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„Aus Gegenwind soll Sturm werden“

Bürgerinitiative „Aus Gegenwind soll Sturm werden“

Mehr als 300 Lohraer 
Bürger kamen ins Bürgerhaus, um sich über Möglichkeiten des Widerstands gegen den Bau von Windrädern zu informieren.

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Die Besucher der Gründungsveranstaltung der „Bürgerinitiative Gegenwind“ nahmen Informationen auf, trugen sich in Unterstützerlisten ein und spendeten fürs Startkapital.

Quelle: Gianfranco Fain

Lohra. Selten ist das Bürgerhaus Lohra so gut gefüllt wie am Donnerstagabend. Die Veranstalter haben 250 Stühle aufgestellt, holen kurz vor Beginn des Infoabends noch welche aus dem Lager und öffnen die Empore.

Mehr als 300 Bürger der Gemeinde sind es schließlich, die den Weg ins Gemeinschaftshaus finden, um ab 19 Uhr an der Gründungsveranstaltung der Bürgerinitiative Gegenwind teilzunehmen. Sie wollen sich über die Pläne der Investoren informieren und vor allem erfahren, was getan werden kann, um den Bau von sechs Windkraftanlagen in den Gemarkungen der Ortsteile Lohra, Rodenhausen, Rollshausen und Seelbach zu verhindern.

Nach Vorträgen der Initiatoren sowie zweier Vorstandsmitglieder der Bürgerinitiative (BI) Holzhausen geht es dann plötzlich ganz schnell: Um 21.05 Uhr erklärt Wortführer Knut Schäfer die Bürgerinitiative „Gegenwind Lohra“ als gegründet. Dem Aufruf, ihre Unterstützung in einer Unterschriftenliste auszudrücken folgen an diesem Abend rund 260 Zuhörer, weitere 100 unterstrichen schon zuvor ­ihre Bereitschaft. Somit haben die Initiatoren auf Anhieb rund 6 Prozent der Lohraer Bevölkerung hinter sich.

Kein Verein, um schnell handeln zu können

Die Teilnehmer der Gründungsveranstaltung lassen sich auch nicht lumpen und spenden etwa 600 Euro, damit die Initiative über ein Startkapital verfügt, um zum Beispiel Gutachten der Investoren überprüfen zu lassen. Zuvorderst will die BI aber auf der politischen Ebene tätig werden. Es gelte zu verhindern, dass die Gemeinde mit den Investoren Wegenutzungsverträge eingeht. „In diesem Punkt müssen wir schnell handeln“, sagt Knut Schäfer, deshalb werde die Vereinigung als rechtlich loser Zusammenschluss bürokratisch schlank gehalten und vorerst kein Verein gegründet.

Da sich die Initiatoren aber darüber im Klaren sind, dass selbst mit der Gemeinde über verweigerte Wegeverträge das Projekt nur schwer zu stoppen sein wird, appelliert Manfred Kranz an die vielen Privateigentümer, nicht zuzustimmen beziehungsweise ihre Entscheidung des gewährten Wegerechts zu überdenken. „Dann haben wir hier keine Windräder“, hofft Kranz.

Zuvor beschrieb Norbert Daum die Lage. Zurzeit seien sechs Windräder geplant, jedes mit einer Höhe von etwa 200 Metern, eventuell auch mehr. Insgesamt seien auf der Vorrangfläche bis zu 13 Anlagen möglich, doch schon die 6 in den Gemarkungen Lohra, Seelbach und Rodenhausen seien „von überall in der Gemeinde zu sehen“.

Für jedes dieser Windräder müssten vier Hektar Wald gerodet und bis zu 200 Lastwagenladungen an Erdaushub abgefahren werden. Für das Fundament seien wiederum bis zu 180 Lastwagen mit Kies, Schotter und Beton erforderlich. Die Anfahrt erfolge über Erdhausen und die Abfahrt über Lohra. Für die Arbeiten müssten die Wege dreimal so breit werden, wie sie bisher sind.

BI-Mitglieder aus Holzhausen geben Tipps

Weiterhin nannte Daum Gefahren und negative Auswirkungen wie Eisschlag, Brand sowie wirtschaftliche Nachteile­ für die Waldbesitzer. Fest stehe schon, dass die Immobilien in Lohra dann 30 Prozent ihres Wertes verlieren würden. Ursula Heuser wollte daraufhin wissen, ob für den Bau eines Windrades eine Ausgleichsfläche geschaffen werden müsse?

Ja, aber dies könne auch eine­ Agrarfläche sein, antwortete Andreas Knoll. Der stellvertretende Vorsitzende der BI Holzhausen äußerte sich beeindruckt vom Interesse der Lohraer. Er und der BI-Vorsitzende Reinhold Leinweber berichteten von ihren Erfahrungen als Vorreiter im Landkreis.

Während sich Leinweber dem Thema Teilregionalplan Energie widmete – „Vorranggebiet bedeutet Vorrang vor allen anderen Nutzungsarten und wenn 13 Anlagen möglich sind, werden früher oder später auch 13 stehen“ – und mögliche Konfliktpunkte für das Vorranggebiet bei Lohra aufzeigte, schilderte Knoll wie in den Augen der BI-Mitglieder nicht nur die Naturlandschaft auf dem Hilsberg zerstört, sondern auch das Vertrauen in den Rechtsstaat und die Politik erschüttert wurde.

So beschrieb er, dass die Behörden die Gutachten nicht prüfen würden, sondern von der BI auf Fehler hingewiesen werden musten, dass es in Holzhausen wie angekündigt nur einen Lärmpegel wie von einem brummenden Kühlschrank gebe, man diesem im Schlafzimmer aber nicht abschalten könne, dass bisher keine Ergebnisse einer Lärmmessung vorliegen, die laut Genehmigung gleich nach Inbetriebnahme erfolgen sollte ( die OP berichtete), wie Vögel an den Windrädern sterben – „Fledermäuse liegen wie Nüsse auf dem Boden“ – und der Schlagschatten öfter auftritt, als prognostiziert.

Knoll: informieren statt folgen, wissen statt glauben

Doch Knoll machte den Lohraern auch Mut. Der Kampf habe sich gelohnt, gemeinsam mit der Politik sei es möglich, etwas zu erreichen. Man müsse sich nur informieren statt zu folgen, wissen statt glauben, keine Schranken bei der Meinungsbildung haben und Widerstand leisten. Nach dem Applaus trug Knoll noch einige Zahlen und Fakten von Vernunftkraft, einer Vereinigung, bei der er im Vorstand mitwirkt, zum Windradwahnsinn vor und beantwortete Fragen. Zum Beispiel, dass es die Möglichkeit gebe, mit Politiker zu sprechen, nachzufragen, wieso es in dem Vorranggebiet keine Konfliktpotenziale gebe und wer das festgestellt habe, oder auch Gutachten zu überprüfen und dass sich die Gemeinde gegen den Teilregionalplan nicht wehren könne, Privatpersonen aber schon.

Die Zuhörer bekamen auch Antworten auf ihre Fragen. Helmut Michel wollte zum Beispiel wissen, um welche gesundheitlichen Gefahren es gehe. Diverse Ursachen wie Lärmbelästigung und Schlagschatten könnten zu Schlafstörungen und ­Depressionen führen.

Wenn Konflikte im Vorranggebiet nicht zu lösen seien, müsse der Bauherr Zugeständnisse machen, erhielt Claudia Hoffarth als Antwort und das zu Lasten Lohras die Zerstörung des Waldes, der Tod vieler Tiere und die verlorene Nachtruhe der Menschen gehe, erfuhr Giesela zu Jeddeloh, während die Nutznießer Pächter, Projektierer und Windradhersteller seien.

Knut Schäfer rief zum Schluss die Teilnehmer dazu auf, mit ihrer Unterschrift die Bürgerinitiative zu unterstützen und mit Spenden zu helfen, damit aus dem „Gegenwind ein Sturm wird“.

von Gianfranco Fain

Die Gründe der Gründer im Wortlaut lesen Sie hier.
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