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Holzhäuserinnen verschaffen sich Luft

Windpark Hilsberg Holzhäuserinnen verschaffen sich Luft

Mit der Rodung des Windpark-Areals auf dem Hilsberg steigt die Empörung der Naturschützer und Standort-Gegner. Sechs Holzhäuserinnen machen ihrem Unmut Luft.

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Auf dem Hilsberg hat sich einiges verändert. Es wurden große Flächen für den Windpark Hilsberg gerodet. Bagger bewegen die Erdmassen (kleines Foto). Fotos: Nadine Weigel, Privat

Quelle: Nadine Weigel

Holzhausen . Sie gingen immer gern am Hilsberg spazieren, aber der Wald hat sich verändert. Große Flächen sind gerodet und sie fühlen sich wie Don Quijote im Kampf gegen Windmühlen. Das macht sie traurig, aber auch wütend. Die Holzhäuserinnen Anke Becker, Bärbel Bastian, Ursula Bösser, Helga Rohmann-Jurkat, Sibylle Ossenbach-Beinborn und Gertrud Debus erläutern im Gespräch mit der OP, warum sie sich gegen den Windpark-Standort Hilsberg engagieren, den die Gemeinde Bad Endbach oberhalb ihres Dorfes errichten will.

„Seit 65 Jahren lebe ich in dem wunderschönen idyllischen naturbelassenen Ort Holzhausen. So eine Naturzerstörung habe ich unmittelbar noch nie erlebt. Unvorstellbar ist für mich, dass Holzhausen zum industrienahen Standort mutiert“, sagt Helga Rohmann-Jurkat.

Bärbel Bastian glaubt, dass Bad Endbachs Bürgermeister Markus Schäfer nicht versteht, welche Anliegen und Sorgen die Holzhäuser seit dem Bekanntwerden des Windpark-Projektes umtreiben. „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“, sagt sie. Bastian rechnet mit negativen Auswirkungen für die Entwicklung des Ortes: Für junge Familien verliere Holzhausen an Attraktivität, was sich wiederum auswirke auf Kindergärten, Schulen, Geschäfte und die Infrastruktur. Ebenso wird durch die zu erwartende Wertminderung der Immobilien die Altersversorgung vieler Bürger eingeschränkt. Gegen die Äußerung von Schäfer im OP-Interview, den Gegnern ging es schlicht ums Geld, wehrt sie sich. „Von welchem Geld sollen wir etwas abbekommen?“, fragt sie. Eine Teilhabe an den Gewinnen sei für die Standort-Gegner nie Thema gewesen. Dass Bad Endbach nicht bis zur Hauptverhandlung abgewartet hat, sondern mit der Rodung vor der richterlichen Entscheidung begonnen hat, versteht weder sie noch eine ihrer fünf Mitstreiterinnen.

„Was über Jahrzehnte gewachsen ist, wurde innerhalb von einer Woche zerstört. Der Hilsberg ist nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt Helga Rohmann-Jurkat. Wenn dem Bad Endbacher Bürgermeister der Naturschutz wirklich wichtig ist, denn hätte er mit dem Baubeginn bis zum Ausgang des Hauptverfahrens abgewartet, resümiert Bärbel Bastian und ergänzt: „Was will er schützen, wenn er die Natur zerstört?“

„Die Holzhäuser seien guten Mutes gewesen, nachdem auf dem Hilsberg gefährdete Tierarten nachgewiesen wurden. Dort sind der Rotmilan, das Haselhuhn, die Wildkatze, der Ziegenmelker, der Raubwürger, der Rauhfußkauz, der Uhu und der Schwarzstorch beheimatet. Wir dachten, dann dürfen die Windräder nicht gebaut werden“, sagte Anke Becker.

Die Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichtshofs Kassel zur vorzeitigen Rodung ist für die Holzhäuserinnen nicht nachvollziehbar. Das Gericht hatte argumentiert, dass im Interesse der Energiegewinnung und des Klimaschutzes artenschutzrechtliche Bedenken ohne Belang sind. Dem Interesse der Gemeinde Bad Endbach zum Erhalt der höheren Einspeisevergütung für 2014 wurde ein „berechtigtes Interesse“ eingeräumt. Damit seien auf dem Hilsberg vorzeitig Tatsachen geschaffen worden, sagt Becker verärgert und Ossenbach-Beinborn ergänzt: „Uns hat es für den Mattenberg gefreut, dass dort keine Rodungserlaubnis erteilt worden ist, mit der Begründung, dass bei Ablehnung des BImSch-Antrages eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes nicht möglich sei. Dies trifft für den Hilsberg genauso zu, der Ausgang des Hauptverfahrens hätte unbedingt abgewartet werden müssen.“ Für sie stellt sich zudem die Frage nach der Rentabilität des Windparks. Und rückblickend gibt sie zu bedenken, dass der Hilsberg vor dem Zielabweichungsverfahren ein Ausschlussgebiet für Windräder gewesen ist. Das größte Ärgernis war und ist, dass die Widerspruchsfrist für das Zielabweichungsverfahren bereits abgelaufen war, als sie von dem Projekt erfuhren. Diese Chance war vertan – ohne, dass sie dies zu verantworten hätten.

„Das Zielabweichungsverfahren wurde heimlich beantragt und Bürgermeister Schäfer informierte die Öffentlichkeit erst, als er dachte, dass dem Projekt nichts mehr im Wege steht“, behauptet Gertrud Debus. Sie ist der Meinung, dass das Projekt einfach „durchgewunken“ werden sollte.

Die sechs Holzhäuserinnen sind engagierte Mitstreiter der Holzhäuser BI, die „nicht nur aus ein paar Leuten besteht“, sagt Becker.1300 Mitglieder zählt die BI. Das erste Mal wahrnehmbar trat die BI Holzhausen mit einer Unterschriftenaktion in Erscheinung. 606 Holzhäuser baten schon im September 2011 den Bad Endbacher Bürgermeister, den Windpark in der geplanten Form zu überdenken.

„Eine Konsequenz hat sich daraus leider nicht ergeben“, erklärte Debus. „Wir sprechen also auch für andere“, bestätigte Rohmann-Jurkat. Ihre Haltung spiegele die vieler Bürger wider, betonen die sechs Holzhäuserinnen unisono. Ihr Engagement gegen den Bau des Windparks wollen sie aber auch bei den Bad Endbachern verstanden wissen.

„Die Nachteile des Windparks betreffen uns nun mal allein. Warum dürfen wir uns dann nicht wehren?“, fragt Rohmann-Jurkat. Für sie ist vieles in dem Verfahren um den Bau des 25-Millionen-Euro-Projektes nicht nachvollziehbar. Als Beispiel führt sie an, dass bereits zwei Tage bevor das Urteil zur vorzeitigen Rodung gefällt worden ist, bereits Schnee am Hilsberg geschoben worden sei als Vorbereitung auf die Arbeiten. „Wie kann das sein?“, fragt sie.

Auch die Angst vor Belastungen und die Sorge um den Naturschutz treibt die Holzhäuserinnen um: Der Wohlfühlfaktor geht für Ursula Bösser voll und ganz verloren, wenn die Windräder stehen. „Unsere Ruhe und Erholung sind dahin. Als Erholungsort haben wir aber den gleichen Anspruch darauf wie die Kurgemeinde Bad Endbach“, erklärt sie.

„Den Blick auf unser schönes Dorf werden wir täglich vermissen und stattdessen von dem Anblick der Windkraftmonster erschlagen werden. Mir blutet allein bei dieser Vorstellung das Herz und es treibt mir die Tränen in die Augen“, sagt Anke Becker.

Seit 50 Jahren hege und pflege der Vogelschutzverein die Landschaft. Es seien eine Menge zu schützender Vögel kartiert und angrenzende Biotope betreut worden. „Dieser Lebensraum ist nun auch für die vielen Tiere weg“, sagt Rohmann-Jurkat. Der von Endbach beauftragte Gutachter habe lediglich zwei Jahre in Intervallen Kartierungen vorgenommen, kritisiert sie.

Wofür wurde die Natur am Hilsberg zerstört? Als Zuschuss für den Bau der Therme und zum Schuldenabbau? „Die Holzhäuser Bürger und die Natur zahlen einen hohen Preis, resümiert die Holzhäuserin.

von Silke Pfeifer-Sternke

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