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Kilian-Dynastie gerät in Vergessenheit

Eisenhütten im Hinterland Kilian-Dynastie gerät in Vergessenheit

Thomas Jockenhövel aus Wommelshausen nutzte einen Ausflug ins Grüne, um mit seiner Tochter Jeannette sowie den Enkelkindern Sophia (9) und Jacob (11) ein längst vergessenes Grab zu suchen.

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Sophia (9) und Jacob (11) an den Überresten des Grabs von Anna Elisabeth Kilian in Wolfgruben.

Quelle: Hartmut Berge

Wolfgruben. Am oberen Ende des Kilianweges in Wolfgruben, liegt versteckt am Waldrand das Grab von Anna Elisabeth Kilian. Der gebürtige Biedenkopfer Justus Kilian ließ diese Grabstätte für seine Frau errichten. Er gründete zwei Eisenhütten und trieb damit die Industrialisierung im Hinterland entscheiden voran. Seine Frau starb am 29. Oktober 1841 im Alter von 36 Jahren.

Die Grabstätte ist heute verwahrlost, aber noch erkennbar. Weil sie aber von Bäumen umgeben ist, machten sich die Jockenhövels bei ihrer Suche zunächst in Wolfgruben schlau. Im Dorf wissen nur noch wenige von der Existenz und Bedeutung des Grabes. Vom 92-jährigen Karl Becker erhielten die Geschichts-Wanderer den entscheidenden Tipp. Er konnte die Lage des Grabes genau beschreiben und erinnert sich noch sehr gut, dass er als Kind oft voller Ehrfurcht vor der mit einem schmiedeeisernen Zaun eingefassten Grabstätte gestanden hat. Ein Teil des Zaunes ist heute noch erhalten. Der Grabstein ist verschwunden. Anhand der Eisenzaunreste spürten Sophia und Jacob das Grab auf und verdienten sich die ausgelobten zwei Euro Finderlohn. Den Geschichtsunterricht vom Opa gab‘s gratis.

Karl Scheld beschäftigte sich mit der Geschichte der Kilians

Nicht zuletzt durch die Berichte des bereits verstorbenen Erdhäusers Karl Scheld wurde Thomas Jockenhövel auf die Geschichte der Kilian-Dynastie und das Grab aufmerksam. Scheld hat die Erkenntnisse seiner Nachforschungen über Justus Kilian in seinem Buch „Wider das Vergessen“ niedergeschrieben. Dabei handelt es sich um einen Sonderdruck der Reihe „Blankensteiner Hefte“ des Heimat- und Geschichtsvereins „Amt Blankenstein“. Kilian kam am 3. Dezember 1792 in Biedenkopf zur Welt. Seine Familie zählte zur Zunft der „Läderer“. Justus packte mit an, half beim Gerben der Felle und auch in der Landwirtschaft. Sein Sinn stand aber nach anderen Dingen. Er arbeitete auf der Ludwigshütte und holte sich dort Inspirationen für seinen weiteren Werdegang.

Im Alter von 40 Jahren, er führte mittlerweile die Berufsbezeichnung Kaufmann, gründete er 1832/34 in Wolfgruben die Kilianshütte. Der Betrieb widmete sich zunächst der Eisengewinnung, später der Eisenverarbeitung. Dort wurden unter anderem Herd- und Ofenplatten, Öfen, eiserne Radreifen und Hufnägel hergestellt. 1837 erwarb er einen Mühlenbetrieb in Weidenhausen, nannte sie Justushütte und baute den Betrieb aus. Zehn Jahre später ging Kilian das Geld aus. 1848 bat er die „Großherzogliche Staatsregierung“ um Unterstützung.

Staatsregierung in Darmstadt leistet keine Hilfe

Geheim-Regierungsrat Edgar Schneegans, der sich sehr intensiv mit der Geschichte von Justus Kilian beschäftigte, schrieb 1920, dass es wohl finanzielle Gründe waren, die den hessischen Staat dazu bewogen, Kilians Ersuchen abzulehnen. Das belegen die Redebeiträge zahlreicher Landtagsdebatten in den Jahren 1845 bis 1851. Einer der Hauptredner und Kämpfer für die Rettung der Eisenindustrie im Hinterland war ein „Zeitungsschreiber“ namens Becker aus Gießen. Zu den Abgeordnetenkollegen sagte er unter anderem: „Oh ich wollte, ich könnte Sie alle einmal in einer Wintermondnacht an die niederen Fenster einer Wohnung einer hinterländerischen Familie führen, um Sie auf das rührende Schauspiel aufmerksam zu machen, das Sie dort beobachten können. Da würden Sie sehen, wie Frauen und Kinder um Mitternacht aufrecht in ihren Betten sitzen und Strümpfe stricken beim Mondlicht, weil sie kein Geld haben, um Öl zu kaufen, um bei Licht arbeiten zu können ...“

Justus Kilian wird vom eigenen Schwiegersohn getötet

Becker prangerte an, dass in den Nachbarstaaten die Industrie gefördert werde, in der benachbarten preußischen Region habe man beispielsweise 400 Webstühle aufgestellt. Bezüglich der Vernachlässigung des Hinterlandes benutzte Becker den Begriff „Hessisches Sibirien“, bezog dies aber mehr auf unfähige Beamte, die dorthin strafversetzt wurden. Es gab aber nicht genügend Fürsprecher in Darmstadt. Gleichwohl gelang es Kilian, den Konkurs zu vermeiden. Die Kilianshütte ging an den Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz und hieß fortan Wilhelmshütte, die Justushütte wurde an Johann Franz Schulz aus dem westfälischen Lünen verkauft. Die kapitalkräftigen neuen Eigentümer sorgten für den Fortbestand der Hütten. Kilian, mittlerweile 61 Jahre alt, investierte den Verkaufserlös in die Gründung der Hedwigshütte in Lollar, benannt nach seiner einzigen Tochter. Am 12. August 1859 starb Justus Kilian auf tragische Weise: Sein Schwiegersohn August Zimmermann tötete ihn mit 14 Messerstichen. Auf dem Gelände der Hedwigshütte entstanden später die Buderuswerke. Justus Kilian hätte sich wohl gerne in Wolfgruben neben seiner Frau beerdigen lassen. Die 16 Quadratmeter große Grabstätte auf dem Flurstück „Kiliansgrab“ lässt darauf schließen. Von dort aus blickt man auf den Standort seines ersten Werkes, die Kilianshütte.

von Hartmut Berge

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