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Mini-Dorf hat Mammutparlament

Kehlnbach Mini-Dorf hat Mammutparlament

Tief im Westen des Schlosses Blankenstein liegt Gladenbachs kleinster Stadtteil Kehlnbach. So wie viele Orte wurde das Mini-Dorf 1974 eingemeindet.

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Das Wohnhaus von „Wernersch Hof“, in dem der langjährige Bürgermeisters Heinrich Scheld lebte, wurde 1923 errichtet. Das Bild entstand während des Richtfestes.

Quelle: Archivfoto

Kehlnbach. Schon zu allen Zeiten war Kehlnbach mit Gladenbach eng verbunden, wenn es Vorteile brachte zur Freude der Bürger, wenn der Verlust der Eigenständigkeit drohte, zum Ärger. Noch viel älter ist die Verbindung der Kehlnbacher zum Schloss Blankenstein.

Sie mussten Frondienste leisten. Im 1987 im Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag erschienenen Buch „Gladenbach und Schloss Blankenstein“ beschreibt der frühere Schulrektor und Gladenbacher Historiker Jürgen Runzheimer, dass lange Zeit nur die Kehlnbacher für die Wasserversorgung des Schlosses zuständig waren. Sie holten das Wasser aus dem großen Fischteich und schleppten es den Berg hinauf.

Trotz aller Frondienste bot das nahe Schloss Schutz vor militärischen Gefahren. Alle anderen Katastrophen – wie die Pest – überstand das Dorf, in dem es 1666 vier Häuser gab. 1834 lebten dort 78 Menschen, deren Zahl stieg 1946 auf die bisherige Rekordzahl von 153. Aktuell zählt der Stadtteil 120 Bürger.

1898 wurde Kehlnbach eigene Bürgermeisterei, Johann Jost Happel wurde Bürgermeister und blieb es bis 1909.

Nach dem Zweiten Weltkrieg regelte die Hessische Gemeindeordnung, dass Orte ab 100 Einwohner eine Gemeindevertretung bilden können, lag man darunter, dann wurde die gesamte Verwaltung von der sogenannten Gemeindeversammlung und dem Bürgermeister getragen. Was das zu bedeuten hatte, davon konnte der langjährige Kehlnbacher Bürgermeister Heinrich Scheld wahrlich ein Lied singen.

1969 berichtete der Chronist der Oberhessischen Presse: „Etwas skeptisch blickt Bürgermeister Scheld den kommenden Kommunalwahlen entgegen, denn künftig wird in Kehlnbach wieder auf das Ortsparlament verzichtet werden müssen.“ Am gesetzlichen Stichtag zählte das Dörfchen nämlich nur 98 Einwohner. Bei der Kommunalwahl 1964 hatte Kehlnbach noch 106 Einwohner, „und darüber herrschte im Ort große Freude“.

Im Oktober 1969 musste Scheld wieder mit einem „Mammutparlament“ regieren. Von den damals 78 wahlberechtigten Einwohnern musste mindestens ein Viertel anwesend sein, sonst war die Gemeindeversammlung nicht beschlussfähig. Wären alle zu jeder Sitzung gekommen, dann hätte der Bürgermeister im nahen Gladenbach einen Saal anmieten oder ein Parlamentsgebäude errichten müssen, angesichts der bescheidenen Kassenlage Kehlnbachs kein erstrebenswertes Ziel.

von Hartmut Berge

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