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Hauptsache, die Chemie stimmt

Musicalprobe Hauptsache, die Chemie stimmt

"Hatzfeldt gegen Hatzfeldt" nahm sich Regisseurin Birgit Simmler zum Vorbild für das neue Biedenkopfer Musical und formte mit den Profis die Darstellung der Symbolfiguren der Arbeiterbewegung.

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Gunnar Frietsch und Vasiliki Roussi probten im großen Saal des Biedenkopfer Rathauses Szenen für das Musical „Die Hatzfeldt“, das am 11. August im Biedenkopfer Schlosshof Premiere feiert.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Biedenkopf. Das edle Geschlecht erhob in seinen Glanzzeiten wie selbstverständlich den Anspruch auf Vorrechte. Die Würde einer Adligen, ihr Benehmen und ihre Eleganz macht sich Hauptdarstellerin Vasiliki Roussi binnen von Minuten zu eigen, um die „rote Gräfin“ in all ihrer Erhabenheit und in ihrem couragierten Auftreten zu verkörpern.

Als Erstes legt Roussi vor der Probe im altehrwürdigen Saal des Rathauses Jogginghose und T-Shirt ab und zieht sich Kleid und hohe Schuhe an. Auf die elegante Körperhaltung kommt es an. Geprobt wird eine Ballszene. Dort trifft sie zum ersten Mal auf Ferdinand Lassalle, gespielt von Gunnar Frietsch.

Es ist eine schicksalhafte Begegnung. Der 20 Jahre jüngere Lassalle unterstützt Sophie von Hatzfeldt in ihrem Scheidungsprozess und nutzt diesen für sich im Kampf gegen die soziale Unterdrückung der Arbeiterklasse. Über das Verhältnis der beiden wird viel spekuliert.

Die Gräfin lebt mit dem bürgerlichen Juden ohne Trauschein zusammen. Es muss also auch im Stück der Altersunterschied deutlich werden und es muss vor allem Knistern zwischen Roussi und Frietsch. Die 47-Jährige und der 31-Jährige hatten bereits am Nachmittag festgestellt, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt. Auf der Bühne muss das Publikum das auch spüren.

Beim ersten Kontakt schmeichelt Lasalle der Adligen, glotzt ihr aber frech auf die Brüste.­ Regisseurin Birgit Simmler ist Roussis Reaktion darauf zu plump. „Wenn er um dich rumtänzelt und dann auf deine Brüste starrt, wie würdest du normal reagieren?, fragt sie Roussi. „Du spielst ertappter Junge, sie fordert dich heraus“, weist sie noch an. Szene wieder auf Anfang. Wie sich die beiden dann necken, gefällt Simmler besser. Statt „Brust“ verwendet Roussis das Wort „Augen“ und führt Lassalles Kopf am Kinn mit dem Zeigefinger von der Brust auf Augenhöhe.

„Ich glaube, jetzt haben wir‘s“, sagt Simmler nach mehrmaligem Proben der Szene. Mal hatte Frietsch falsch reagiert, mal Roussi ihren Text vergessen. Doch jetzt sitzt Text, Bewegung und das Knistern zwischen der „roten Gräfin“ und dem Bürgerlichen. Simmler gibt Szenenapplaus.

Sie hat zusammen mit dem Komponisten Paul Graham Brown ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Hauptdarsteller bewiesen, wobei Frietsch ein Glücksfall war. Der 31-Jährige stammt aus dem Nordschwarzwald, studiert in Detmold Gesang. Jemand hat ihn Simmler vorgeschlagen mit den Worten: „Ich weiß da einen.“ Und zufällig war Frietsch der Letzte, der im Casting vorgesungen hat. Für ihn viele Zufälle auf einmal - trotzdem ein Volltreffer.

Die 47-jährige in Berlin lebende Griechin und zweifache Mutter Roussi hatte ein einwöchiges Projekt mit dem Komponisten Paul Graham Brown absolviert und beiläufig Interesse an dem Biedenkopfer Projekt geäußert. Brown hat nicht gezögert, er hat sich mit ihr in der Hinterlandkommune verabredet, sie hat Birgit Simmler getroffen und sofort war klar: Roussi macht mit.

Für zwei Monate ist nun Biedenkopf der Dreh- und Angelpunkt von Frietschs und Roussis Passion: die Musicaldarsteller leben ihre Leidenschaft.

von Silke Pfeifer-Sternke

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