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Kirche erbittet eine neue Gabe mit altem Namen

Kirchgeld Kirche erbittet eine neue Gabe mit altem Namen

In Lohra gab es das vor Jahrzehnten schon einmal und nun kommt es wieder, allerdings in anderer Form, nämlich als freiwilliges Kirchgeld. Es soll der Finanzierung der Jugendarbeit und der Kirchensanierung dienen.

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Um Kirchen die Kirche zu sanieren und die Stelle des Jugenddiakons zu sichern, bittet die evangelische Kirchengemeinde Lohra die Bürger um ein freiwilliges Kirchgeld.

Quelle: Fotos: Gianfranco Fain, Patrick Pleul/dpa; Montage: Nikola Ohlen

Lohra. „Als ich nach Lohra kam, 1976 war das, da wurde noch ein Kirchgeld erhoben“, erinnert sich Alt-Bürgermeister Hermann Brand. Acht Deutsche Mark waren damals pro Person und Jahr als Ortskirchensteuer an die evangelische Kirchengemeinde zu zahlen. Was damals eine Pflichtleistung war, gibt es nun wieder, allerdings nur vom Namen her, denn jetzt ist es eine freiwillige Gabe. Seit Oktober wirbt die evangelische Kirche für die Zahlung, schrieb rund 2200 Gemeindeglieder an und nicht nur die. „Wir wollten niemanden ausschließen“, erklärt Pfarrer Jonathan Schwarz, deshalb erhielten alle Haushaltsvorstände Lohras konfessionsübergreifend einen Brief.

Im Umschlag waren ein Hochglanz-Faltblatt und ein vorgefertigter Überweisungsträger. Das „Ja, ich bin dabei und unterstütze die Kirchengemeinde Lohra“ des Faltblatts unterschrieben rund 100 Spender. Sie erhielten vergangene Woche schriftlich das bisherige Ergebnis übermittelt: Rund 4300 Euro kamen für die Sanierung der Kirche und rund 2000 Euro zur Sicherung der Stelle des Jugenddiakons zusammen. „Ein sehr gelungener Start“, findet Pfarrer Schwarz.

Nach dem Start liegt aber noch ein langer Weg vor den Mitgliedern der „Arbeitsgruppe Freiwilliges Kirchgeld“: Kalkulierte 750000 Euro wird die Sanierung der Kirche kosten. In den Arbeiten inbegriffen sind zum Beispiel die Verbesserung der Statik - der Turm an der Westseite der Kirche beginnt sich zu neigen -, Elektrik, Beleuchtung, Heizung und Sitzbänke sind zu erneuern und auch die Orgel soll eine Restaurierung erfahren.

Geld für Sanierung und Jugendarbeit

Los gehen soll es mit dem ersten der drei Bauabschnitte im Jahr 2017, spätestens 2022 soll die Kirche im neuen Glanz erstrahlen. Mit Zuschüssen vom Landkreis und des Kirchenkreises, der den größten Teil der Kosten tragen wird, rechnet der Kirchenvorstand, die Höhe ist allerdings noch unbekannt.

Sicher ist nur, dass die Lohraer selbst einen Teil der Kosten schultern müssen. Deshalb nutzt die Kirchenleitung die Zeit bis zum Sanierungsbeginn, gründete schon den Arbeitskreis und suchte dafür als Mitglieder Persönlichkeiten aus der Gemeinde, die bekannt und gut vernetzt sind. Menschen wie Manfred Gerhardt, Werner Oertel oder eben Herrmann Brand.

Sie bilden ein Team, versuchen Geld aufzutreiben für die Sanierung der Kirche und die Sicherung der Stelle des hauptamtlichen Jugenddiakons. Das ist die zweite Triebfeder des Projekts „Freiwilliges Kirchgeld“, ein Einsatz der nötig ist, seitdem die politische Gemeinde Lohra den Zuschuss für die Jugendarbeit kürzte. Erst im Januar scheiterte der Versuch der CDU-Fraktion, über Änderungen am Haushaltsplan 2014 der Gemeinde wieder 3250 Euro für die kirchliche Jugendarbeit als freiwillige Leistung zu gewähren.

"Wir müssen alle sehen, wie wir an Geld kommen"

Hauptargument der CDU-Vertreter war damals, dass über die interkommunale Jugendarbeit aufgrund der begrenzten Zeit des Jugendpflegers, der drei Gemeinden betreut, vom Jugendpfleger längst nicht alle Interessenten erreicht werden können. Zudem sei die Arbeit des Jugenddiakons für alle Interessierten in der Gemeinde offen und selbst die Sportvereine unterstütze die Gemeinde finanziell, obwohl sie Mitgliedsbeiträge kassieren.

Die Gegenseite führte dagegen an, dass die defizitäre Haushaltslage keine freiwilligen Leistungen mehr zulasse und auch mit den Verantwortlichen der Sportvereine Gespräche geführt werden, um die Förderung zu minimieren. Und dann wurde es spitz: Außerdem würden sich die Mitgliedsbeiträge der Glaubensgemeinschaften Kirchensteuer nennen und die Kirchengemeinde ja auch Beiträge von den Nutzern der Jugendarbeit verlangen können.

„Die Streichung kommunaler Mittel kritisiere ich nicht“, sagt Pfarrer Schwarz. Die Kirche sehe sich mit dem Zurückfahren von Zuschüssen, einem Rückgang der Steuereinnahmen und der Streichung von Zuweisungen konfrontiert. „Wir müssen alle sehen, wie wir an Geld kommen“, sagt Schwarz. Um sich dem Trend entgegenzustemmen und weitere Einnahmequellen zu erschließen, sei die Arbeitsgruppe Kirchgeld gegründet worden. Und Schwarz ist zuversichtlich, dass die Ziele erreicht werden. Summen bis zu 6000 Euro seien schon in anderen Gemeinden der Landeskirche für einzel- oder mehrere Projekte zusammengekommen. Mit einer solchen Summe wäre der Fortbestand der Jugendarbeit gesichert. „Der Wille, das zu fördern, ist in der Bevölkerung zu erkennen“, gibt Brand seine Eindrücke aus Gesprächen wieder.

von Gianfranco Fain

Hintergrund:

Finanzierung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts

Neben Spenden und Kollekten haben die kirchlichen Glaubensgemeinschaften mehrere Möglichkeiten, um sich zu finanzieren. Die bekannteste ist die Kirchensteuer, Kirchgeld und Staatsleistungen gehören auch dazu.

  • Als Staatsleistungen sind alle Zahlungen an die traditionellen christlichen Kirchen zusammengefasst, die aufgrund von Gesetzen, Verträgen oder sonstigen Rechtstiteln meist als Folge von Enteignungen entstanden sind. Die ersten Staatsleistungen gehen auf die Weimarer Verfassung zurück. Bis heute zahlen alle Bundesländer außer den Stadtstaaten rund 460 Millionen Euro jährlich an die christlichen Kirchen.
  • Die Kirchensteuer erheben die Religionsgemeinschaften, die eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind, von ihren Mitgliedern zur Finanzierung der Gemeinschaftsausgaben. Geregelt ist das in den Kirchensteuergesetzen der Länder. Bemessungsgrundlage in Hessen sind einzeln oder nebeneinander die Einkommenssteuer (Lohn-, Kapitalertragssteuer), bis 1997 auch die Vermögenssteuer. Eingezogen wird sie von den Finanzämtern der Länder, die dafür eine Aufwandsentschädigung einbehalten. 
    Insgesamt brachte die Kirchensteuer der katholischen Kirche Deutschlands im Jahr 2012 rund 5,2 Milliarden Euro und der evangelischen Kirche rund 4,6 Milliarden Euro ein. Das Kirchensteueraufkommen in Hessen, wo der Steuersatz 9 Prozent beträgt, betrug im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro, davon rund 556 Millionen von Angehörigen der evangelischen Kirchen, rund 435Millionen Euro von den Katholiken. Für den Landkreis Marburg-Biedenkopf lauten die Zahlen: 25,7 Millionen Gesamtsumme, verteilt auf 18,9 (evangelische Kirche) zu 6,8 Millionen Euro. Die Höhe des Kirchensteuersatzes legt die Kirchenleitung fest, rechtskräftig werden die Festsetzungen durch die Zustimmung der Landesparlamente zu den Kirchensteuergesetzen, in Hessen ist diese Aufgabe per Verordnung auf den Kultusminister übertragen. Rechtlich möglich ist auch die Erhebung von Kirchensteuer auf den Solidaritätszuschlag, worauf die Kirchen bisher aber verzichten.
    Die Steuerpflicht erlischt durch Austritt aus der Kirche. Die Erklärung dazu erfolgt in Hessen vor dem Amtsgericht.
  • Das Kirchgeld wurde in den Jahren von 1928 bis 1935 in Deutschland eingeführt und wird lokal erhoben, ist also eine Ortskirchensteuer, die vom Regierungspräsidenten genehmigt wird. Es wird unterschieden in das allgemeine Kirchgeld für Personen, die keine inländischen Steuern zahlen, und das besondere Kirchgeld bei gemeinsamer Veranlagung mit einem nicht kirchensteuerpflichtigen Ehepartner.
    Das besondere Kirchgeld wird auch in Hessen erhoben. Es trifft Kirchenmitglieder, die sich mit ihrem Ehegatten veranlagen lassen (Ehegattensplitting) und selbst über ein geringeres Einkommen als der Ehegatte verfügen, der keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehört. Da durch dieses Kirchgeld indirekt Kirchensteuer von Nicht-Kirchenmitgliedern erhoben wird, sehen Gegner in ihr eine Strafsteuer, die oft auch als „Heidensteuer“ bezeichnet wird. Das freiwillige Kirchgeld ist eine freiwillige Gabe.

Quellen: Oberfinanzdirektion Frankfurt, wikipedia, Hessischer Landtag und Kultusministerium

Einzugsänderung

Ab dem 1. Januar 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge von den Kreditinstituten, Versicherern und sonstigen Kapitalgesellschaften automatisch mit der Abgeltungssteuer abgeführt. Dazu müssen diese Institute die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) erfragen. Kunden, die nicht noch „gläserner“ werden möchten, müssen bis zum 30. Juni beim BZSt einen Sperrvermerk beantragen.

Jugendarbeit

In Lohra betreut die evangelische Kirche in 12 Gruppen rund 100 Kinder und Jugendliche. Die Betreuung übernehmen 40 ausgebildete Ehrenamtliche mit dem hauptamtlichen Jugenddiakon. Neben der Vermittlung des christlichen Glaubens werden Gemeinsamkeit und die Förderung von Fähigkeiten angeboten. Des Weiteren gibt es noch die Kinderbibelwoche, Seminare, Freizeiten sowie sportliche und musikalische Aktivitäten.

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