor Gericht. Laut Anklage zog er im Kinderzimmer dem Mädchen und sich selbst die Hose herunter und entblößte sein Geschlechtsteil. Sodann berührte er das Kind und führte dessen Hand an seinen Penis. Diesen soll er schließlich hinter ihr stehende an den Po der Geschädigten gedrückt haben. Schließlich führte er dem Mädchen einen Finger oder Stift vaginal ein. Dabei hatte das Kind starke Schmerzen. Zum Geschlechtsverkehr oder weiteren sexuellen Handlungen soll es nicht gekommen sein.

Angeklagter: Die Tür stand immer offen

Der Beschuldigte bestritt die Taten. Er habe mit der Schwester seines Freundes harmlose Computer- und Brettspiele gespielt. Während der geschätzten zwei Stunden, sei zudem immer wieder ein Familienmitglied vorbeigekommen. Die Tür des Kinderzimmers stand die ganze Zeit offen. Am Abend des Tages habe er mit der Familie gegessen, danach noch etwas mit dem Mädchen gespielt und sich nach Hause begeben. Er war mehr als zehn Mal in deren Wohnung. Daher kannte er auch die Schwester, der er schon einmal beim Lernen geholfen hatte. Das Verhältnis sei freundschaftlich gewesen. „Ich kann mir diese Behauptungen nicht erklären“, sagte er.

Das Mädchen hatte sich seinen Eltern anvertraut, die daraufhin Anzeige erstatteten. Bei einer Hausdurchsuchung des jungen Mannes fanden die Polizisten eine große Sammlung Comic-Zeichnungen, sogenannte Mangas, mit teilweise pornografischen Schwerpunkten sowie Videos in denen sexuelle Handlungen und Geschlechtsverkehr mit Tieren zu sehen sind. Die Sodomie-Filme gehören nicht ihm, sondern einem Freund, der sich diese unbewusst aus dem Internet beschafft habe, erklärte der Angeklagte. Die Comics, die er sammelte, waren sein Hobby.

Psychologin kritisiert die Vernehmung

Die Siebenjährige erschien nicht vor Gericht. Die richterliche Vernehmung des Kindes wurde per Video vorgeführt. In dieser wiederholte und beschrieb das Mädchen die Taten sehr detailliert. Jedoch widersprach sie sich bei Nachfragen mehrfach und machte unterschiedliche Angaben zu Zeitpunkt und Ablauf. Sie gab an, dass der Mann böse sei und sie sich seit dem Tag schäme. Eine Psychologin und Pädagogin kritisierte als Gutachterin Qualität und Art der Vernehmung. Ihrer Meinung nach wurden zu viele und falsche Fragen gestellt, so dass das Kind eventuell beeinflusst wurde und keine ausreichenden selbständigen Angaben machen konnte. Zudem bestehe bei Kindern durch derlei häufige Wiederholungen die Gefahr der Suggestion.

Trotzdem habe das Mädchen auffallend gut standgehalten und sich nicht immer beeinflussen lassen, wie man an ihren genauen Angaben merke. Aber ihr wurde keine ausreichende Möglichkeit zu einem eigenständigen Erinnerungs-Bericht gegeben. „So geht das einfach nicht“, kritisierte die Gutachterin.Trotz einiger glaubwürdiger Angaben, habe die Vernehmung daher keinen vollen authentischen Aussagewert und reiche vor Gericht als Beweismittel nicht aus. Eine erneute Aussage verweigert das Mädchen. Eine solche sei auch nicht ohne die Gefahr der Suggestion zu betrachten, so die Gutachterin.

Verteidiger: "Wir haben keine Beweise"

Darüber ärgerte sich auch Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier. „Es gibt einige reale Ansätze für sexuellen Missbrauch“, sagte sie in ihrem Plädoyer. Die Angaben des Mädchens seien teilweise sehr genau, gerade für das Alter des Kindes. Die Staatsanwaltschaft bedauerte die unzureichenden Beweismittel und sah sich gezwungen, einen Freispruch zu beantragen. „Wir haben keine Beweise“, betonte auch der Verteidiger des Angeklagten. Auch wenn das Mädchen nicht bewusst lüge, würden sich die Aussagen zu stark widersprechen. Richter Dr. Thomas Wolf sprach den Angeklagten schließlich frei.

von Ina Tannert

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