Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
Halbzeit für Biedenkopfs Grenzgang 2019

Nicht mehr lang Halbzeit für Biedenkopfs Grenzgang 2019

Halbzeit in Biedenkopf: Bis der Mohr seinen Krummsäbel wieder schwingt und die entscheidende Frage „Sell da Grenzgaank ’naus gieh?“ erklingt, dauert es noch exakt dreieinhalb Jahre.

Voriger Artikel
Sondersitzung im Gutachten-Streit
Nächster Artikel
Schutzhütte dient Feuerwehr wieder als Refugium

An jedem Morgen vor der Grenzbegehung finden sich die Gesellschaften wie auch die Gäste in ihrer zugewiesenen Stellung am Marktplatz in Biedenkopf ein.

Quelle: Archivbild: Thorsten Richter

Biedenkopf. Auf der Internetseite des Grenzgangvereins Biedenkopf läuft schon der Countdown, rot auf weiß: Nur noch 1 276 Tage und einige wenige Stunden, Minuten und Sekunden.

Dreieinhalb Jahre sind seit dem letzten Grenzgang im Sommer 2012 vergangen, dreieinhalb Jahre stehen noch bevor, bis sich Biedenkopf erneut in einen einzigen Wanderzug verwandelt. Für 2019 ist das Wochenende vom 15. bis zum 17. August eingeplant.

Konkrete Vorbereitungen starten im Vorjahr

Natürlich steigt schon wieder die Vorfreude auf das nächste Fest, auch beim derzeitigen Vorsitzenden des Grenzgang-Komitees Arnd Prätorius. Um bereits jetzt Vorkehrungen für das Fest zu treffen, sei es aber noch zu früh. Denn die Vorbereitungen auf das nächste Grenzgangfest nehmen erst im Vorjahr des Festes wirklich Fahrt auf: Mit dem bejahenden Beschluss, den Grenzgang auch im folgenden Jahr auszurichten, bekommt das neu zusammengestellte Komitee des Grenzgangvereins auf der Mitgliederversammlung im November den Auftrag, alles in die Wege zu leiten.

„Für den Festplatz auf der Oberen Bleiche werden im Vorbehalt Verträge mit Musikkapellen, Wirten und Schaustellern geschlossen“, erläutert Prätorius. Im Frühjahr kontrolliert das Komitee den Grenzverlauf und richtet die drei Frühstücksplätze her. In der Zeit um Ostern finden sich dann die elf Männergesellschaften und acht Burschenschaften zusammen, die sich nach Stadtteilen oder Stammkneipen ordnen. In Versammlungen wählen diese ihre
Führer sowie unter anderem die Fahnenträger und Reiter.

Aus den sogenannten „Särgen“ werden darüber hinaus die Fahnen der jeweiligen Gesellschaften zurück ans Tageslicht geholt und zusätzlich mit einer kunstvoll bestickten Schleife der zugehörigen Damen- beziehungsweise Mädchenschaft verziert.

In Anwesenheit der Männer- und Burschenführer, der Reiter sowie des Grenzgang-Komitees werden anschließend die Hauptakteure des Heimatfestes bestimmt, darunter der Bürger­oberst, der Mohr, die Wettläufer und die Sappeure. Das bedeutet für diese neben der Ehre, das Amt auszufüllen,besonders eins: Ausdauertraining. Ausgestattet werden die Offiziellen des Grenzgangs sowohl mit altbewährten Säbeln sowie mit für jedes Fest neu angefertigten Uniformen.

Ein drittes Mal tritt Arnd Prätorius nicht an

Wenige Tage vor dem Grenzgangfest findet der Wald Einzug nach Biedenkopf: Dann wird die Stadt unter dem Motto „De Waald es inser!“ von den Grenzganggesellschaften und den Anwohnern mit jungen Bäumen, aber auch mit Fahnen und Girlanden aufwändig hergerichtet. Mit dem „Musikreiten“ wird den Pferden außerdem die Angst vor dem anstehenden Trubel genommen.

Das Finale der Vorbereitungszeit findet am Vorabend des ersten Grenzgangtags statt, dem sogenannten „Kommers“, an dem die Gesellschaften und Kapellen ihre Startplätze zugewiesen bekommen und sich Besucher und Organisatoren am Marktplatz erstmals „abtasten“. Und dann kann der Grenzgang am nächsten Tag im wahrsten Sinne des Wortes endlich losgehen.

Bis 2019 wird jedoch nicht mehr Arnd Prätorius an der Spitze des Grenzgangvereins stehen und die Vorbereitungen auf das Fest leiten: Nach 2005 und 2012 kandidiert er nicht noch ein weiteres Mal für das Amt des Vorsitzenden.

Hintergrund
Der traditionellen Grenzbegehung geht wie bei den meisten Grenzgängen ein Streit zwischen den Nachbargemeinden voraus. Aus dem Jahre 1525 stammt die älteste noch vorhandene Urkunde über einen Grenzstreit, 1693 wurde erstmals über eine Grenzbegehung der Biedenkopfer Gemarkung berichtet. Um Grenzstreitigkeiten beizulegen, gingen die Einwohner Biedenkopfs zusammen mit den Nachbarn in der Regelmäßigkeit von sieben Jahren die Markierungen ab. Im 19. Jahrhundert verlor die Grenzbegehung jedoch ihren eigentlichen Sinn, als die Markierungen durch schwere Grenzsteine ersetzt und Kataster eingeführt wurden. Im Jahr 1839
debütierte das Grenzgangfest, bei dem nicht mehr die Stadtgrenze, sondern die des Stadtwaldes abgelaufen wurde.
Seit 1950 konnte das Grenzgangfest ununterbrochen im sieben-jährigen Rhythmus
stattfinden.
Grenzgang

An jedem der insgesamt drei Grenzgangtagen wird die Biedenkopfer Bevölkerung früh morgens durch Böllerschüsse vom Schlossberg geweckt. Anschließend versammeln sich die Männergesellschaften und Burschenschaften unter musikalischer Begleitung am Marktplatz, an dem der Bürgeroberst nach Erfassung der Grenzgängeranzahl den Startschuss für den eingefundenen Wanderzug gibt. Zum Debüt finden überdies noch längere Ansprachen und eine Totenehrung statt.

Nach dem Erschallen der Nationalhymne bewegt sich der Grenzgangzug unter Führung der historischen Figuren sowie der Stadtfahne am ersten Tag in Richtung Wallau zur Grenze. Im Uhrzeigersinn erklimmen die Grenzgänger den berüchtigten Kleeberg, machen Rast auf der Sackpfeife und erreichen am frühen Nachmittag die „Breite Wiese“.

Von dort startet der Zug auch am zweiten Tag, der den Grenzgang bis zur Erlenmühle im Lahntal fortsetzt und somit die Grenzbegehung oberhalb der Lahn abschließt.

Am dritten und letzten Tag erwartet die Wanderwilligen die längste Etappe des Grenzgangs. Eingesetzt wird am selbigen Punkt wie am ersten Tag, diesmal führt es den Zug jedoch in die andere Richtung, um den Kreis der Grenze nahe der Erlenmühle abzuschließen. Dazwischen befindet sich aber nicht nur die Rast am „Gespaltenen Stein“, sondern auch ein steiler Abstieg, der den Grenzgängern gegen Ende nochmal alles abverlangt.

Am Ziel spricht der Bürgeroberst ein letztes Mal zu den Gesellschaften und Würdenträgern, würdigt die abgeschlossene Grenzbegehung und lässt den nächsten Grenzgang vorsorglich hochleben. Wie an jedem Festtag klingt die Grenzbegehung im Festzelt aus, an diesem Abend sogar mit einem Feuerwerk.

von Joshua Müller

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr