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Khaled Al Deab lässt Bilder sprechen

Syrer spricht über seine Flucht Khaled Al Deab lässt Bilder sprechen

5500 Euro kostete für Khaled Al Deab die Flucht mit Schleusern von Jordanien nach Deutschland. Der Syrer brach vor zwei Jahren auf in ein neues, 
sicheres Leben.

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Der Syrer Khaled Al Deab hält seine Erinnerungen auf Leinwand fest.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Biedenkopf. In seinem Gedächtnis haben sich die Schrecken des Krieges regelrecht eingebrannt. Was er nicht in Worte fassen kann, hält Kahled Al Deab in Bildern fest. Im Wohnzimmer hängt ein Gemälde: ein Kinderschuh. An ihm klebt Blut. „Das habe ich gesehen“, sagt er. Er hatte mit seiner Familie, zwei Brüdern, zwei Schwestern und der Mutter in der syrischen Hauptstadt Damaskus gelebt. Er hatte ein schönes Leben, mitten im Zentrum, ein Auto, studierte Kunst und traf sich regelmäßig mit Freunden.

„Wir hatten viel Spaß“, sagt er. Ob seine Freunde noch leben, weiß er nicht. Seine Familie hat der Krieg auseinandergerissen: Ein Bruder lebt in der Nähe von Stuttgart, eine Schwester in Saudi Arabien, ein anderer Bruder mit der Schwester und der Mutter in Amman in Jordanien. Dort startete Khaled Al Deabs Weg in ein neues Leben.

Er arbeite als Tankwart, sparte Geld, um nach Deutschland zu kommen. Er arbeitete hart: zwölf Stunden am Tag für 200 Euro im Monat. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis Khaled Al Deab die Entscheidung traf, weiterzuziehen.

Von Syrien geflohen ist die Familien mit dem, was sie am Leib trugen, mit Papieren, Schmuck und Wertsachen. So zog Khaled Al Deab am 20. August 2014 von Jordanien wieder weiter in die Türkei – bequem mit dem Flugzeug. In 
Istanbul traf er einen Schleuser. „Sie finden einen. Man gibt ihnen eine Telefonnummer und sie geben später Tag, Ort und Route durch.

Überfahrt auf eine 
unbewohnte Insel

In der Küstenstadt Marmaris stieg Khaled
 Al Deab auf ein Schleuserboot. Es war klein, aber schnell. „Natürlich hatte ich Angst.“ Er und elf weitere Flüchtlinge zahlten je 2000 Euro für die Überfahrt nach Griechenland. Die Rettungsweste organisierte sich jeder selbst.

Die Überfahrt dauerte eine halbe Stunde. Dann irrte die Gruppe acht Stunden über die einsame Felsenlandschaft von Seskli, eine unbewohnte Insel in der südlichen Ägäis. Sie seien rauf und runter gelaufen, ohne Wasser, ohne Essen, ohne zu wissen, ob sie auf Menschen treffen, sagt Khaled Al Deab.

Auf der anderen Inselseite griff das Militär die Gruppe auf, brachte sie in ein Lager und versorgte sie mit Essen und Trinken. Eine Woche harrte Khaled Al Deab dort mit den anderen aus. „Es war wie im Knast“, sagt er. Seine Papiere wurden kontrolliert, dann erhielten alle ein Din-A4-Blatt, eine Bescheinigung zur Weiterreise. Ein Militärboot brachte die Gruppe nach Athen.

Zehn Tage in serbischem Gefängnis

„Dort begann das Spiel von vorne.“ Khaled Al Deab suchte einen Schleuser, der ihn nach Mazedonien bringen sollte. Zusammengepfercht mit 40 Flüchtlingen auf einen Pritschenwagen erreichte der 30-Jährige Mazedonien (Kosten: 1 800 Euro).

Zu Fuß marschierte er nach Serbien. Dort griffen ihn Polizisten auf. Er kam 10 Tage ins Gefängnis, dann brachte ihn die Polizei zurück nach Mazedonien. Er wartete zwei Tage, traf den selben Schleuser, der ihn wieder nach Serbien brachte.

Über seine Erlebnisse auf der Flucht spricht Khaled Al Deab kaum. Er erinnert sich daran, dass er Gruppen gesehen hat, die Blätter von Bäumen gepflügt und gegessen haben. Er befürchtete oft, dass ihm auch das Geld ausgeht. Wie sollte er dann Schleuser und Nahrung finanzieren?

Gesamtkosten der Flucht: 5500 Euro

In Serbien blieb er weitere zehn Tage, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Wieder traf er einen Schlepper, der eine Route festlegte: zu Fuß über die Grenze. Sieben Stunden marschierte Khaled Al Deab mit einer 30-köpfigen Gruppe durch die Fremde. Geschlafen wurde im Wald.

Nach fünf Tagen kontaktierte er einen anderen Schlepper, der ihn und zwei weitere Flüchtlinge mit dem Auto nach Frankfurt am Main fuhr (Gesamtkosten der Flucht 5500 Euro). Dort war sein erster Gang der Weg in die Polizeistation. „Ich habe dort eine ganzen Tag geschlafen“, sagt Khaled Al Deab. Dann kam er nach Gießen in das Erstaufnahmelager.

Jetzt hat der 30-Jährige eine Duldung – zunächst für drei Jahre. Seit gut einem Jahr lebt er in Biedenkopf. Woanders hin will er nicht, obwohl er in der Millionenstadt Damaskus aufgewachsen ist. Er habe viele Freunde gefunden, lernt Deutsch an der Volkshochschule. In Musiklehrerin Silvia Salzbauer, die ihn über das Musical „Der Postraub“ kennenlernte, traf er eine Verbündete. Sie ist fasziniert von seinen Gemälden und Zeichnungen und von seiner Musikalität.

Keine Elektrizität - und im Winter keine Heizung

Salzbauer kann nicht rational erklären, warum sie und ihr Mann sich um das Wohl des 30-Jährigen bemühen. Es sei ein Bauchgefühl und die Gewissheit, das Richtige zu tun. Seit fünf Monaten gibt Salzbauer Khaled Al Deab Klavierunterricht. Sie war es auch, die ihm ein gebrauchtes Clavinova organisierte, das im Wohnzimmer einen Platz am Fenster gefunden hat.

Wenn Khaled Al Deab Klavier spielt, fließt die Musik aus ihm heraus – genauso wie die Bilder aus seinem Kopf, wenn er sie auf Leinwand bannt. Die Bilder sind Teil seines Lebens: Bilder von Krieg und Gewalt und Bilder von der Schönheit der Welt. Er hat in seiner Heimat viel Schlimmes gesehen, den Bombenterror erlebt, laute Schreie gehört. All das ließ ihn nicht mehr schlafen. Es gab keine Elektrizität und im Winter keine Heizung.

Dieses Leben will er hinter sich lassen und nie mehr zurück. In seinem Land gebe es zu viele Probleme. Und zu viele Zivilisten seien in dem Krieg getötet worden. Der Syrer glaubt nicht mehr daran, dass seine Heimat bald wieder lebenswert wird.

Ausstellung 
zeigt Neuanfang

„Ich bin sehr zufrieden hier“, sagt er. Khaled Al Deab hat seine 20-jährige Ehefrau Arij nach Deutschland geholt, mit ihr lebt er zusammen in einer eigenen Wohnung in Biedenkopf. Mit der Familie halten beide Kontakt übers Internet.

Am Dienstag, 8. Dezember, ist ein großer Tag für den Syrer. Im Foyer des Landratsamtes wird um 18 Uhr seine Ausstellung eröffnet. Bis zum 21. Januar zeigt er seine Bilder unter dem Titel „Neuanfang.“ „Die Ausstellung ist eine große Chance für Khaled“, sagt Silvia Salzbauer. Und für ihn ist es der Start, in Deutschland das zu tun, was seine Profession ist: Kunst.

  • Übersetzt wurde die Fragen und Antworten von dem 26-jährigen Biedenkopfer Mohammed Kurt.

von Silke Pfeifer-Sternke

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