Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Lohra befreit sich von Klotz am Bein

Dorfgemeinschaftshäuser Lohra befreit sich von Klotz am Bein

Geht es nach den Plänen des Gemeindevorstands von Lohra, dann könnten neun der insgesamt zehn Bürgerhäuser in der Gemeinde binnen zwei Jahren verkauft werden.

Voriger Artikel
Großes Interesse an Windpark-Baustelle
Nächster Artikel
"Amis" versorgen Marburger per Bahn

Das Bürgerhaus in Lohra soll vorläufig im Besitz der Gemeinde bleiben.Archivfoto

Lohra. In einer Bürgerversammlung für alle Ortsteile im Bürgerhaus Lohra wurde das Konzept vorgestellt. Demnach kommen die ersten Gebäude schon dieses Jahr auf den Markt.

In gemeindlichem Eigentum soll nach dem Willen des Gemeindevorstands vorläufig lediglich das größte Bürgerhaus im Kernort Lohra bleiben. Alle anderen Liegenschaften sollen vermarktet werden, wie Bürgermeister Georg Gaul (parteilos) berichtete. Es könnten Gewerbetreibende, Institutionen und auch Privatleute die Gebäude und Grundstücke kaufen. Auch Bürgervereine könnten die Liegenschaften übernehmen, Interesse kommt für dieses Modell bisher nur aus Rollshausen.

„Es muss ein Konzept für alle Häuser geben, aber der Prozess ist heute noch nicht abgeschlossen“, stellte der externe Berater der Gemeinde, Friedhelm Liers, zu Beginn der Veranstaltung klar. Vielmehr, so betonte Liers, gebe es immer noch einen Wettbewerb der Konzepte. Entsprechend stellte der Gemeindevertreter Hermann Schorge auch zunächst noch einmal seinen Entwurf vor, nach dem Bürgervereine die Liegenschaften übernehmen könnten, die den Kaufpreis durch Übernahme der laufenden Kosten und Bereitstellung für die Bevölkerung über einen bestimmten Zeitraum abtragen sollen (die OP berichtete). Das werde sicher nicht überall möglich sein, räumte Schorge ein.

Es müsse endlich eine Entscheidung geben, betonte das Gemeindeoberhaupt, und wies auf die angespannte Haushaltslage hin. „Wir stehen vor dem Kollaps“. Die Genehmigung der kommenden Haushalte sei an scharfe Auflagen gebunden, die Gemeinde müsse massiv sparen. 2,6 Millionen Euro kumuliertes Defizit wiesen die Abschlüsse der Jahre 2009 bis 2013 aus, so Gaul. 4,2 Millionen Euro an Darlehen müssten bedient werden, 2,5 Millionen Euro Kassenkredite habe Lohra.

Eine Erhöhung von Abgaben und Steuern sei sicher auch nicht im Sinne der Lohraer, diese seien inzwischen genug belastet. Und beispielsweise Kindergärten müssten weiterhin bezahlbar bleiben.

Etwa 400000 Euro koste die Gemeinde jedes Jahr der Erhalt aller Bürgerhäuser, rechnete Gaul vor. Mit dem Verkauf von Liegenschaften könnten zudem Schulden getilgt werden. Bereits die Schließung mehrerer Dorfgemeinschaftshäuser im Winter habe gezeigt, dass Nutzer wie Vereine auf Alternativen ausweichen könnten und würden, so Gaul.

Rücklauf von Bürgernwar ernüchternd

Der Verwaltungschef erinnerte daran, dass es in allen Ortsteilen Bürgerversammlungen gegeben habe. In dem demokratischen Prozess seien die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen gewesen, eigene Vorschläge zu machen. „Der Rücklauf war ernüchternd“, stellte Gaul fest. Enttäuschend sei auch, dass es die Menschen scheinbar so wenig interessiere, was aus den Häusern wird. Von den nur 60 Anwesenden seien ein Drittel noch Mitglieder der politischen Gremien.

Das Ortsgericht hat den Wert der Liegenschaften ermittelt. Etwa 80 Prozent davon sollen erzielt werden. Gaul betonte jedoch, dass nicht sicher sei, was der freie Markt hergebe. Den größten Wert habe das Bürgerhaus in Lohra (860000 Euro). Und dieses solle auch trotz notwendiger großer Investitionen erhalten bleiben, so Gaul. Es habe die größte Auslastung und eigne sich für Großveranstaltungen. Allerdings gelte es, mehr Werbung für eine noch bessere Nutzung zu machen.

Im Übrigen werde es ab Juli 2014 eine Gebührenordnung geben, durch die Nutzer stärker an den Kosten beteiligt würden. Vorgabe der Kommunalaufsicht sei es nämlich, dass Vereine für die Nutzung bezahlen müssten. Langfristig sei auch der Verkauf dieses Hauses nicht ausgeschlossen.

Hohe Werte bei den anderen Häusern beruhten zum Teil auf großen Grundstücken. Den größten Wert hat das Haus in Altenvers mit etwa 600000 Euro, den geringsten das Dorfgemeinschaftshaus in Seelbach mit gut 61 000 Euro.

In Altenvers sollten zunächst mit dem Kinderzentrum Weißer Stein Gespräche geführt werden, so Bürgermeister Gaul. Dieses ist Träger der Kindertagesstätte, die im Dorfgemeinschaftshaus ihr Zuhause hat. Sollte der Verein kein Interesse haben, werde ab 2015 vermarktet.

Aus den Reihen der Bürger aus Kirchvers, deren Bürgerhaus ebenfalls wie auch die Dorfgemeinschaftshäuser von Reimershausen und Rollshausen ab 2015 vermarktet werden soll, wurde betont, dass der Verlust schwer wiege. Vertreter des Sportvereins beklagten, dass sie das Haus kaum übernehmen könnten, Übungsraum würde also wegfallen. Gaul verwies wie auch bei anderen Häusern auf Alternativen im Ort, und der Verein baue gerade eine neue kleine Halle.

Proteste des Kurlturvereinsaus Weipoltshausen

Bereits 2014 sollen die Liegenschaften in Damm, Rodenhausen und Seelbach zum Kauf angeboten werden. Für Willershausen sieht der Plan vor, dass die Gemeinde von einem neuen Eigentümer das Erdgeschoss für Veranstaltungen anmietet. Die Feuerwehr brauche dort nach der geplanten Fusion mit Lohra, wenn das dortige neue Feuerwehrgerätehaus gebaut ist, keinen Raum mehr.

In Rollshausen soll für die dortige Wehr eine Miete entrichtet werden, wenn es dazu komme, an einen Bürgerverein, der etwa 195 000 Euro aufbringen müsste. Wie Gaul erläuterte, könne in diesem Fall das Dorfgemeinschaftshaus auch von Bürgerinnen und Bürgern aus anderen Ortsteilen als Ersatz für ihr weggefallenes Haus genutzt werden. Sei in Seelbach wegen der Fusion mit Rodenhausen kein Raum mehr für die Feuerwehr von Nöten, so Gaul, müsste auch in Rodenhausen und Reimershausen Miete durch die Gemeinde für die Brandbekämpfer entrichtet werden. Trotz laufender Dorferneuerung soll auch das Dorfgemeinschaftshaus in Weipoltshausen vermarktet werden und zwar schon 2014. Vor allem aus den Reihen des dort gegründeten Kulturvereins gab es Protest. Gaul hob hervor, dass eine Sanierung des Hauses einfach zu teuer sei, trotzdem sagte er Gespräche mit dem Verein zu.

Wie die OP mehrfach berichtete, bemängelt der Gemeindevorstand mangelnden Einsatz der Dorfgemeinschaft, die sich nicht bereit erklärt habe, Kosten durch zukünftige Eigenleistung zu erbringen. Ein Dorfcafé einzurichten reiche nicht, hatte Gaul immer wieder betont.

Aber für dieses Café gebe es ebenfalls eine Alternative, so der Bürgermeister. Es seien bereits Gespräche mit einem örtlichen Gastwirt geführt worden. Dieser habe sich bereiterklärt, Raum für das Café auf Mietbasis zu stellen.

Und auch dafür könnten Mittel aus der Dorferneuerung eingesetzt werden.

Entscheiden wird letztendlich die Gemeindevertretung. Diese wird am 13. Juni zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Dann wird der Gemeindevorstand laut Gaul seinen Beschlussvorschlag einbringen. Sollte dieser letztendlich eine Mehrheit in der Gemeindevertretung finden, dann könnten in Kirchvers, Altenvers und Weipoltshausen alternativ zum Verkauf der Gebäude diese auch abgerissen werden, so Gaul, und die Grundstücke dann verkauft werden, „möglicherweise auch in mehrere Parzellen geteilt“.

von Heiko Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr