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Kneipen profitierten vom Gäste-Boom

Serie Kneipen profitierten vom Gäste-Boom

In der Serie „Damals & Heute“ dokumentiert die Oberhessische Presse den Wandel von Straßenzügen und Gebäuden. Heute widmen wir uns dem Gasthaus „Zum Adler“, das es nicht mehr gibt.

Gladenbach. Bilder erzählen Geschichten. Das gilt sowohl für Aufnahmen aus dem Familienalbum als auch für solche, die bedeutende Ereignisse dokumentieren oder Gebäude zeigen, wie sie früher aussahen. In der Serie werden historischen Bildern aus den Städten und Gemeinden des Hinterlandes sowie Lohra aktuelle Aufnahmen gegenübergestellt. Sie sollen deutlich machen, was sich verändert hat und was nicht.

Nur alteingesessene Gladenbacher können sich noch an das Gasthaus „Zum Adler“ in der Kreuzstraße erinnern. Das Gebäude wurde später umgebaut, aus der ehemaligen Gaststätte wurde ein Papier- und Schreibwarengeschäft, das Otto Michel bis zu seinem Tod betrieb. Autor Jörg Palm beschreibt im Buch „Ein langer Weg zur Stadt - 75 Jahre Stadtrecht - Gladenbach“, dass man bei „Grosche-Otto“ auch die legendäre Zigarre mit dem Gladenbacher Stadtwappen als Banderole kaufen konnte.

Obwohl der „Adler“ geschlossen wurde, existierten in Gladenbach doch zahlreiche Gasthäuser. Und die dienten bei weitem nicht nur der Selbstversorgung der Bevölkerung, sondern profitierten vom Fremdenverkehr,

Als Gladenbach 1993 „100 Jahren Fremdenverkehr“ feierte, erinnerte der Gladenbacher Historiker Jürgen Runzheimer in einem Vortrag daran, dass Gladenbach schon immer offen für fremde Menschen gewesen sei und begründete dies unter anderem mit der guten geografischen Lage der Kleinstadt. „Gladenbach hat auf den Fremdenverkehr gesetzt und war damit erfolgreich“, stellte Runzheimer heraus und erklärte: „Die waldreiche, erholsame Landschaft und die freundlichen Menschen ermöglichten es der Stadt, sich auf diesem Gebiet zu behaupten.“ Vor 111 Jahren entdeckten die Gladenbacher den Fremdenverkehr als Wirtschaftsfaktor. Einen wichtigen Schub für die Wirtschaft und den Tourismus in Gladenbach gab es nach der Fertigstellung der Bahnlinie Niederwalgern-Weidenhausen 1894. Gladenbach war nun auch aus dieser Richtung bequem zu erreichen. „1893 schickte sich Gladenbach an, als Fremdenverkehrsort Gäste anzuziehen und diesem Wirtschaftszweig erstmals Aufmerksamkeit zu widmen“, schreibt Jörg Palm 1993 in der 9. Ausgabe der Zeitschrift des Heimatvereins Gladenbach. Man rührte kräftig die Werbetrommel und bot Tanzbelustigungen. So zogen die Gladenbacher Gastwirtschaften immer mehr Touristen an. Schließlich nahmen sich die ersten Vereine dem Fremdenverkehr an. Es entstanden gekennzeichnete und gepflegte Wanderwege. Gladenbacher Hotels und Pensionen verzeichneten immer mehr Übernachtungen. Scharen von Sommerfrischlern bevölkerten an schönen Sommerwochenenden die Gastwirtschaften, Plätze und Straßen der Stadt.

In Spitzenzeiten gab‘s 100000 Übernachtungen

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es noch steiler aufwärts. Zu den wichtigsten Ereignissen zählte die Verleihung des Prädikates Luftkurort 1958, das Prädikat Kneipp- und Luftkurort 1971 und die Ernennung zum Kneippheilbad 1983. 1954 verzeichnete die Stadt 7290 Übernachtungen, zehn Jahre später 41834. Bis in die 80er Jahre hinein stieg die Zahl der Gäste weiter an. In den Glanzzeiten verzeichnet die Kur- und Freizeitgesellschaft 100000 Übernachtungen. Die Geschäftswelt profitierte zunehmend vom Fremdenverkehr. Gladenbach wurde zur Einkaufsstadt. Das ist sie bis heute geblieben. Mit jeder neuen Gesundheitsreform brach dann das Kurgeschehen weiter zusammen und liegt seit Jahren ganz am Boden. Als Standbein geblieben ist der Fremdenverkehr. Auf den setzt die Stadt auch in der Zukunft. Vor allem sollen attraktive Veranstaltungen Publikum nach Gladenbach ziehen. Im Mittelpunkt des Veranstaltungskalenders steht der Kirschenmarkt, der mit seinen weit über 120000 Besuchern an vier Tagen mit Großstadtfesten vergleichbar ist.

von Hartmut Berge

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