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Hinterländer erlebt die Folgen der Ebola-Epidemie hautnah

Erfahrungsbericht Hinterländer erlebt die Folgen der Ebola-Epidemie hautnah

Nichts ist in Freetown mehr vor wie vor elf Jahren, als der Hinterländer Manfred Rink dort seinen Lebensmittelpunkt fand. Der lautlose Tod bestimmt jetzt das Leben.

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Eine Frau aus Sierra Leone kauft mit ihren Kindern auf dem Markt in Freetown ein. Das Foto wurde Anfang September 2014 ­aufgenommen. Viele versorgten sich mit Lebensmitteln, weil die Behörden einen dreitägigen Hausarrest festgesetzt hatten, um die ­Ansteckungsgefahr der Bevölkerung mit dem tödlichen Ebola-Virus zu reduzieren.

Quelle: dpa

Freetown. Westafrika krankt, bricht zusammen unter der Last einer mikroskopisch kleinen fadenförmigen Gestalt. Menschen sterben. Das Virus Ebola ist nicht zu stoppen. Am 11. Januar lag die Zahl der Toten in den am stärksten betroffenen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea bei 8426, im Oktober 2014 waren es 4922 Tote; 21296 Menschen in Westafrika sind mit dem Virus infiziert. Das meldetet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang Januar. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.

In Sierra Leones Hauptstadt Freetown starben bis Anfang Januar 2612 Menschen an dem heimtückischen Virus, 7665 bestätigte Fälle von Infizierten gibt es, davon allein 3000 im Westen. Jeden Abend gibt das Gesundheitsministerium ein Update der Zahlen heraus. Das Sterben hat noch lange nicht aufgehört. Die Regierung von Sierra Leone und die Weltgesundheitsorganisation haben zu spät reagiert.

„Sie haben es nicht kapiert“, sagt Entwicklungshelfer Manfred Rink (Privatfoto). Seiner Arbeit als Dozent an der Universität in Freetown am Fachbereich Friedens- und Konfliktforschung hat er quasi eingestellt. Die Universitäten sind geschlossen, Schulen und Kindergärten auch.

"An Sonntagen ist alles komplett dicht"

Erst als die Ebola-Epidemie nicht mehr zu ignorieren war, haben die Verantwortlichen reagiert - panisch. Im Juni 2014 geriet die Situation völlig außer Kontrolle. Einen Monat später wurde die „No-Touch-Policy“ (Nicht-Berührung-Politik) ausgerufen, weil das Virus über Blut und andere Körperflüssigkeiten wie Schweiß übertragen werden kann.

„Kaum vorstellbar, was es in einer Gesellschaft bedeutet, in der Berührungen zum Leben gehören“, sagt Rink. Gebracht hat die Restriktion allerdings wenig. Das Sterben ging weiter. Neue Vorkehrungen sollen die Epidemie eindämmen. Um 18 Uhr müssen die Geschäfte während der Woche schließen, an Samstagen bereits mittags um 12 Uhr. „An Sonntagen ist alles komplett dicht“, berichtet Rink. Nur die Restaurants der großen Hotelketten dürfen länger öffnen.

Ziel ist es, die Infektionsherde zu reduzieren. Das Resultat: Das soziale Leben in der zwei Millionen-Einwohner-Stadt Freetown liegt komplett brach.

Schlimm war es für die Einheimischen während der Weihnachtsfeiertage. Traditionell besuchen die Christen die Kirchen erst spät abends, danach fängt für die Menschen das Feiern an. 2014 nicht. Die Bevölkerung musste um 18 Uhr zu Hause sein. Am ersten Weihnachtsfeiertag war bereits um 17 Uhr Schluss auf den Straßen. Von offizieller Seite weigert man sich aber, von einer Ausgangssperre zu reden.

Tausende gehen derzeit in der Stadt von Haus zu Haus, um die Menschen für Verkehrungen gegen das Virus zu sensibilisieren und um Infizierte zu finden. Auch Rink klärt auf. Der Entwicklungshelfer ist für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe seit elf Jahren in Westafrika. Er hat sich entschieden zu bleiben. Seine Kollegen haben das Land längst Richtung Europa verlassen. Er will die Menschen nicht im Stich lassen. Hauptsächlich kümmert er sich um Radiosendungen, in denen über das gefährliche Virus aufgeklärt wird, oder arbeitet von zu Hause aus.

Angst, sich zu infizieren, hat er nicht. Aber er ist vorsichtig geworden. Er weiß, dass das Virus zu einem hohen Prozentsatz tödlich ist. In Gruppen hält Rink neuerdings Abstand zu seinen Gesprächspartnern - mindestens einen Meter. Das gibt ein Sicherheitsplan vor. Und Rink sorgt vor. Damit er kein Fieber kriegt, nimmt er eine Malaria-Prophylaxe ein. Es sei wahrscheinlich, dass jemand, der sich mit Malaria infiziert und dann fiebert, wie ein Verdachtsfall auf Ebola behandelt wird.

„Eine Infektion mit dem Ebola-Virus ist dann so gut wie ­sicher“, sagt Rink.

Institut gibt fürDeutschland Entwarnung

Als Rink im November nach Deutschland flog, hielten ihn manche für ein Sicherheitsrisiko. Dass man in den westlichen Ländern damit beschäftigt ist, sich die „Seuche vom Backen zu halten“, ist für ihn ­eine ­Schande. Die betroffenen Länder brauchen dringend Hilfe. „Warum hilft man nicht vor Ort?“, fragt Rink. Das Virus könne man nicht von Deutschland aus bekämpfen. „Dazu muss man hierher kommen“, sagt Rink und ergänzt: „Die Menschen hier haben die Epidemie nicht verschuldet.“

Im Dezember wurde in Free-town innerhalb von zwei Wochen eine Behandlungsstation für Verdachts- und bestätigte Ebola-Fälle mit „80 Betten aus dem Boden gestampft“, berichtet Rink. Die WHO will, dass weitere solcher Behandlungseinrichtungen mit Betten und Isolierstationen aufgebaut werden, um Infizierte und Verdachtsfälle zu behandeln. Das Land benötigt Behandlungsunterstützung, Knowhow und Technik. Das sieht Rink genauso.

Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ ist seit Januar 2014 in Westafrika im Einsatz gegen das Virus. Sie zählten zu den ersten, die gemahnt haben, dass die Situation außer Kontrolle geraten kann. Das Virus brach 1976 im Norden des ehemaligen Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo) erstmals aus. Es wurde nach dem Fluss Ebola benannt, der nahe dem Dorf Yambuku fließt, wo das Virus die ersten Todesopfer forderte.

Die „Ärzte ohne Grenzen“ sind seit 1995 im Kampf gegen das Virus unterwegs. In der Stadt Kikwit (Demokratische Republik Kongo) kämpften die engagierten Mitglieder der Organisation zum ersten Mal um das Überleben der Infizierten und darum, dass sich die Seuche nicht weiter ausbreitet. Es folgten Einsätze in Uganda, Gabun und Kongo-Brazzaville.

Das Risiko, dass Reisende das Ebola-Fieber nach Deutschland bringen, wird vom Robert-Koch-Institut gegenwärtig als gering eingeschätzt. Von 100 Flugreisenden aus Westafrika habe nur etwa eine Person das Ziel Deutschland. In den betroffenen Ländern gebe es zudem strenge Ausreisekontrollen.

EIne globale Krise

Und das Ausreisen werde immer schwieriger, berichtet Rink. Viele Fluglinien hätten ihren Flugverkehr in Westafrika eingestellt. „Die Briten fliegen gar nicht mehr.“ Es gebe nur noch zwei Linien nach Europa, eine führe über Casablanca nach ­Europa.

Mittlerweile ist Ebola auch zu einer globalen Krise geworden. Im August 2014 starb der erste Ebola-Infizierte in einem Krankenhaus in Madrid. Es folgten weitere Tote. Das Virus unterscheidet nicht zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig. Es überwindet als lautloser Killer Kontinente und Landesgrenzen.

Doch für Europa gibt das Robert-Koch-Institut Entwarnung: Es besteht keine Gefährdung für die Bevölkerung.

von Silke Pfeifer-Sternke

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