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Liebe klebt wie Heftpflaster

Handarbeit Liebe klebt wie Heftpflaster

Es bedarf keiner Schmetterlinge im Bauch, um zu erkennen, was Liebe ist. Beim Zusammensetzen vieler kleiner Teile entsteht eine Verbindung, die ewig hält.

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Nach etwa 20 Stunden und zahlreichen Arbeitsschritten (kleine Fotos) ist der handgearbeitete Teddybär mit beweglichen Armen und Beinen sowie der obligatorischen Brummstimme fertig.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Rodenhausen. Der Teddybär aus den Kindertagen hat viel erlebt – Kummer, Schmerz, Freude. Er ist Seelentröster und bester Freund, eine Einschlafhilfe und geselliger Spielkamerad. Er entsteht aus vielen kleinen Teilchen. Für Hanna Bodenbender (Rodenhausen) ist die Summe dieser Teilchen seit mehr als 20 Jahren Lebens­elexier. Sie fügt eins ans andere. So entstehen Unikate.

In der guten Stube bollert ein Kachelofen.

Die hellen Flammen lodern hoch, eine wohlige Wärme vermittelt Geborgenheit. Der Raum ist vollgestopft mit Erinnerungen.

Auf dem Sofa, auf dem Sideboard, in einer Glasvitrine und auf der Fensterbank sind Stofftiere aller Art ordentlich drapiert. Auf dem Fußboden stehen Kisten mit teuren Mohair-Stoffen, eine ist gefüllt mit Glasaugen, Metallsplinten, Papp- und Metallunterlagen und Werkzeugen. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Körbchen mit Garnen – dicke und dünne, helle und dunkle.

Alte Mäntel werden zu Bärenfell verarbeitet

Das ist Hanna Bodenbenders „Werkstatt“, ein altes Fachwerkhaus. Als das Leben auszog, zog die „Bärenwerkstatt“ ein. Die geräumige Stube ist ein bliebter Treff. Gleichgesinnte handarbeiten dort: Sie sticken, stricken oder nähen. Sie plaudern über dies, das und jenes – wie in der guten alten „Spinnstube“.

Auf dem Ofen steht eine Kanne Pfefferminztee, aufgesetzt mit frischen Gartenkräutern. Der Duft durchdringt den kleinen Raum. Frisch aufgebrüht mag ihn Hanna Bodenbender am liebsten – aus einer Bärchen-Tasse.

Ihre Leidenschaft für Teddybären entdeckte Hanna Bodenbender vor gut 20 Jahren neu.

„Was man als Kind geliebt hat, bleibt im Besitz des Herzens bis ins hohe Alter“. Khalil Gibrans philosophischer Gedanke trifft zu 100 Prozent auf Hanna Bodenbender zu. In den Kindheitstagen spielte sie mit Teddys, als 51-Jährige hat sie bereits mehr als 250 per Hand gefertigt. Der kleinste misst 6 Zentimeter. Kopf, Arme und Beine sind beweglich – das versteht sich von selbst.Irgendwann ist ihre Leidenschaft „ausgeartet“. Es fing damit an, dass sie wissen wollte, wie ein Teddybär entsteht. Die aus Römershausen Stammende belegte in Eppstein einen Volkshochschulkurs. Alte Mäntel wurden zu „Bärenfell“ zerschnitten, heute wirkt es blass und stumpf.

Seinen Siegeszug trat der drollige Teddybär mit den süßen Knopfaugen 1903 an, als ein amerikanischer Vertreter ein Exemplar von Margarete Steif als ­Verlegenheitsgeschenk erstand, das schließlich auf der Gabentafel von Theodore „Teddy“ Roosevelts Tochter landete. Das Kind taufte den Bären nach ihrem Vater.

Seither sind Menschen fasziniert von Teddys. Zur Messe „Teddy Total“ in Münster werden Ende April bis zu 6000 Menschen erwartet.

Eine Stunde vollste Konzentration

Sie sind wie Hanna Bodenbender infiziert mit dem Bärenvirus. „Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ ­Pablo Picasso trifft den Nagel auf den Kopf.

Doch Hanna Bodenbender gehört zu denjenigen, die sich ihre Schaffenskraft aus den Kindertagen bewahrt haben. Sie kreiert täglich aufs Neue Einzigartiges.

„Schöne Stoffe machen einen schönen Bären“, sagt Hanna Bodenbender. Aus einem 1 Meter Mal 1,40 Meter feinstem Mohair-Stoff entstehen sechs Teddybären. Die Rodenhäuserin mag sie klassisch – wie in ihrer Kindheit. Auf dem Tisch in der guten Stube liegen 21 Stoffteile: 17 Teile für Arme, Beine, Bauch und Kopf, 4 für die Pfoten. Hanna Bodenbender näht per Hand. Mit der Nähmaschine ginge es auch, aber: „Es kann verrutschen.“

Nachdem der Kopf mit Füllwatte gestopft ist, wird die Nase rasiert, bevor die Augen eingesetzt werden – es vergeht eine Stunde bis der Bärenkopf dem prüfenden Blick von Hanna Bodenbender standhält. Sie setzt am liebsten Glasaugenein „Sie verleihen dem Teddy einen ganz besonderen

Ausdruck.“ Ihre Teddys haben fast alle schwarze Knopfaugen. Sie werden mit einer Nähnadel so groß wie ein Jesusnagel und mit dickem Zwirn befestigt. Kopf, Arme und Beine erhalten noch Gelenke. Der Einbau ist knifflig, ein Gegenstück gibt Halt. Ein letzter Handgriff noch: Dem Teddy wird der obliga­torische Brummton eingepflanzt.

Jetzt ist der Teddybär mit dem hellbraunen Fell fertig. Für ihn bestehen zwei Optionen: Entweder wird er von einem Kind geliebt, bis aufgeplatzte Nähte mit Heftplaster zusammengehalten werden müssen oder er versetzt einen Erwachsenen zurück in die Kindheit.

von Silke Pfeifer-Sternke

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