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Man muss auch mal ein Zeichen setzen

Sportgerichte Man muss auch mal ein Zeichen setzen

Wer sich auf dem Fußballplatz daneben benimmt, kann schnell vor dem Sportgericht landen. Dort sprechen ehrenamtliche Laien mitunter weitreichende Urteile. Heute gibt die OP einen Einblick in die fußballeigene Justiz.

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Alle Hände voll zu tun hatte Schiedsrichter Heinz Althaus beim B-Liga-Spiel der BSF Richtsberg 
gegen den FC Waldtal. Dort kam es auch zu Rudelbildungen.

Quelle: Thorsten Richter

Hartenrod. Zum Job von Erhard Fuchs gehört es, hin und wieder auch mal erbarmungslos zu sein. Er spricht dann Urteile aus wie jenes, das vor nunmehr zwei Wochen für viel Aufsehen sorgte: 24 Spiele Sperre lautete dort sein Verdikt gegen einen Fußballspieler des SSV Bottenhorn. Es war eine krachende Strafe, denn die aktuelle Saison ist damit für den Täter gelaufen.

Der Kreisliga-Kicker hatte im Spiel gegen Eckelshausen wohl die Kontrolle verloren, schlug einem Gegenspieler mit der Faust ins Gesicht, brach ihm dabei die Nase. Fuchs, der Vorsitzende des Sportgerichts im Fußballkreis Biedenkopf, macht deutlich, dass er diese Form von Gewalt auf einem Fußballplatz nicht toleriert. „Freilich muss man auch mal ein Zeichen setzen“, sagt er. Gleichwohl will der 71-Jährige diesen Ausspruch nicht generalisieren.

Seit 1977 im Rechtswesen tätig

Eine Entscheidung über Urteil und vor allem das Strafmaß würden immer „von Fall zu Fall getroffen“. Fälle gab es reichlich in der Karriere von Erhard Fuchs. Seit 1977 ist der Rentner aus Hartenrod im Rechtswesen des Fußballkreises Biedenkopf ehrenamtlich tätig, seit 1996 steht er an dessen Spitze. Das Sportgericht besteht dabei als eigenständige Institution - so wie in jedem Fußballkreis Deutschlands.

In dessen Entscheidungen hineinreden dürfe niemand, betont Fuchs. Verhandelt werden hier in erster Linie Delikte, die sich auf dem Rasen ereignen: grobe Foulspiele, Beschimpfungen, Tätlichkeiten also.

Die fußballeigene Justiz ist strikt hierarchisiert

Das Gericht - bestehend aus dem Vorsitzenden und zwei Beisitzern - tritt allerdings nur dann zu einer mündlichen Anhörung zusammen, wenn ein betroffener Verein zu besonderen Ereignissen oder einer Schiedsrichterentscheidung schriftlich Stellung nimmt.

Ansonsten gilt das jeweilige Einzelrichter-Urteil, das von einem einzigen Verbandsfunktionär vorgenommen und am Ende schriftlich kundgetan wird. Die fußballeigene Justiz ist damit auf ihrer untersten Ebene strikt hierarchisiert. Anforderungen an die Ehrenamtlichen, die sie durchführen, gibt es offiziell hingegen nicht.

Hunderte Verhandlungen miterlebt und geleitet

Erhard Fuchs hatte seinerzeit wenig bis nichts mit der Rechtsprechung zu tun, als er sich für ein Amt im Biedenkopfer Rechtsausschuss bewarb. Als gelernter Feinmechaniker sei er schlichtweg „interessiert“ gewesen. Hunderte Verhandlungen, schätzt Fuchs, habe er in den Jahrzehnten danach miterlebt oder gar geleitet.

Diese Erfahrung sei für die Urteilsfindung heute recht nützlich. Wie ein Prozess abzulaufen hat, bekommt der Vorsitzende vorgeschrieben: Begrüßen, Gegenstand der Verhandlung vorstellen, Anwesenheit kontrollieren und schließlich Zeugen nacheinander befragen.

Alle Tatbestände und das jeweils anzuwendende Strafmaß sind für Hessen in der Strafordnung des Hessischen Fußball-Verbands zusammengefasst. Sie ist die rechtliche Grundlage im Fußball. Ein Exemplar davon hat Erhard Fuchs zum OP-Gespräch mitgebracht. „Die Hauptdinge kenne ich mittlerweile auswendig“, erklärt er schmunzelnd. Jedoch sei es ein Problem, dass viele Vereinsvertreter in der Regel deutlich weniger über den Inhalt des 57 Paragraphen umfassenden Buchs wüssten.

„Mich regt es immer etwas auf, wenn Außenstehende Kommentare abgeben und dabei gar nicht wissen, worum es geht.“ Fuchs spielt auf immer wiederkehrende Kritik an den Urteilen der Sportgerichte an. Er kommt auf eine Verhandlung im Mai zu sprechen, als es um die versuchte Spielmanipulation beim FSV Buchenau ging. Damals hatte der Verein vier Punkte abgezogen und eine Geldstrafe von 200 Euro bekommen, der verantwortliche Funktionär erhielt ein einjähriges Tätigkeitsverbot.

Vor allem in den sozialen Netzwerken kritisierten damals zahlreiche Beobachter das milde Urteil des Regionalsportgerichts unter Vorsitz von Horst-Günther Konlé. „Viele Leute haben einfach keine Ahnung“, meint Erhard Fuchs dazu nur, „wer sagt, es hätte eine höhere Strafe geben müssen, der kennt sich hiermit nicht aus.“ Er deutet auf das rote Buch, das vor ihm auf dem Tisch liegt.

In diesem Jahr erst zwei Verhandlungen

Was Gewalt und anderweitige Zwischenfälle auf dem Sportplatz betrifft, brauche man sich im Kreis Biedenkopf momentan keine Sorgen zu machen, sagt Erhard Fuchs. In diesem Jahr gab es erst zwei mündliche Verhandlungen, ein außerordentlich positiver Schnitt im Vergleich zu den Vorjahren. Nur die Bedrohungs- und Beleidigungsdelikte würden stetig zunehmen.

„Hier sind auch die Vereine gefordert, eine Vorbildfunktion für ihre Spieler zu übernehmen.“ Und wenn demnächst doch mal wieder eine Sache auf dem Tisch des Sportgerichts landet, will Erhard Fuchs notfalls nicht davor zurückscheuen, erbarmungslos zu urteilen.

von Yanik Schick

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