Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
„Ich möchte für meine Kinder da sein“

Aus dem Landgericht: Kindesmisshandlung „Ich möchte für meine Kinder da sein“

Neuauflage nach Revision: Ein möglicher versuchter Mord durch Unterlassung steht ebenso im Raum 
wie eine potenzielle 
verminderte Schuldfähigkeit der Mutter.

Voriger Artikel
Es werden viele Umleitungen nötig
Nächster Artikel
Prozess um Kindesmisshandlung: Angeklagte bricht zusammen

Die angeklagte 26-jährige Mutter schritt mit ihrem Anwalt in den Schwurgerichtssaal des Marburger Landgerichts.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Eine besondere Situation beherrscht seit Montag vor dem Marburger Landgericht die Verhandlung gegen eine ehemalige Gladenbacherin: Der Tatverlauf der monatelangen Kindesmisshandlung steht fest, das Verfahren dreht sich um die Hintergründe und die Entwicklung der jungen Mutter.

Diese verurteilte das Landgericht im Juli 2014 
wegen versuchten Totschlags durch Unterlassen in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen zu einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe, nachdem sie ihre einjährige Tochter über Monate hinweg fast verhungern ließ.

Nach dem Revisionsverfahren verwies der Bundesgerichtshof den Fall erneut nach Marburg. Der Grund: Im Urteil der Schwurgerichtskammer fehlen relevante Erörterungen zu strafrechtlich festgelegten Merkmalen eines versuchten Mordes, erläuterte am Montag der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf die Entscheidung.

Wie es in der Urteilsbegründung des Landgerichts heißt, fand die Kammer dafür jedoch keine Anzeichen: Weder im Handeln der Mutter wurde das Merkmal der Grausamkeit oder der Heimtücke noch ein Tötungsvorsatz festgestellt. Von einem solchen geht die Staatsanwaltschaft aus.

Dagegen sah die Kammer als Motiv nicht eine gezielte „Verdeckung“ der Misshandlung, sondern vielmehr die Aufrechterhaltung eines Scheins nach außen hin, der ein normales Familienleben suggerieren sollte. Der Tod der Tochter sei nicht ihr Ziel und „der Angeklagten nicht recht gewesen – der Tötungsvorsatz hält nicht stand“, heißt es in der Urteilsbegründung. Dass die Beschuldigte jedoch „langfristig und rational plante“, fand laut Bundesgerichtshof keine Beachtung.

Angeklagte sieht sich auf dem Weg der Besserung

Zudem sah die Kammer damals eine Steuerungsfähigkeit und volle Schuldfähigkeit der Mutter als gegeben an. Auch das steht infrage. Die Angeklagte leidet an einer seltenen Blutbildungsstörung, hatte zur Tatzeit ihre Medikamente abgesetzt. Begleiterscheinungen der Krankheit seien „schubartige Anfälle von Müdigkeit und Abgeschlagenheit“, die angeblich mit zu einer Überforderung und infolgedessen zu einer herzlosen Handlungsweise der Frau beitrugen. Ob dies wie bei einer Depression zu einer eingeschränkten Schuld führen kann, soll ein Sachverständiger beurteilen.

Der eigentliche Tatablauf steht indes fest: Von Januar bis Mitte Februar 2012 vernachlässigte die alleinerziehende Angeklagte ihre einjährige Tochter, stellte die feste Nahrung ein und versorgte das Kleinkind nur unregelmäßig mit Säuglingsmilch, ließ es über einen längeren Zeitraum nur noch in einem abgedunkelten Raum zurück und teils stundenlang allein.

Infolge 
der Mangelversorgung kam es zu einer lebensbedrohlichen Unterernährung. Nachdem Mitarbeiter des Jugendamtes und Polizisten sich Zutritt zur Wohnung verschafften, kam das kurz vor dem Hungertod stehende Kind zur Versorgung ins Krankenhaus.

Zur eigentlichen Tat machte 
die heute 26 Jahre alte Mutter am Montag keine Angaben, berichtete jedoch über ihre aktuellen Lebensumstände. Im Gegensatz zu früher befände sie sich erneut in ärztlicher Obhut, nehme regelmäßig Medikamente, „die Behandlung schlägt an“, berichtete die 26-Jährige.

Ihr Leben bestünde zeitweise noch „aus Berg- und Talfahrten“, sie befände sich jedoch auf dem Weg der Besserung, lebe in einer neuen, harmonischen Beziehung und halte Kontakt zu ihren beiden Töchtern. Diese leben bei Verwandten, die Mutter sieht sie alle vier Wochen unter Aufsicht. Weitere Kinder wolle sie prinzipiell nicht. „Ich möchte für meine beiden Kinder da sein“, so die Angeklagte.

Kinderärztin: Kind erlitt durch Strapazen Schaden

Auch ihr Lebensgefährte und ihre Schwester bestätigten eine langsame Verbesserung ihres Zustands. Dagegen erinnerten sich beide nur ungenau an die Ereignisse vor vier Jahren. Heute bereue sie, „nicht früher näher nachgefragt zu haben“ und eingeschritten zu sein, sagte die Schwester.

Die damals nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Ehemann alleinerziehende Mutter erschien Freunden und Verwandten stellenweise überfordert – das eine Kindesmisshandlung vorlag oder gar der Tod des Kindes kurz bevor stand, habe niemand vermutet. Auch die Mitarbeiter des Jugendamtes sowie die Familienhelferin nicht. „Dass sie die Kinder nicht ernährt – das habe ich nicht gedacht“, teilte die Pädagogin mit.

Generell war die Zusammenarbeit mit der jungen Mutter problematisch, mehrfach sagte diese Termine ab oder versäumte Untersuchungstermine beim Kinderarzt. Der Zustand samt Entwicklungsverzögerungen der Tochter wurden jedoch besorgniserregender.

Dem Kind gehe es mittlerweile gut, es entwickelte sich normal, habe durch die Strapazen jedoch „definitiv einen Schaden erlitten“, erklärte die Kinderärztin vor Gericht.

Weitere Zeugen werden diesen Dienstag gehört.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr