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Keine Kopie, sondern neuer Charakter

Konzert Keine Kopie, sondern neuer Charakter

Ein wunderbares Konzert, als Versuch getarnt: Im Schloss überzeugten ein Sänger mit rauchiger Stimme, eine genialePianistin und dazu ein amüsantes Rhythmus-Rassel-Schauspiel mit Liedern von Tom Waits.

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Mit viel Leidenschaft und tiefen Tönen: Peter Hohenecker singt im Biedenkopfer Landgrafenschloss Lieder von Tom Waits.Foto: Benedikt Bernshausen

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf.. Tom Waits ist ein besonderer Musiker. Einer, der durch seine raue, kratzige Stimme hervorsticht und der seine Lieder zur Melodie mehr erzählt, als dass er sie singt. Waits polarisiert: Der Stil gefällt meist generell oder gar nicht. Ein Konzert mit Stücken des US-Amerikaners ist wohl immer ein Wagnis. Vielleicht gibt sich Peter Hohenecker im Vorfeld auch deshalb bescheiden.

Das „Konzert zur Geisterstunde“, das der Biedenkopfer zusammen mit der Pianistin Silvia Salzbauer vorbereitet hat, steht unter dem Titel: „Tom Waits. Ein Versuch.“

Wie schon in der Vorwoche, in der David Schroeder Stücke von Richard Strauss sang, ist die Eingangshalle des Biedenkopfer Schlosses mit Besuchern gefüllt. Als die beiden Musiker schließlich Hand in Hand die Treppe aus dem Rittersaal hinuntersteigen, brandet Applaus auf. Peter Hohenecker lupft freundlich den Hut, lächelt in die Runde und sagt mit tiefer Stimme und Tiroler Akzent nur wenige Worte: „Ich freue mich, dass viele gekommen sind!“

Dann wird das Licht gedimmt, Silvia Salzbauer greift in die Tasten und der Protagonist nähert sich mit geschlossenen Augen dem Mikrofon.

Die kraftvolle laute Stimme des Sängers durchdringt schon mit der ersten gesungenen Silbe den Raum und geht, besonders bei Liedern wie „Closingtime“ oder „Hold on“ unter die Haut. Dabei ähnelt der Stil des Interpreten dem des Komponisten, wirkt aber zu keiner Zeit gekünzelt oder kopiert - im Gegenteil: Das Musiker-Duo hat den Stücken des Großmeisters gar einen neuen Charakter verliehen, irgendwie eingängiger, klarer, melodischer und doch nicht zuletzt aufgrund Hoheneckers rauchigem Bass, gepaart mit dem genialen Spiel der Pianistin, eben unverkennbar Tom Waits.

Auf den heute 65-Jährigen stieß Peter Hohenecker, als er mit 17 Jahren eine Platte des Amerikaners kaufte. Und während die eigenwillige Musik seine Freunde eher irritierte, wurde Hohenecker mehr und mehr zum begeisterten Anhänger. „Waits ist der einzige Musiker, der mich seit meiner Teenager-Zeit begleitet“, sagt der in Biedenkopf lebende Österreicher. Über diesen sei er sogar mit musikalischen Stilrichtungen in Berührung gekommen, mit denen er ursprünglich nur wenig anzufangen wusste, wie Jazz oder Folk. Dass sich die Stimmen beider Männer ähneln, sei Zufall. „So singe ich schon immer. Das ist keine Tom Waits Kopie, sondern einfach Peter Hohenecker“, verrät der Sänger.

Bezogen auf den Titel des Konzertes erklärt er, dass ein Vortrag von Liedern von Waits immer nur ein Versuch sein könne, da es ohnehin nicht möglich sei, dem Original gleichzukommen.

„Ich halte ihn für einen der größten Musiker“, betont er. Das Publikum ließ sich auf den Versuch ein, wippte im Rhythmus der Musik mit den Füßen oder trommelte mit den Fingern auf den Beinen, zu „Jokey full of Bourbon“ ebenso wie zu „Waltzing Matilda“. Nach jedem Lied spenden die Besucher lautstark Beifall. Und immer wieder tritt Peter Hohenecker in diesen Augenblicken einen Schritt zur Seite, überlässt der Pianistin die Bühne.

Eine besondere Überraschung ist schließlich der Auftritt von Markus Pol. Der Wiener Sänger und Schauspieler, der im Musical „Eingefädelt“ als Färber Stefan eine Hauptrolle spielt, singt um Mitternacht an der Seite seines Freundes Waits-Lieder, die von dem österreichischen Musiker Wolfgang Ambros ins Wienerische übersetzt wurden.

Als das Konzert enden soll, fordert das begeisterte Publikum eine erste, dann eine zweite Zugabe. Und bevor Hohenecker und Salzbauer endgültig durch die Tür hinaus verschwinden, krönen sie das Konzert als Trio mit der Wiederholung von „Little Drop of Poison“, das nicht zuletzt aufgrund Pols grandiosem Minenspiel zum Höhepunkt dieser Nacht aufsteigt.von Benedikt Bernshausen

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