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„Letzte Chance“ wandelt sich in Albtraum

Bluttat in Breidenbach „Letzte Chance“ wandelt sich in Albtraum

Das 27-jährige Opfer erstickte im Wohnzimmer am eigenen Blut, nachdem 2 der 20 Messerstiche die Halsschlagadern verletzt hatten. Am ersten von fünf Prozesstagen ließ der 31-jährige Angeklagte durch seinen Rechtsanwalt mitteilen, dass er einräumt, seine Ehefrau getötet zu haben.

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Ein Justizwachtmeister nimmt dem wegen Mordes angeklagten 31-Jährigen auf dem Weg zu seinem Verteidiger Sascha Marks die Handschellen ab.

Quelle: Nadine Weigel

Breidenbach. Emotionslos verliest Staatsanwalt Nicolai Wolf am Mittwochvormittag vor der 6. Strafkammer des Landgerichts die auf Totschlag lautende Anklageschrift: Der in Handschellen vorgeführte 31-Jährige soll am 9. Februar in Breidenbach „einen Menschen getötet haben, ohne Mörder zu sein“. Während einer Auseinandersetzung im Wohnzimmer mit seiner vier Jahre jüngeren Ehefrau griff der Angeklagte nach einem Küchenmesser mit 14 Zentimeter langer Klinge, „um sie zu töten“. Zwei der rund 20 Stiche in Oberkörper und Hals durchtrennten die Schlagadern, die Frau erstickte am eingeatmeten eigenen Blut. Der Angeklagte sitzt zwischen seinen beiden Verteidigern, hält den Kopf gesenkt, hört zu, hat zuvor nur die Fragen zu seinen Personalien beantwortet, will sich zur Tat nicht äußern. Das übernimmt Rechtsanwalt Sascha Marks: Sein Mandant räume ein, seine Ehefrau getötet zu haben.



 
 
 
 
 
 
 
 
 


 

Dann berichtet ein Polizist aus Biedenkopf über den Einsatz an jenem Sonntag: Nach dem Anruf eines Onkels des Opfers traf die Streifenwagenbesatzung vor der Wohnung des Ehepaares auf die Eltern und die jüngere Schwester der jungen Frau. Der Onkel wollte mit dem Ehemann sprechen, weil er einen Brief erhalten habe, in dem von Problemen des Ehepaares die Rede war und aus dem man schließen konnte, dass eine Selbsttötung bevorsteht oder jemand schon getötet ist. Die Familie war beunruhigt, weil die Tochter nicht zu einer Verabredung erschien und die Suche nach ihr sowie die Kontaktversuche per Telefon und an der Haustür erfolglos waren.

Ehemann rückt schnell ins Visier der Ermittler

Kaum hat ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes die Tür geöffnet, stürmen die jüngere Schwester und der Vater in die Wohnung, suchen die Zimmer ab. Das junge Mädchen findet die Schwester, schreit ihren Schrecken heraus. „Da wusste ich, dass meine Tochter tot ist“, berichtet die Mutter später im Zeugenstand mit weinerlicher Stimme. Der Angeklagte hört den Bericht des Polizisten mit gesenktem Kopf, den er auf seine Hände stützt, wobei er die Augen geschlossen hält. Auch schaut er sich nicht mit den anderen Prozessbeteiligten die Fotos vom Tatort an. Der Polizist berichtet weiter: Während der Vater fassungslos neben seiner getöteten Tochter kniet, beginnt die Routinearbeit. Verstärkung wird herbeigerufen, der Tatort, zu dem schnell mehr als 100 Menschen des 7000 Einwohner zählenden Hinterland-Ortes strömen, wird abgeriegelt, erste Vernehmungen erfolgen.

Schnell konzentriert sich der Verdacht auf den 31-jährigen Ehemann. Blutige Fußspuren in der Wohnung belasten ihn und auch dass sein auffälliger gelber VW Beetle, wie von Zeugen bemerkt, nicht mehr auf dem Parkplatz steht. Die Fahndung läuft noch in der Nacht an, wird später auf Europa ausgeweitet. Das Auto wird in Paris entdeckt, Hausdurchsuchungen bleiben aber erfolglos. Nach dreitägiger Flucht stellt sich der 31-jährige Student der Mechatronik in einer Dortmunder Anwaltskanzlei der Polizei, kommt in Gießen in Untersuchungshaft, steht jetzt vor Gericht.

Mit Angeklagten verwandt,verschwägert? „Nicht mehr!“

Als erster Verwandter wird der Onkel der Getöteten in den Zeugenstand gerufen. Auf dem Weg dorthin würdigt er den Angeklagten keines Blickes, rückt den Stuhl so zurecht, dass er ihn während seiner Aussage nicht sehen muss. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Carsten Paul, ob er mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert sei, antwortete der Onkel des Opfers: „Nicht mehr.“ Dasselbe antworten auch die Eltern, werden aber von Dr. Paul darauf hingewiesen, dass sie es rechtlich gesehen noch sind und deshalb ein Zeugnisverweigerungsrecht haben.

Davon macht keiner der drei Zeugen Gebrauch. Dennoch klingen die Antworten des 35-jährigen Onkels anders als vom Polizisten beschrieben. Den Brief habe er nur überflogen, er handelte von Streitigkeiten, war nicht bedrohlich oder beängstigend. Über die Schwierigkeiten des Ehepaares wusste er nicht aus erster Hand Bescheid. Das höre man, man lebe schließlich in einem kleinen Ort. Den Ehemann habe er erstmals am Hochzeitstag kennengelernt, habe nicht viel Kontakt zu dem Ehepaar gehabt, die nur zu „Routinebesuchen“ an Feiertagen vorbeischauten. Deshalb könne er sich auch nicht erklären, weshalb er diesen Brief erhielt, empfand ihn respektlos und wollte mit dem Ehemann des Opfers darüber und über die Probleme des Paares reden.

Vater des Opfers: „Was haben wir falsch gemacht?“

Seine Nichte beschreibt er als freundliches Mädchen, das viel lachte, selbstbewusst war, später studierte, arbeitete und ihr Leben im Griff hatte. Der Ehemann, den er freundlich aufgenommen habe, kam ihm auch selbstbewusst und ernsthaft vor.

Wie seinen eigenen Sohn habe er ihn behandelt, sagt später der Vater der Getöteten über deren Ehemann. Er habe sich persönlich um die Probleme gekümmert, die er auf Nachfrage als finanzieller Art beschreibt. Er habe seiner Tochter heimlich Geld zugesteckt, wovon sie aber ihrem Ehemann nicht berichten sollte, damit dieser sich nicht in seiner Ehre gekränkt fühle. Er habe alles getan, was in seiner Macht stand, und frage sich nun: „Was haben wir falsch gemacht?“

Im Verlauf der Verhandlung erörtern Richter und Staatsanwalt mehrfach den Verbleib von Goldschmuck. Dieses Hochzeitsgeschenk soll der Angeklagte verkauft haben. Auch die Rückzahlung von Kindergeld war ein Thema als möglicher Streitauslöser.

Weshalb die Tochter nach festgestellter häuslicher Gewalt - mit Verweis des Ehemannes aus der gemeinsamen Wohnung in Wuppertal - nach dem Umzug der Frau nach Breidenbach schließlich doch wieder mit ihm zusammenwohnte, erklärt der Vater so: „Wir wollten nicht, dass sie auseinandergehen. Wir haben unsere Tochter gebeten, ihm noch eine Chance zu geben.“

Das sei auch in ihrem Sinne gewesen, erklärt später die Mutter der Getöteten, und das, obwohl sie die Drohungen des Ehemannes ernst nahm. Am Telefon will sie mitgehört haben, wie er zur Tochter sagte, er werde sie umbringen, oder auch, dass er ihr Gesicht so entstellen werde, dass niemand sie ansehen mag. Weil Onkel und Vater des Ehemannes aber sehr auf eine weitere Chance gedrängt hätten, habe sich die Tochter nach einem vierstündigem Gespräch gefügt.

Die Verhandlung wird am Freitag um 9 Uhr in Saal 101 des Marburger Landgerichts fortgesetzt.

von Gianfranco Fain

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