Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Kostüme für Posträuber und Edelleute

Schneiderin Anja Klaus Kostüme für Posträuber und Edelleute

Ein loser Knopf, eine geflickte Stelle oder eine zarte Stickerei: Anja Klaus näht die Kostüme für das Biedenkopfer Musical „Der Postraub“ mit viel Liebe zum Detail.

Voriger Artikel
Maskenspiel und Lieder von Tom Waits
Nächster Artikel
Ein Büfett aus Wildkräuterspezialitäten

Birgit Klinkert und Christoph Donhauser fühlen sich wohl in ihren Kostümen.

Quelle: Patricia Kutsch

Biedenkopf. Das Schloss hoch über Biedenkopf bietet die perfekte Kulisse für ein Musical aus dem 19. Jahrhundert. Und die Kostüme von Anja Klaus aus Cölbe verwandeln die Darsteller in authentische Charaktere aus der Vergangenheit.

Viel Arbeit und Herzblut steckt die Schwarzenbornerin seit Weihnachten in die Gewänder – und achtet dabei auf jedes noch so kleine Detail. Denn fertig sind die rund 90 Kostüme eigentlich schon, passen perfekt auf die Bühne. Für Anja Klaus sind sie noch nicht perfekt genug.

„Jetzt habe ich Zeit für die Dinge, die nicht fehlen würden, die Kleider aber perfekt machen.“ Damit meint Anja Klaus Knöpfe, die aussehen, als würden sie gleich abfallen, zarte Bortenstickereien oder die zahlreichen bunten Flicken.

Anfang August ist sie mit ihrer Nähmaschine in den Eisernen Heinrich im Biedenkopfer Schloss eingezogen, sitzt dort, umgeben von Kleidern, Jacken, Westen und Röcken und mit atemberaubender Aussicht über die Stadt, und arbeitet an den Kostümen.

Bevor die Darsteller ausgewählt wurden und ihre Texte bekamen, begann Anja Klaus schon ihre Arbeit: Vor Weihnachten 2014 startete sie mit der Recherche, schaute alte Filme, erkundigte sich über Kleidungsstile und legte sich auf die napoleonische Zeit fest.

„Diese Kleidung war zwar etwas vor dem Jahr 1822, in dem der Postraub spielt, modern – aber ich dachte mir, bis nach Biedenkopf hat die neueste Mode vielleicht etwas länger gebraucht“, sagt Klaus mit einem Augenzwinkern. Was sie trotz aller Recherche nicht fand: Stoffe, die alt und gebraucht aussehen.

„Jemand gab mir den Tipp, die Stoffe zwei Jahre im Garten zu vergraben.“ Dazu fehlte natürlich die Zeit. Also verfärbte die Schneiderin hunderte Meter Stoffe in der Waschmaschine. Richtig auf alt getrimmt werden die Kleider und Jacken dann mit Dreck aus der Tube. „Das kann wieder rausgewaschen werden.“

Genäht hat Anja Klaus (kleines Foto rechts) nicht alle Kostüme. „Das wäre zeitlich nicht möglich gewesen.“ Hemden und Unterröcke hat sie daher teilweise gekauft, die Kleider, Westen und Gehröcke seit März selbst zusammengenäht. Einige Kostüme haben sich die Biedenkopfer auch bei der Freilichtbühne in Hallenberg ausgeliehen, vor allem historische Kordhosen.

Eins ist Anja Klaus besonders wichtig: Ihre Kostüme sollen die Schauspieler unterstützen, nicht umgekehrt. Daher begann sie mit den Kleidern erst, als die Rollen verteilt waren. Sie war bei Casting und Proben immer dabei, ausgerüstet mit Zettel und Stift.

„Ich habe mir zu jedem Schauspieler Notizen gemacht“, erklärt sie. Bei einer Darstellerin habe sie sich notiert: „Kein Rot!“, bei einer anderen hat sie nochmal ein komplett neues Kleid genäht. „Die Farben und die Schnitte müssen nicht nur zur Szene, sondern auch zur Person passen. Dann fühlen die Schauspieler sich wohl und vergessen, dass sie verkleidet sind.“ Eine Frau mit üppigen Kurven etwa könne kein Empire-Kleid tragen, bekomme stattdessen Mieder und Rock.

Besonders stolz ist Anja Klaus auf die Gehröcke. „Die Farben sind toll und das Nähen hat sehr viel Spaß gemacht.“ Viel „gefuddelt“ habe sie an den Herrenwesten mit zahlreichen Knöpfen, Knopflöchern und Eingriffen. Dabei betont sie aber, dass sie an jedem Kostüm Spaß habe: „Ich nähe jedes Kostüm, als wäre es mein letztes.“ So hat sie besonders viel Zeit in die Uniformjacken gesteckt: „Die spielen zwar nur eine kleine Rolle, aber sie sind ein echter Hingucker geworden.“

Für die historischen Kostüme hat Anja Klaus, die sich selbst als Quereinsteigerin bezeichnet, nicht nur bestehende Muster verwendet, sondern auch einige Schnitte nach historischen Vorbildern selbst entworfen. Einige der Kostüme von der Biedenkopfer Bühne werde sie mit ihren weiteren rund 200 Gewändern in ihrem Kostümverleih anbieten. Dann freut sie sich, wenn viele weitere Menschen Spaß an ihrer Handarbeit haben.

Nun freut sie sich aber vor allem auf die Premiere des Musicals „Der Postraub“. „Es ist toll, dass so viele Menschen meine Kostüme sehen werden“, sagt sie. Toll sei auch, dass mit der Premiere ihre Arbeit getan sei: „Dann kann ich mich zurücklehnen und meine Arbeit auf der Bühne betrachten.“ Denn Anja Klaus will selbst nicht im Mittelpunkt stehen, sondern mit Spaß und Freude nähen – den hatte sie bei der Arbeit für das Musical, denn „ich hatte vollkommen freie Hand und konnte walten, wie ich wollte“. Einen solch großen Auftrag würde sie daher jederzeit wieder annehmen.

„Das ist absolut meins. Aber das nächste Mal gerne mit etwas Hilfe. Ein Praktikant wäre super gewesen“, sagt sie lachend. Und noch lieber würde Anja Klaus sich das nächste Mal auf eine neue Epoche einstimmen: „Renaissance wäre toll: Ganz üppige Kleider mit Borten, tollen Stoffen, glitzernden Knöpfen und riesigen Hüten.“ Diese Kostüme würden jedenfalls auch in das Ambiente des Biedenkopfer Schlosses auf die Bühne passen.

  • Die Premiere des Musical „Der Postraub“ findet am Freitag, 21. August, ab 20 Uhr im Hof des Biedenkopfer Schlosses statt. Einlass ist ab 19.30 Uhr.

von Patricia Kutsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Maskenspiel und Lieder von Tom Waits

Die Schlossfestspiele Biedenkopf präsentieren außer der Musical-Weltpremiere „Der Postraub“ auch zwei hochklassige Gastspiele: das Maskentheater „Don Pantalone“ sowie Interpretationen der Songs von Tom Waits.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr