Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Kritiker sehen Erholungsort vor dem Aus

Windpark Hilsberg Kritiker sehen Erholungsort vor dem Aus

Während die Standortgegner um den Fortbestand des Tourismus‘ in der Region bangen und sich durch eine Studie bestätigt sehen, halten Befürworter auch positive Effekte für durchaus denkbar.

Voriger Artikel
Ausbau schafft Platz für Kunstwerke
Nächster Artikel
Gemälde gleichen einer Fotografie

Der Holzhäuser Fritz Runzheimer ist Buchautor und war im Tourismus seiner Heimatgemeinde engagiert.

Quelle: Gianfranco Fain

Holzhausen. Er meldet sich zu Wort, weil er sich in der Pflicht sieht, die „Umwelt- und Landschaftszerstörung durch die überhastet durchgeführte Energiewende nicht unwidersprochen zu lassen“, sagt Fritz Runzheimer. Der Holzhäuser war Leiter der Dorfverschönerung und auch Beauftragter für Fremdenverkehr und hat somit natürlich vor allem die Entwicklung in und um seinen Ort im Auge.

Wenn man sich jetzt nicht wehre, dann ginge unwiderruflich verloren was in Jahrzehnten und Jahrhunderten aufgebaut wurde: eine einmalig schöne Landschaft, die der Erholung und Ruhe dient, meint Runzheimer.

Und noch mehr stehe auf dem Spiel: Er hat für seinen Heimatort mit Erholung in einer ruhigen Natur geworben, was nun Windräder mit ihrem gesundheitsgefährdenden Lärm stören und somit Auswirkungen auf den Fremdenverkehr haben würde, den man in Holzhausen gerade wieder aufbauen wolle. Dazu sollen das am 12. August des vergangenen Jahres erhaltene Prädikat „anerkannter Erholungsort“ sowie die vorhandene Infrastruktur ausgenutzt werden.

Der Fremdenverkehr hat in Holzhausen eine lange Tradition. Schon in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann der Hünsteinort damit, sein Aussehen zu verschönern. Nachdem Holzhausen von den Nationalsozialisten zu einem der sieben ersten Gaumusterdörfer ernannt wurde, kamen schon 1936 die ersten Gäste. Die wirklichen Erfolge der Dorfverschönerung stellten sich aber erst in den 70-er Jahren ein: 1973 - Silbermedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“, 1974 - Landessieger in Hessen, 1975 - Bundessieger und Goldmedaille. Diese Entwicklung beschreibt Runzheimer in seinen Büchern „Holzhausen am Hünstein - Ein Dorf lädt sich Gäste ein“ und „Holzhausen am Hünstein - Ein Dorf macht Karriere“.

Auf dem Höhepunkt des Erfolges zählte man in dem Dautphetaler Ortsteil bis zu 40000 Übernachtungen pro Saison. Dahin müsse man zurück, meint Runzheimer, zu Langzeiturlaubern, die die gesamte Wirtschaftsstruktur des Dorfes stärken. Dies sei jedoch durch die negativen Nebenwirkungen von Windkraftanlagen bedroht, was auch ein Ergebnis einer jüngst veröffentlichte Studie sei.

Venohr: Windräder können Touristen auch anziehen

Das könne man auch anders sehen, meint Ralph Venohr mit Blick auf die touristische Entwicklung. Der Vorsitzende des Vereins Region Lahn-Dill-Bergland kennt zwar die Ergebnisse der Studie nicht, er wisse aber von Kollegen, dass Windkraftanlagen auch ein Anziehungspunkt sein können. So werde der Premium-Wanderweg bei Hohenahr seitdem die Windkraftanlagen vor rund eineinhalb Jahren aufgestellt wurden „häufiger begangen als zuvor“.

Man müsse die Anlagen möglichst in den Tourismus einbeziehen, denn sie seien zwar „für einige abschreckend, für andere aber attraktiv“. Es gebe sogar von Windrad-Herstellern das Angebot, am Fuße der Anlagen Aussichtstürme zu bauen, damit Wanderer den freien Ausblick nutzen können, sagt Venohr, der mit seiner Familie in Holzhausen wohnt.

Der Verein habe sich auf die Fahnen geschrieben, die Energiewende zu fördern, durch den Ausbau von Wasserkraft-, Fotovoltaik- oder Windenergieanlagen und das naturverträglich und mit Beteiligung der Bürger. Gerade damit habe er als Bürgermeister der Gemeinde Bischoffen gute Erfahrungen gemacht.

Seit zwei Jahren plane die Gemeinde Bischoffen Windparks in Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen. Es habe Bürgerversammlungen mit offenen Diskussionen gegeben, zu denen auch die Ortsbeiräte der Nachbargemeinden eingeladen wurden. So wurden nach und nach die Standorte entwickelt und beispielsweise 4 von 7 vorgesehenen Vorranggebieten des Teilregionalplans Energie abgelehnt. Das Ergebnis: „Es gibt bei uns noch keine negativen Stimmen“, sagt Venohr.

von Gianfranco Fain

DIE STUDIE

Die Studie „Akzeptanz von Windkraftanlagen in deutschen Mittelgebirgen“ wurde vom „Centrum für marktorientierte Tourismusforschung der Universität Passau“ (CenTouris) im Auftrag des „Bundesverbands Deutsche Mittelgebirge“ erstellt. In der Zusammenfassung der „Wesentliche Erkenntnisse“ schreibt Projektleiterin Marina Fuchs unter anderem,

ndass die Hauptmotive für einen Urlaub in einem Mittelgebirge für 60 Prozent der Wiederholungsbesucher „Erholung und Entspannung“, „den Alltagsstress vergessen und Kraft tanken“, „die intakte Natur genießen“ und „Zeit füreinander haben“ sind;

ndass von den Befragten 72 Prozent (eher) Befürworter und 12 Prozent eher Gegner von Windenergieanlagen in Deutschland sind von denen Offshore-Windenergieanlagen mit 41 Prozent die meiste Zustimmung finden, während nur 21 Prozent Windenergieanlagen in deutschen Mittelgebirgen zustimmen;

ndass für 26 Prozent aller Befragten Windenergieanlagen an Aussichtspunkten oder Rad- und Wanderwegen ein Grund wären, in dieser Region keinen Urlaub zu machen. Diese Ansicht teilen auch 15 Prozent der grundsätzlichen Befürworter von Windenergieanlagen;

ndass beinahe ein Drittel der Befragten der Meinung sind, dass Windenergieanlagen in deutschen Mittelgebirgen sich nicht mit dem Naturschutzgedanken vereinbaren lassen.

Die Studie ist im Internet unter http://fachpublikum.thueringen-tourismus.de/files/Media/PDF/akzeptanz-windenergie.pdf einsehbar.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr