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Kostet Autoscooter die Stadt 27.500 Euro?

Kirschenmarkt-Streit Kostet Autoscooter die Stadt 27.500 Euro?

Nächste Runde im Streit mit der Stadt Gladenbach: Die Schaustellerfamilie Kreuser fordert vor dem Landgericht Marburg Schadenersatz, weil sie ihr Fahrgeschäft statt auf dem Rummelplatz am Freizeitbad stellen sollte.

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Auch auf dem Gladenbacher Kirschenmarkt 2016 bekam ein anderer Schausteller mit seinem Autoscooter den Vorzug vor der heimischen Familie Kreuser.

Quelle: Michael Hoffsteter

Gladenbach. Nach dem Kirschenmarkt ist vor dem Kirschenmarkt und mitten drin oder häufig außen vor ist die heimische Schaustellerfamilie Kreuser. Beides war zum Beispiel zuletzt im vergangenen Jahr der Fall.

Nachdem Herbert Kreuser mit seiner Bewerbung um Standplätze für vier Geschäfte keinen Erfolg hatte, beschäftigten sich die Verwaltungsgerichte mit seiner Klage.­ Schließlich hob der Kasseler Verwaltungsgerichtshof wegen ernsthafter Bedenken gegen die Bewertung der Auswahlkriterien einen Beschluss aus Gießen auf, Kreuser durfte mit seinem Acht-Säulen-Autoscooter an der Kirschenmarkt-Kirmes 2016 teilnehmen. Er unterschrieb einen Tag vor Beginn des Festes einen von den Generalpächtern Konrad Ruppert und Sascha Kalbfleisch übersandten Vertrag. Zum Aufbau des Fahrgeschäftes kam es jedoch nicht.

Auf dem Rummelplatz stand schon der Autoscooter der Bad Wildunger Generalpächter Ruppert-Kalbfleisch, Kreuser sollte seinen innerhalb eines Tages auf dem Parkplatz des Freizeitbades Nautilust auf­-
stellen. Die Zeit war knapp bemessen, doch vor allem der Standort sagte­ dem heimischen Schausteller nicht zu. „Was soll ich denn da?“, sagte der 67-jährige Herbert Kreuser ( Foto: Fain) im vorigen Jahr der OP und ergänzte: „Der Parkplatz des Nautilust hat mit dem Festplatz nichts zu tun.“

Schadenersatzforderung summiert rund 100.000 Euro

Kreuser zahlte die geforderte Platzmiete von rund 2600 Euro nicht und verlangt Schadenersatz. Der Streitwert der vor Weihnachten am Landgericht Marburg eingereichten Klage­ lautet auf 27.500 Euro.

Damit laufen seit dem Jahr 2013 an Gerichten 10 Verfahren gegen­ die Stadt Gladenbach als Veranstalter des Kirschenmarktes: die Schadenersatzklage vor dem Landgericht Marburg, acht Feststellungsklagen vor dem Verwaltungsgericht Gießen wegen der verweigerten Teilnahme an Kirschenmärkten und ein Berufungsverfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel wegen des Vergabemodells der Stadt durch den Generalpächter. Rund 100.000 Euro könnten­ auf die Stadt Gladenbach insgesamt zukommen, nennt Fachanwalt Erich Hünlein eine Zahl für den Fall, dass Kreuser in allen Fällen Recht zugesprochen wird.

Es geht also um viel Geld, das im Zusammenhang mit dem Kirschenmarkt zu verdienen ist. Die alljährlich Anfang Juli in der Hinterland-Stadt viertägige Traditionsveranstaltung bezeichnet Walter Kreuser auch als „herausragend“ im weiten Umkreis des Schaustellergeschäfts.

Walter Kreuser: „Wir 
gehen bis zum Ende“

Doch sowohl Herbert Kreuser als auch Sohn Walter und Schwiegersohn Alexander sehen außer dem Klageweg keine Möglichkeit, auf den Kirschenmarkt zu kommen. „Mehr Nachteile können wir nicht bekommen“, sagt der 41-jährige Walter, „deshalb gehen wir bis zum Ende.“ Schließlich, so Herbert Kreuser, habe die Familie hier ihren Lebensmittelpunkt, gebe­ 
einen Großteil ihres Geld in Gladenbach aus und zahle, anders als die anderen Schausteller des Kirschenmarktes, auch in der Stadt Gewerbesteuer. „Da möchten wir einen Teil unseres Geldes auch hier verdienen können“, sagt der Seniorchef.

Die aus dem Rheinland stammende Familie kam vor rund 27 Jahren ins Hinterland, kaufte im Gladenbacher Stadtteil Diedenshausen ein Grundstück, das als Basis für ihre unternehmerische Tätigkeit auf Jahrmärkten dient. Zu ihren Fahrgeschäften zählen unter anderem zwei große Autoscooter, Buden für das „Enten­angeln“, „Pfeilwerfen“ und Pizzaverkauf sowie ­eine Kindereisenbahn, ein Eis- und ein Imbisswagen. Betrieben werden diese Geschäfte von den sechs Familienmitgliedern und saisonabhängig von vier bis acht Angestellten.

Erst im Jahr 2007 versuchten die Kreusers auf den Kirschenmarkt zu kommen, was auch mit dem Pizza-Stand gelang. Der Standplatz sei zwar erst im zweiten Jahr gut gewesen, doch „mit dem Pizza-Stand und dem Entenangeln wären­ wir zufrieden gewesen“, beschreibt Kreuser-Senior die ­damalige Situation. Doch dann hätten die Schwierigkeiten ­begonnen: späte Zuteilung der Plätze beziehungsweise Zustellung von Verträgen bis hin zum Ausschluss vom Marktgeschehen und den folgenden Rechtsstreitigkeiten.

Herbert Kreuser: „Ruppert will uns raushalten“

Als mögliche Gründe vermutet Herbert Kreuser: Seine Familie sei bei einigen Magistratsmitgliedern unbeliebt und Ruppert wolle sie aus dem Kirschenmarkt raushalten. Normalerweise gebe es zwischen den ­
Generalpächtern ein „Geben­ und Nehmen“, beschreibt ­Kreuser die Vorgehensweise bei Volksfesten, bei der wechselweise die Plätze vergeben würden. Zwar würden die Generalpächter überall ihre Fahrgeschäfte aufstellen, doch nirgends sei es so extrem wie in Gladenbach, wo die weitläufigen Familien Ruppert und Kalbfleisch den Rummelplatz dominieren.

„Der Autoscooter von Kalbfleisch ist der bessere, deshalb setzte ich mich auch für den Scooter meines Schwagers ein“, sagt Konrad Ruppert. Zudem sei es unmöglich gewesen, den Scooter so kurz vor Beginn des Kirschenmarktes ab- und an andere Stelle wieder aufzubauen.

Den Platz vor dem Nautilust bezeichnet Ruppert als „akzeptabel“, zumindest Freitag sei er „voll im Marktgeschehen“. Außerdem bemerkt er, sei Kreuser doch jahrelang mit seinem Pizzastand und dem Entenangeln auf dem Kirschenmarkt vertreten gewesen.

Bürgermeister Peter Kremer erklärt auf Anfrage der OP, dass sich ein Jurist der Sache annehmen werde. Er betont, es gebe­ keine Vorbehalte oder Vorteile­ gegen oder für eine Familie.­ „Wir bewerten nach einem Punktsystem, dessen Kriterien das Verwaltungsgericht in Gießen im vergangenen Jahr anerkannt hat.“

Dieses System werde weiter verfeinert und auch in diesem Jahr angewandt. Zurzeit zum Beispiel auf sechs Bewerbungen um einen Autoscooter-Standplatz. Darunter sind auch die beiden der Familie Kreuser, die zusätzlich ihre Pizza-Hütte auf dem Kirschenmarkt 2017 platzieren möchten.

von Gianfranco Fain

Nachdem der Verwaltungsgerichtshof in Kassel Zweifel an der Auswahl äußerte, wurde den Kreusers der Parkplatz des Nautilust als Standort angeboten. Dieser liegt außerhalb des Festplatzes, der hinter den Absperrbaken beginnt. Foto: Fain
 
 Chronik

Offen ist der Ausgang von zehn Klagen und Verfahren wegen des Kirschenmarktes des Gladenbacher Schaustellers Herbert Kreuser gegen die Stadt. In dem seit 2013 schwelenden Rechtsstreit geht es um die ­Zulassung von Fahrgeschäften und die Generalpacht für den Rummelplatz und die „Fressgasse“. Diese hat Konrad Ruppert seit mehr als 30 Jahren ­inne.

Im Jahr 2007 war Kreuser zum ersten Mal auf dem Kirschenmarkt vertreten, doch wegen der Vergabemodalitäten in den darauf folgenden Jahren landete der „Pizza-Streit“ im Frühsommer 2013 vor Gericht. Ruppert hatte einem anderen Pizza-Bäcker den Vorzug gegeben, der Gladenbacher Schausteller­ erstritt die Teilnahme seiner „Pizza-Hütte“ am Verwaltungsgericht.

Nach dem Kirschenmarkt 2013 lief Rupperts Vertrag als Generalpächter aus. An der Ausschreibung beteiligte sich auch die Familie Kreuser. Rupperts Vertrag wurde zwar bis 2018 verlängert, Kreusers zogen jedoch vor Gericht, weil sie nach eigenen Angaben 5000 Euro mehr geboten hatten. Das Verwaltungsgericht Gießen sah den Generalpachtvertrag mit Ruppert als rechtens an, entschied jedoch auch, dass ausschließlich der Magistrat und nicht die damalige Kur- und Freizeitgesellschaft das Letzt­entscheidungsrecht über die Zulassung der Marktbeschicker zu treffen hat. Nun befasst sich auf Kreusers Einspruch der Kasseler Verwaltungsgerichtshof mit der Angelegenheit. Eine Entscheidung wird in diesem Jahr erwartet.

Weitere Verfahren laufen ­wegen der Nicht-Zulassung von Fahrgeschäften wie Autoscooter, Entenangeln und Pizza-Hütte in den Jahren 2014 bis 2016.

Im Juni 2016 entschied der Verwaltungsgerichtshof in Kassel, dass der Magistrat zwar Pizza-Hütte und Entenangeln zu Recht abgewiesen habe, entgegen der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Gießen aber der Autoscooter Kreusers für den Kirschenmarkt 2016 zuzulassen sei. Die Stadt wies Kreuser einen Platz vor dem Freizeitbad Nautilust zu, weshalb dieser jetzt auf Schadenersatz in Höhe von 27.500 Euro klagt.

Insgesamt steht ein Schadenersatz von rund 100.000 Euro im Raum.

 
 
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