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Lohra setzt auf bürolose Verwaltung

Rathaus wird verkauft Lohra setzt auf bürolose Verwaltung

Der Anschluss ans schnelle Internet macht es möglich: Bürgermeister Georg Gaul lässt die (fast) bürolose Verwaltung testen, an dessen Ende der Verkauf des Lohraer Rathauses steht.

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Wink mit dem Zaunpfahl? Für die AWO-Mitarbeiter sind schon Parkplätze hinterm Rathaus eingerichtet.

Quelle: Tobias Hirsch

Lohra. In der Gemeinde Lohra wird die Sanierung der Finanzen konsequent vorangetrieben: Nach dem geglückten Verkauf von zwei Dorfgemeinschaftshäusern will Bürgermeister Georg Gaul einen weitergehenden Schritt wagen.

Doch diesmal handelt es sich nicht nur um den simplen Verkauf von Gemeindeeigentum, um die hohe Schuldenlast der Gemeinde – rund 7,5 Millionen Euro – zu verringern, diesmal will der Lohraer Kämmerer die Arbeitsweise der Verwaltung umkrempeln.

Schon zu seiner Zeit als einfacher Verwaltungsangestellter störte er sich an den Bergen von Papier und der damit verbundenen Mehrarbeit, berichtete Gaul. Seitdem arbeitete er in Gedanken an einem Konzept, wie die Verwaltungsarbeit effektiver und möglichst papierlos gestaltet werden könne.

Jährlich fallen 50.850 Euro weniger an Kosten an

Doch erst der Anschluss Lohras an das Breitbandnetz eröffnet nun die Möglichkeit, sein Konzept umzusetzen: Die Verwaltung in ihrer jetzigen Form wird aufgelöst, drei Mitarbeiter fahren im Wechsel in einem zum Bürgerbüro umfunktionierten Wohnmobil täglich zwei der zehn Ortsteile an, die restliche Arbeit wird von den Verwaltungsangestellten im sogenannten Homeoffice verrichtet.

Am Dienstagabend wurden die beunruhigten Mitarbeiter über die Pläne informiert, nachdem der Gemeindevorstand die Zustimmung gab. „Auch da gab es einige Vorbehalte“, berichtete Gaul, doch letztlich habe das Kostenargument überzeugt. Die Kalkulation hat Betriebsberater Michael Bose erstellt, der auch andere Gemeinden unterstützt, zum Beispiel bei der Umstellung auf die Doppik.

Demnach wird mit einem Verkaufserlös von 580.000 Euro gerechnet. Da das anteilige 1800 Quadratmeter große Grundstück mit einem Buchwert von 90.000 Euro und das Gebäude selbst mit 280.000 Euro in den Büchern steht, würde sich ein außerordentlicher Ertrag von rund 210.000 Euro für dieses Jahr ergeben.

„Es muss sich allerdings noch zeigen, ob dieser Preis auf dem Markt wirklich zu erzielen ist“, schränkt Gaul mit Verweis auf die Verkäufe der beiden Dorfgemeinschafts­häuser (DGH) in Altenvers und Weipoltshausen ein. Derweil nahm Fachbereichsleiter Lars Plitt ( Foto: Hirsch) für die Testphase der bürolosen Zeit Akten mit nach Hause.

Ob es schon einen Interessenten gibt, will Gaul nicht verraten. Er dementiert aber auch nicht Informationen der OP, dass die AWO, die in der Nachbarschaft ein ausgelastetes Altenheim mit Tagespflege für demente Menschen betreibt, das Gebäude kaufen will, um darin Wohngruppen für Demente einzurichten.

Server in Seelbach, Trauungen in Hufeisenkirche

Ebenso wichtig wie der Verkaufserlös ist den Finanzexperten die Minderung der jährlich anfallenden Kosten zum Beispiel für Gas, Wasser, Strom, Instandhaltung und Abschreibungen. Genau 108.449,29 Euro fallen nach derzeitigem Stand jedes Jahr dafür an, hat Bose errechnet. Zieht man davon die monatliche Entschädigung in Höhe von 300 Euro für die Nutzung des Homeoffice durch die 16 Mitarbeiter ab, insgesamt 57.600 Euro, so mindert die Gemeinde ihre Kosten jedes Jahr um rund 50.850 Euro.

Einige Dinge müssen aber noch festgelegt werden, erklärt Gaul. So ist zum Beispiel für das besonders papieranfällige Bauamt eine feste Bleibe unabdingbar. Angedacht ist, dies eventuell im DGH Willershausen unterzubringen, falls die derzeitigen Verkaufsverhandlungen scheitern. Möglich wäre aber auch, das Büro in das Obergeschoss des benachbarten Bürgerhauses Lohra zu verlegen, wo auch der Bürgermeister ein Dienstzimmer für offizielle Termine und Empfänge erhalten würde.

Alles kostenlos: Räumaktion im Dachboden

Fest steht dagegen, dass der für dieses Projekt dringend benötigte große Serverraum in dem nahezu unverkäuflichen DGH Seelbach eingerichtet wird. Und: Die Standesbeamten werden Paare nur noch in der Hufeisenkirche in Altenvers trauen. „Das macht doppelt Sinn“, sagt Gaul. Die Kirche biete einen idealen Rahmen und die Gesellschaften können zu Fuß in die benachbarte Gaststätte zur Feier gehen.

Ob das alles so gelingen kann? „Warum nicht“, kontert Gaul. „Wir wurden auch belächelt, als wir mit dem Verkauf der Dorfgemeinschaftshäuser begannen. Wir haben es gemacht und gehen unseren Weg konsequent weiter.“ Dazu gehört auch, dass als nächste Aktion der Dachboden des Rathauses entleert wird.

Möbel (Foto: Hirsch), Aktenschränke, nicht mehr benötigtes Büromaterial, Bücher, Gedenkteller oder Fotos – „alles soll weg“, sagt Gaul. Ob Souvenirjäger oder Sammler: Wer etwas davon gebrauchen kann, solle diesen Mittwoch, 1. April, nach der offiziellen Öffnungszeit des Rathauses um 12 Uhr kommen und sich auf dem Dachboden kostenlos bedienen.

von Gianfranco Fain

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Wer am Mittwoch insgeheim Zustimmung zum Zeitungsartikel über den Verkauf des Lohraer Rathauses im Sinn hatte, der wird enttäuscht sein.

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