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Ihre Zukunft liegt in Deutschland

Diana Temurova (16) ist Kind von Asylbewerbern Ihre Zukunft liegt in Deutschland

Aus Zuwanderern werden Bürger: Diana Temurova ist ein gutes Beispiel dafür, wie Integration funktioniert. Die Migrantin hat gute Chancen – in der Karriere und der Gesellschaft.

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Die 16-jährige Diana Temurova hat momentan als einzige der sechsköpfigen Familie ein Aufenthaltsrecht.

Quelle: Linda Basak

Bad Endbach. Diana Temurova ist 16 Jahre alt. Sie ist schlank, hat strahlende dunkle Augen, ein sympathisches Lächeln und langes gewelltes Haar. Sie trägt Jeans und Turnschuhe, spricht sechs Sprachen fließend und fühlt sich durch und durch deutsch. Ihre Mutter neckt sie manchmal damit.

Selbst ihre Mitschüler sehen die 16-Jährige nicht als Migrantin. Mit vielen ist sie aufgewachsen. Sie gingen zusammen in den Kindergarten, in die Grundschule und jetzt in die Europaschule.Diana Temurova verkörpert typisch deutsche Werte: Sie ist fleißig, fürsorglich, pflichtbewusst und trennt den Müll.

Ausgrenzung kennt sie nicht. Obwohl sie bis vor Kurzem mit drei Geschwistern und den Eltern in einer Zweizimmer-Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft in der Berliner Straße in Bad Endbach lebte. Nach dem Umzug hat sie mit 16 Jahren zum ersten Mal ein eigenes Zimmer.

Schülerin kam mit vier Jahren nach Deutschland

Diana Temurova ist das Kind von Asylbewerbern. Die Eltern von Diana flüchteten vor zwölf Jahren in ein besseres Leben. Sie kamen aus Moskau und hatten auch in Anapa am Schwarzen Meer gelebt. Dianas Eltern sind Jesiden, mehrere hunderttausend Menschen gehören der religiösen Minderheit an. Ihr Glaube macht sie zu Verfolgten. Von der Terrorgruppe Islamischer Staat werden Jesiden als Ungläubige verfolgt, versklavt und ermordet.

Als Diana vier Jahre alt war, kam sie mit der Familie nach Deutschland. In der Gemeinschaftsunterkunft in Bad Endbach wurde es für die sechsköpfige Familie über die Jahre ziemlich eng, aber man hat sich arrangiert und auf bessere Zeiten gehofft. Viele Bad Endbacher wollten helfen, doch Temurovas durften als Statuslose nicht umziehen. 2012 kam dann der Schock: ein Abschiebebescheid. Zu diesem Zeitpunkt beschlich Diana das erste Mal die Angst, ihre Heimat Deutschland verlassen zu müssen.

Sie hat aber nie den Glauben verloren, hier bleiben zu dürfen. Sie hat mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis. Ihre Eltern und Geschwister müssen noch bangen. Aber die Lebensumstände der Familie haben sich endlich geändert. Mutter und Vater können ihren Lebensunterhalt verdienen – es ist trotzdem zu wenig. Die Mutter arbeitet in Vollzeit und hat noch einen Nebenjob, der Vater macht Saisonarbeit. Der Verdienst reicht noch nicht aus, damit die Eltern das Aufenthaltsrecht erhalten. Aber endlich umziehen durfte die Familie.

Stipendium ermöglicht höheren Bildungsabschluss

In Bad Endbach fühlt sich Diana Temurova pudelwohl – auch wenn es dort sehr dörflich ist oder gerade deswegen. Sie ist mit anderen Migrantenkindern aufgewachsen. In der Gemeinschaftsunterkunft haben 13 weitere Familien gelebt.
„Ich hatte immer jemanden zum Spielen“, sagt sie. Und die Hinterlandkommune ist zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden.

Sie rollt das „R“ – was in der Region so typisch ist – mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel daran lässt, dass Diana eine von dort ist. An Russland und Armenien kann sie sich gar nicht mehr erinnern. An ein Zurück denkt sie nicht, eher an das Morgen in Deutschland.

Sie will an der Europaschule das Abitur machen. Sie ist in der 11. Klasse und eine „START“-Stipendiatin. Das Projekt der Hertie-Stiftung fördert leistungsstarke Jugendliche mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg zu einem höheren Bildungsabschluss. Das Projekt soll anspornen, Verantwortung zu übernehmen und ist für Deutschland eine Investition in die Zukunft.

Teenager engagiert sich in der Flüchtlingshilfe

Diana Temurovas Talente werden gefördert. Sie erhält 100 Euro im Monat, damit sie weiter die Schule besucht. Mit dem ersten Geld kaufte sie sich neue Schulsachen, für das eigene Zimmer einen Schreibtisch und eine Schreibtischlampe. Mit dem geschenkten Laptop hat sie eine Präsentation erarbeitet. Das war „total cool“, sagt sie.

Der Teenager engagiert sich ehrenamtlich. Sie übersetzt das Behördendeutsch für Flüchtlinge, die um eine Aufenthaltsgenehmigung kämpfen. Diese Arbeit für einen Rechtsanwalt macht sie gern. Der nächste Auftrag führt sie nach Stuttgart.

Im sozialen Bereich zu arbeiten, kann sie sich gut vorstellen. Vielleicht studiert sie auch etwas in dieser Richtung. Sie ist sich aber noch nicht sicher. An den Wochenenden muss sie nach Frankfurt zu Bildungsseminaren. Das ist der Preis für das „START“-Stipendium. Auch diese Zusatzarbeit missfällt ihr nicht. Sie ist eine Musterschülerin ohne Allüren.

Das Leben zwischen den Kulturen meistert Familie Temurova, indem sie sowohl die Feiertage aus der Heimat, als auch die christlichen Feiertage begeht. Akkulturation nennt man es, wenn Diana und ihre Familie zum Beispiel nicht wie in Russland üblich die Weihnachtsgeschenke am 31. Dezember öffnen, sondern wie hierzulande üblich am 24. Dezember. Die Familie ist hineingewachsen in ihre kulturelle Umwelt und passt sich an, ohne dabei die ­eigenen Identität aufzugeben.

Die 16-jährige Diana Temurova kennt das Leben als Flüchtling, kennt es, in Deutschland nur geduldet zu sein, kennt Vorurteile der Nachbarn gegenüber Fremden und die deutsche Gründlichkeit. Das alles ist für sie kein Problem.

von Silke Pfeifer-Sternke

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