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Aus Nepal über Lohra in die Kaffeetasse

Verein Fairdirect Aus Nepal über Lohra in die Kaffeetasse

Zur Bewertung über die Herstellungsmethoden oder wie fair der Umgang mit Mensch, Tier und 
Umwelt ist, bietet der Verein auf seinem Onlinemarktplatz den „Produkt-Fairness-Level“ an.

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Terrassenförmige Felder in Hansapur/Nepal nach der Ernte sowie Mitarbeiterinnen des nepalesischen Teams des Vereins Fairdirect zusammen mit einer Kaffeebäuerin vor Ort.

Quelle: Fairdirect

Lohra. Nein, ein Idealist sei er eigentlich nicht, nur ein normaler Konsument, der sich eine einfache Frage stellte, sagt Michael Gattinger. Und: „Diese ist bis jetzt noch nicht geklärt.“ Doch für den Kirchverser blieb es nicht bei der Frage, mit der alles begann: Wo kommen die Lebensmittel her? Je tiefer er sich dem Thema widmete, desto mehr Fragen schlossen sich an: Wie werden Kaffee oder Wurst produziert? Wie geht es dabei den Tieren? Wie den Bauern?

Gerade die seien in einer globalisierten Handels- und Produktionswelt die Dummen, die Gewinner seien mehr und mehr die Handelsketten und großen Produktionsbetriebe, stellte der Spediteur auf seinen Reisen durch Europa fest.

Einen ersten Versuch, das zu ändern, unternahm der aus Biebertal stammende 42-Jährige im Jahr 2010. Damals gliederte er in seinem Laden in Gießen den Verkauf von Lebensmitteln direkt vom Erzeuger an. Zudem schuf er auch die Möglichkeit, die Waren im Internet online zu kaufen, wozu er eine kleines Start-up-Unternehmen aufkaufte. Der Online-Handel ab 2011 nahm jedoch eine Richtung, die dem Kirchverser missfiel.

Es gab viele Anbieter und Kunden, jedoch schalteten sich immer mehr Zwischenhändler ein. Gattinger ( Foto: Fain) stellte den Online-Handel wieder ein, vergebens waren die gemachten Erfahrungen allerdings nicht. „Es gibt viele, die das so sehen wie ich, es macht nur keiner.“ Aus dieser schon zuvor gewonnenen Erkenntnis wuchs ein Freundeskreis.

Dessen eingebrachte Energie mündete nun in der Gründung des Vereins Fairdirect, dessen Vorsitzender Gattinger ist. Mit dem Teilnehmerkreis, zum Gründungsstab von Fairdirect zählen neun engagierte Menschen, wuchsen auch die Absichten und somit die Anforderungen.

Der Verein bietet nicht nur die Möglichkeit, direkt bei den Herstellern in fernen Ländern auch in kleinen Mengen Waren zu bestellen, es gibt zudem ein Bewertungssystem mit Informationen über die Herkunft der Lebensmittel und Antworten auf die Fragen, wer diese Waren wie und womit herstellt, wie fair der Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt während der Produktion ist und wie fair die gezahlten Löhne sind.

Hilfsmittel dazu ist der Produkt-Fairness-Level, der in einem farbig ansteigenden Feld angezeigt, wie fair das entsprechende Produkt produziert worden ist. Die Eckdaten dazu werden von freiwilligen Mitarbeitern ermittelt und von Fair‑
direct-Kontrolleuren regelmäßig vor Ort überprüft. Nachzulesen ist der Level auf dem Online-Marktplatz www.epelia.com.

Der Verein habe bewusst darauf verzichtet, ein weiteres Siegel auf dem Markt zu platzieren. Die Zertifizierung ist teuer, und ein Siegel decke nie das komplette Spektrum ab. „Was nützt es mir, wenn laut Siegel in einem Schoko-Keks zehn Prozent fair gehandelte Schokolade enthalten sind?“, fragt Gattinger. Oder: „Weiß ich, wenn ein Tier wie auch immer biologisch großgezogen wurde, wie es geschlachtet wird?“ Das soll der Produkt-Fairness-Level möglichst transparent wiedergeben.

Erste Online-Anbieter: Kaffeebauern in Nepal

Der Anfang ist gemacht, im Online-Marktplatz bieten kleine Kaffeeproduzenten aus Hansapur in Nepal ihr Produkt an. Rund 12 Euro kostet das Kilogramm Kaffee, was einem Preis von drei Euro für eine handelsübliche 250-Gramm-Packung gleichkommt, die der Produzent erhält. Allerdings kommt auf diesen Preis noch die Luftfracht von vier Euro je Kilogramm hinzu, und geröstet ist der Kaffee auch noch nicht.

Zwei Probleme, die es zu lösen gilt. Der Verein werde sich entweder eine eigene Röstmaschine zulegen oder einen anderen Weg finden, den Kaffee möglichst kostenneutral weiterzuverarbeiten. Die Transportkosten würden sich automatisch verringern, wenn es größere „Käuferzellen“ – mehr Besteller bei einer „Anbieterzelle“ – gibt, weiß der Transportunternehmer, der sich mittlerweile auf die Logistikberatung verlegt hat.

Bang ist ihm um das Projekt des Vereins nicht. „Die Infrastruktur steht, der Marktplatz ist eingerichtet und getestet“, sagt Gattinger , und die Erfahrung zeige, dass es genug Interessenten gibt. Sowohl auf Anbieter- als auch auf Kundenseite. „Viele Menschen sind bereit, für gute Produkte Geld auszugeben, nur fehlt ihnen die Transparenz.“

Weitere Informationen gibt es unter www.fairdirect.org im Internet.

von Gianfranco Fain

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