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"Jedes Sitzenbleiber-Jahr kostet Geld"

Serie "Jedes Sitzenbleiber-Jahr kostet Geld"

Für Michael Prötzel, Leiter der Europaschule, ist es wichtig, dass schlechte Leistungen und fachliche Defizite nicht ignoriert werden, sondern Schülern Hilfe angeboten wird.

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Die Europaschule in Gladenbach ist vor drei Jahren zu G9 zurückgekehrt. Geleitet wird die Schule von Michael Prötzel.Fotos: Silke Pfeifer-Sternke, Thorsten Richter

Gladenbach. . OP: Wann stellten Sie auf G9 um?

Michael Prötzel: Wir haben mit Beschluss der Schulkonferenz vom 3. November 2009 - beginnend mit dem Förderstufenjahrgang 5 - im Schuljahr 2010/11 auf G9 umgestellt. Unser jetziger gymnasialer 7. Jahrgang ist also unser erster G9- Jahrgang, der jetzige 8. Jahrgang im Gymnasialzweig ist der letzte G8-Jahrgang. Unser erster G8-Jahrgang macht gerade mit dem letzten G9-Jahrgang Abitur (Doppeljahrgang).

OP: Gibt es auch schon passende Lehrbücher für G9? Prötzel: Es wird in einigen Fächern nicht ganz einfach werden, mit den G8-Büchern G9-Unterricht zu machen, wir werden aber Lösungen finden und im Rahmen der jährlichen Bücheranschaffungen die G8/G9 Verwerfungen besonders beachten. Extramittel gibt es für die Situation leider nicht.

OP: Wann bieten Sie die zweite Fremdsprache an, zur sechsten oder zur siebten Klasse und was hat sich sonst noch geändert?

Prötzel: Wir haben bei der Umstellung einiges reformiert: Die 2. Fremdsprache bieten wir ab dem 6. Jahrgang an. Wir haben das Ganztagsangebot in der Förderstufe ausgebaut und verbindlich gemacht, Fördern, Üben und Projektlernen und den Mittagstisch ins „Programm“ der Förderstufe genommen.

Für den 7. Jahrgang in allen Schulformen (G, R, H) haben wir Fördermöglichkeiten in den Hauptfächern ins Angebot genommen. Mit diesem Ansatz machen wir gerade erste Erfahrungen.

OP: Andere Länder, andere Sitten. Was halten Sie von der Idee, dass es keine Sitzenbleiber mehr geben soll, wie aktuell von der neuen rot-grünen Regierung in Niedersachsen gefordert?

Prötzel: Zu klären ist: worauf ist Sitzenbleiben eine Antwort? Ist es eine angemessene, wirksame Maßnahme? Wie geht es den Kindern und Jugendlichen, die nicht versetzt werden? Es gibt sicherlich Sitzenbleiber(innen), denen objektiv die „Ehrenrunde“ geholfen hat, die danach zu besseren Leistungen fähig waren und die auch subjektiv später berichten, dass das gut für sie war, dass das Jahr mehr Zeit auch für die Entwicklung der Persönlichkeit, die Haltung zur Schule, das „Reiferwerden“ nützlich war.

Ich fürchte allerdings, dass die Mehrheit der Sitzenbleiber nicht wirklich profitiert haben und zumindest zeitweise beschämt waren, Minderwertigkeitsgefühle hatten, die Situation als Belastung und keineswegs als Chance für einen Neuanfang erlebt haben.

Eine bestimmte Konstellation von schlechten Noten führt zur Nichtversetzung. Die Kriterien sind in den Schulformen unterschiedlich. In jedem Fall bedeuten schlechte Noten, dass etwas nicht verstanden ist, nicht gekonnt wird, nicht gelernt wurde. Ein Abschaffen des Sitzenbleibens dürfte nicht bedeuten, dass schlechte Leistungen und fachliche Defizite ignoriert werden.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, offensiv mit dem Problem von schlechten Noten umzugehen. So verschieden die Ursachen für Leistungsdefizite sind, so unterschiedlich werden die Maßnahmen und Angebote zur Hilfe sein. Vermutlich wird das zeitnahe und individuelle Fördern ein gutes Instrument sein. Das kann man aus den Erfahrungen von Ländern, die weitgehend auf das Sitzenbleiben verzichten, ablesen. Wenn Schulen angemessene Ressourcen haben, muss diese Arbeit nicht der kommerziellen Nachhilfe zufallen. Ich bin der Überzeugung, dass das unbedingt der Auftrag der Schule ist und aller Lehrkräfte. Allerdings kann das nicht einfach nebenbei und zusätzlich geschehen. Jedes Jahr eines Sitzenbleibers kostet Geld, dieses Geld und noch etwas mehr für ein professionelles Unterstützungssystem an der Schule wäre sehr sinnvoll. Die Unterstützung wird nicht ausschließlich den fachlichen Aspekt (Stoff) im Blick haben.

Geht es um Schulangst, ein ungeliebtes, „gehasstes Fach“, Motivations- und Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme und Krisensituationen im Umfeld, Über- und Unterforderung? Was hindert Kinder und Jugendliche, gute Leistungen zu bringen. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, außerschulische Einrichtungen und Lehrkräfte, die sich gerne und kompetent auf die speziellen Anforderungen des Förderns einlassen, könnten gemeinsam eine alternative Antwort sein.

Vielleicht könnte man so auf das verordnete Sitzenbleiben verzichten.

Was sagt der Schulelternbeirat:

OP: Unterstützen Sie die Forderung der landesweiten Initiative, dass G8-Kinder nach G9 zurückkehren dürfen?

Ingrid Drösch: Ja, auf der Basis der gesetzlichen Grundlage, ansonsten würde man diejenigen, die sich bereits im G8-Modus befinden und G8 beibehalten wollen, benachteiligen. Hier schützt der Gesetzgeber die Entscheidung des einzelnen und ermöglicht die Rückkehr der laufenden Jahrgänge 5 und 6 nur unter sehr strengen Voraussetzungen (Teilnahme der Schule am Schulversuch zum Parallelangebot G8/G9 ab Jahrgangsstufe 7, Entscheidung der Schule, ob auch für die laufenden Jahrgänge 5 + 6 ein Parallelangebot ab der Jgst. 7 eingerichtet wird, bei Umwandlung einer G8- in eine G9-Klasse ist die Zustimmung aller von der Umwandlung betroffenen Eltern erforderlich).

OP: Sind sie mit der Entscheidung der Schule zufrieden?

Drösch: Ja. Die Europaschule Gladenbach ist vor drei Jahren zu G9 zurückgekehrt. Im Vorfeld der Entscheidung wurden unterschiedliche Konzeptideen entwickelt und es hat eine intensive Beratung und Diskussion innerhalb der Schulgemeinde stattgefunden. Unser „heutiges G9“ entspricht nicht mehr dem „alten G9“ (vor Einführung von G8). Ich selbst hätte mir auch weiterhin G8 vorstellen können, wäre aber vielleicht heute enttäuscht, dass auf politischer Ebene noch immer keine Verbesserung der Rahmenbedingungen stattgefunden hat.

OP: Welche Resultate erhoffen Sie sich durch die Entscheidung, dass Kinder wieder nach G9 unterrichtet werden?

Drösch: Diese Fragestellung halte ich bezogen auf die Europaschule Gladenbach aktuell nicht mehr für relevant, da die Rückkehr ja bereits vor 3 Jahren erfolgte. Sie ist aktuell (nur) für die Schulen von Bedeutung, die noch nach G8 unterrichten. Die betroffenen Schulen werden ihre Erwartungen in die Erstellung eigener Konzepte einfließen lassen. Das Ergebnis kann von Schule zu Schule durchaus ein anderes sein. Die Europaschule Gladenbach hat z.B. in Verbindung mit der Rückkehr zu G9 die Rhythmisierung der Ganztage in der Förderstufe geändert, Projektstunden, zusätzliche Förderstunden und das Fach „Soziales Lernen“ in der Jgst. 7 eingeführt. Als Schulelternbeirätin war ich damals in den Entscheidungsprozess der Europaschule Gladenbach eingebunden und ich verfolge auch heute noch mit Interesse alle Diskussionen um G8/G9. Persönlich bedauere ich insgesamt das Vorgehen auf politischer Ebene. Aufgrund der aktuellen Gesetzeslage muss/kann sich nun jede Schule in einen (eigenen) Entscheidungsprozess begeben. Das freut mich zwar einerseits für die Schulen, die den Wunsch zur Rückkehr nach G9 haben, andererseits halte ich es aber vom Grundsatz her nicht für den richtigen Weg. Wenn es um Themen von grundlegender Bedeutung (wie G8/G9) geht, sollten diese Entscheidungen m.E. auf politischer Ebene – und das am besten bundesweit – getroffen werden. Und bitte in einer Art und Weise, dass sie unter Einbeziehung von Fachleuten diskutiert und vorbereitet werden und bei Umsetzung der getroffenen Entscheidung alle „Hausaufgaben“ erledigt sind und alle erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Bezüglich G8/G9 empfinde ich den jetzigen Zustand so: Hessische Schulen entwickeln sich (auf politischer Ebene) zu einer riesigen Versuchslandschaft. Eine verlässliche – und in Kernfragen auch einheitliche – Schulpolitik sieht für mich anders aus.

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