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Holpriger Start in ein bewegtes Leben

Erzählcafé Holpriger Start in ein bewegtes Leben

Gladenbachs Kommunalpolitiker Walter Jakowetz war Gast im Erzählcafé in Lohra und berichtete als Zeitzeuge von seiner Kindheit in Sudetendeutschland und vonseiner Aussiedlung.

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Konzentriert verfolgten die Zuhörer im „Alten Rathaus“ in Lohra die Ausführungen des Zeitzeugens Walter Jakowetz im Erzählcafé. Foto: Ingrid Lang

Lohra . Walter Jakowetz wurde am 27. November 1939 als zweiter Sohn von Karl und Ottilie Jakowetz geboren und wuchs auf dem elterlichen Hof in Millay in der Nähe der Kreisstadt Bilin auf. 1940 zog der Vater in den Krieg. Jakowetz kannte ihn nur von Bildern - elf Jahre hat er ihn nicht gesehen.

Als die Sowjets im Sudetenland einrückten, habe sich seine Mutter tagsüber mit ihren beiden Söhnen im Getreidefeld versteckt und nachts schlief die Familie auf dem Heuboden im Stroh. Als besonders schreckliches Erlebnis erzählte Jakowetz davon, dass ein Sowjetsoldat ins Haus stürmte und aus dem Stall zwei Schweine stahl.

Soldat zielte mit einer Waffe auf die Großmutter

Anschließend zeigte er auf die freilaufenden Hühner und anhand seiner Gestik war zu erkennen, dass er Eier haben wollte. Er habe das Haus durchsucht und fand unter einem Bett einen Korb mit Eiern. Er zog seine Waffe und richtete sie auf die Großmutter, die das Versteck nicht verraten hatte. In diesem Moment kam ein weiterer Soldat, der die Situation blitzschnell erkannte und ihm auf den Arm schlug, sodass sich ein Schuss löste der den Fußboden durchschlug.

Die Familie blieb zunächst von Flucht und Vertreibung verschont, da der Großvater als Wassermeister arbeitete und im Ort unentbehrlich war. Andere wurden aus ihrer Heimat vertrieben und überwiegend in Eisenbahnwaggons nach Thüringen gebracht.

Dann berichtete Jakowetz davon, dass die Familie Haus und Hof verlassen musste. Sie erhielt eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Alle Deutschen mussten als Erkennungszeichen eine weiße Armbinde tragen und waren Hass und Demütigungen ausgesetzt. Zudem wurden sie geschlagen, beschimpft und bespuckt. 1946 wurde Walter Jakowetz eingeschult und er hatte Probleme mit dem in Tschechisch gehaltenen Unterricht, da keiner in der Familie die Sprache beherrschte. Seine Mutter musste arbeiten, um den beiden Söhnen Nachhilfeunterricht zu ermöglichen. Dadurch verbesserte sich die Sprache in Wort und Schrift und trotzdem fielen die Noten oft „mangelhaft“ aus. Diesen Lebensabschnitt bezeichnete der Zeitzeuge als den schlimmsten seines Lebens. Von Jahr zu Jahr besserten sich aber die Leistungen und der Schulalltag wurde allmählich zur Normalität.

Die Familie wünschte sich dennoch nichts sehnlicher als die Aussiedlung in die Bundesrepublik. Zwischenzeitlich war Jakowetz‘ Vater aus der Kriegsgefangenschaft in den Landkreis Marburg ins Lager Damm gekommen. Eine Einreise in seine sudetendeutsche Heimat blieb ihm aus politischen Gründen verwehrt. Mutter Ottilie stellte 1948 einen Ausreiseantrag, der jedoch abgelehnt wurde, da im Landkreis Marburg nicht genügend Wohnraum vorhanden gewesen sei. Im Frühjahr 1950 stellte sie erneut einen Antrag und erhielt eine Zusage. Die Ausreise aus der Tschechei wurde genehmigt, aber die Großeltern wollten ihre Heimat nicht verlassen.

„Das war ein sehr schwerer Schritt gewesen“, betont Jakowetz. Er musste sich nun ebenso wie sein vier Jahre älterer Bruder Otto und seine Mutter von den Großeltern verabschieden. Dass dies ein Abschied für immer war, war damals sicher.

Die Transportkosten von 4000 Kronen musste die Familie selbst aufbringen. Im Juli 1950 begann die Ausreise mit einem vierwöchigem Aufenthalt in einem Aussiedlerlager in Eger. Nach Überprüfung der Familie ging es im September mit dem Zug nach Furth im Walde. Am 20. Oktober 1950 trafen die Aussiedler in der neuen Heimat ein, und Walter Jakowetz konnte seinen Vater nach elf Jahren wieder in die Arme schließen.

Aus „Paradeiser“ wirddie Tomate

„Endlich wieder eine Familie“. Für die Kinder war es nicht leicht. In der Schule hatten die Brüder mit dem Hochdeutsch Schwierigkeiten. Sie verstanden viele Redewendungen nicht. Walter Jakowetz lernte, dass Paradeiser „Tomate“ und Erdäpfel „Kartoffeln“ genannt werden. Wieder ging die Mutter arbeiten, um den Nachhilfeunterricht zu finanzieren. Der Vater arbeitete mittlerweile bei einem Traditionsunternehmen und die Familie verließ 1956 das Lager Damm. Ein neues Zuhause fand die Familie in der Klippsteinstraße in Gladenbach. Später wurde aus dem Haus ein Zweifamilienhaus mit einem Anbau. Walter Jakowetz besuchte die Handelsschule und begann eine Lehre als Steuerfachgehilfe in Marburg.

1961 arbeitete er in einem Steuerberatungsbüro in Biedenkopf und lernte dort seine Ehefrau Gertrud Zeppenfeld kennen. Das Paar hatte viele Gemeinsamkeiten und engagierte sich in der Freizeit in der katholischen Jugend. 1967 wurde geheiratet.

In den Folgejahren legte Jakowetz sein Hauptaugenmerk auf das Ehrenamt. Bis zum 1. Oktober 2013 war er ununterbrochen 45 Jahre in der Kommunalpolitik tätig. Bis heute engagiert sich der Zeitzeuge im Sport und im sozialen Bereich. In all den Jahren habe ich viele Höhen und Tiefen erlebt“, sagte Jakowetz rückblickend.

von Ingrid Lang

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