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Junge Mutter steht wieder vor Gericht

Aus dem Landgericht Junge Mutter steht wieder vor Gericht

Nach erfolgreicher Revision durch Staatsanwaltschaft und Verteidigung kommt es am Montag 
zu einer Neuauflage der 
Verhandlung vor dem Marburger Landgericht.

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In diesem Mietshaus wohnte die angeklagte Mutter mit ihren beiden Töchtern im Jahr 2012 in 
Gladenbach, als Polizisten und Mitarbeiter des Jugendamtes ihr 14 Monate altes Kind unterernährt vorfanden.

Quelle: Archiv

marburg. Am Montag und Dienstag behandelt die dritte Strafkammer des Landgerichts Marburg unter dem Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf erneut einen Fall von Kindesmisshandlung, der sich Anfang Februar 2012 in Gladenbach ereignete.

Die erste Verhandlung Anfang Juli 2014 unter dem Vorsitz von Dr. Carsten Paul endete mit einer Verurteilung der damals 24-jährigen Mutter wegen versuchten Totschlags und Misshandlung einer Schutzbefohlenen zu dreieinhalb Jahren Haft. Gegen dieses Urteil gingen sowohl die Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft in die Revision.

Erneute Beweisaufnahme

Der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung der Schwurgerichtskammer des Landgerichts am 20. Mai 2015 auf. Die Richter ließen jedoch die „aufrechterhalten bleibende 
Feststellung des äußeren Geschehensablaufs“, präzisiert Dr. Marcus Wilhelm. Diese Aussage des Landgerichts-Sprechers bedeutet, dass der Ablauf der 
Ereignisse an sich feststeht, aber Ursachen und Schuld erneut 
abgewogen werden müssen.

Eine erneute Beweisaufnahme soll klären, ob sich die für eine Verurteilung erforderlichen Merkmale eines versuchten Mordes nachweisen lassen, erläutert Oberstaatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg. Von einem versuchten Mord durch Unterlassung gehen die Staatsanwälte laut ihrer Pressesprecherin derzeit aus. Die Anklage 
vertreten werden Johannes Stochl und Jonathan Poppe.

Im Jahr 2014 plädierte Staatsanwalt Sebastian Brieden auf versuchten Mord und forderte 
sechs Jahre und vier Monate Haft. Die Angeklagte habe den Tod ihres Kindes billigend in Kauf genommen und ihm Qualen zugefügt. Sie habe um die unzureichende Versorgung ihrer Tochter gewusst, die wegen Hunger und Durst unter Schmerzen litt, begründete Brieden seine Forderung.

14 Monate altes Mädchen wog nur noch 3600 Gramm

Die junge Frau wurde bei einem Einsatz von Jugendamt und Polizei im Februar 2012 in ihrer Wohnung in Gladenbach festgenommen, weil ihre beiden Töchter auffällige Pflegemängel aufwiesen und unterernährt waren. In der Folgezeit brachte das Jugendamt die dreijährige Tochter bei Pflegeeltern unter, während das damals 14 Monate alte Mädchen in der Universitätsklinik auf der Intensivstation versorgt werden musste.

Das Kleinkind wog am 16. Februar 2012 nur noch 3600 Gramm – weniger als die meisten Neugeborenen –, war mit Kot verschmiert und zeigte kaum noch Lebenszeichen. Auf Fotos war „jeder einzelne Knochen zu sehen“, betonte Brieden damals. Ohne medizinische Versorgung hätte das Kind noch eine Lebenserwartung von ein bis zwei Tagen gehabt.

Verteidiger Alexander Pfaff plädierte dagegen auf eine Bewährungsstrafe. Die Angeklagte 
habe sich auf einer Talfahrt 
befunden: Trennung vom Ehemann, unerkannte Schwangerschaft und Überforderung. Sie sei körperlich nicht in der Lage gewesen, ihr Kind zu versorgen. Aus seiner Sicht war fraglich, ob seine Mandantin erkannte, wie schlecht es um ihre Tochter bestellt war, die bis auf das Gewicht eines vier Monate alten Babys abgemagert war.

Die Kammer ging in ihrem Urteil von einer Überforderung der damals 22-Jährigen aus. Als Triebfeder für die Tat werteten die Richter, dass die Angeklagte meinte, ein „sozial angepasstes Verhalten“ zeigen zu müssen. Sie habe vor der Tatzeit zahlreiche Hilfsangebote ausgeschlagen, zudem vor Verwandten und der Familienhelferin gelogen, um den schlechten Zustand des Kindes zu verheimlichen.

  • Die Verhandlung unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf beginnt am Montag, 9. Mai, um 9 Uhr in Saal 104 des Landgerichts.

von Gianfranco Fain

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