Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
„Habe eine völlig gestörte Gefühlswelt“

Landgericht: Kindesmissbrauch „Habe eine völlig gestörte Gefühlswelt“

Die Verteidiger rügten erneut die Besetzung des Gerichts mit zwei Schöffen und nur zwei Berufsrichtern. Die Kammer wies auf die Möglichkeit der Revision hin.

Voriger Artikel
Die Gesichter des "Postraub"
Nächster Artikel
Erweiterungspläne liegen auf Halde

Die Gerichtsverhandlung um sexuellen Missbrauch in einer Südkreisgemeinde ist fortgesetzt worden.

Quelle: dpa

Marburg. Mit der Vernehmung der Ermittlungsrichterin ging der Prozess gegen einen 56-Jährigen aus einer Südkreisgemeinde weiter. Der Vorwurf gegen ihn lautet: schwerer sexueller Missbrauch seiner damals zwölfjährigen Tochter.

Verantworten muss er sich zudem wegen Exhibitionismus vor seiner Stiefschwester, Besitzes von Kinderpornografie und Munitionsbesitz. Weitere Vorwürfe anderer Familienmitglieder wegen sexuellen Missbrauchs sind verjährt. Zur Aussage der Tochter soll ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellt werden, bis dahin sollen die betroffenen Zeugen nur zur jüngeren Vergangenheit befragt werden, da die vorherigen Fälle allenfalls strafverschärfend berücksichtigt werden können (die OP berichtete).

Eine Polizistin hatte jedoch bereits von ihren Vernehmungen der Zeugen berichtet und auch Richterin Isabell Rohjan sagte zu ihren Erkenntnissen aus. So habe ihr der inzwischen 35-jährige Sohn des Mannes erzählt, zweimal im Alter von etwa fünf bis sieben Jahren von seinem Vater missbraucht worden zu sein, einmal im Badezimmer, ein anderes Mal im Wohnzimmer.

Stiefschwester der Zeugin beschuldigt Angeklagten

Seinem Onkel habe sich der Junge damals offenbart. Davon und auch von den Taten habe er aber nichts mehr gewusst, habe der junge Mann gesagt. Erst, so seine Auskunft laut Rohjan, hat er in der Pubertät davon geträumt und es ist wieder hochgekommen.

Auch die Stiefschwester will als Kind von dem Angeklagten missbraucht worden sein. Der Richterin gegenüber gab sie an, von dem Mann und seiner heutigen Frau als Zwölfjährige vergewaltigt worden zu sein. Ein weiterer Vorfall habe sich auf der Waschmaschine abgespielt. „So Situationen gab es im ganzen Haus oder in der Scheune“, so die protokollierte Aussage der Frau.

Erst als sie mit 16 Jahren ihrer Mutter, wenn auch ohne Konsequenzen, davon erzählt habe, hätte es aufgehört. Von da an habe sie ihr Stiefbruder nicht mehr angefasst, vor ihr aber immer wieder onaniert. Einmal habe er beispielsweise gefragt, „möchtest du noch einen Spritzer in den Kaffee.“ Sie habe zwar Ekel und Abscheu empfunden, es aber ertragen. Inhaltlich gleich hatte sie am vorigen Verhandlungstag auch vor dem Landgericht ausgesagt.

Richter über Aussagen unterschiedlicher Meinung

„Sie hat meiner Meinung nach Erlebtes berichtet“, sagte Rohjan. Der Vorsitzende, Richter Dr. Thomas Wolf, verwies jedoch darauf, dass die Zeugin auch von einer Vielzahl von Psychotherapien berichtet habe. „Ich habe eine völlig gestörte Gefühlswelt“, so die Frau laut Protokoll. Das habe sicher Einfluss auf die Bewertung der Glaubwürdigkeit durch die Kammer.

Die Verteidigung rügte abschließend zum wiederholten Mal die Besetzung des Gerichts mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen. Nach Auffassung der Anwälte muss bei mehr als zehn Verhandlungstagen ein dritter Berufsrichter hinzugezogen werden.

Ursprünglich waren genau diese zehn Tage angesetzt. Weil aber nun das Glaubwürdigkeitsgutachten in Auftrag gegeben wurde und die Sachverständige erst am zehnten August vortragen kann, sind bis dahin eine Vielzahl kürzerer Termine anberaumt, um die Fortsetzungsfrist zu wahren.

„Weder das Gesetz noch der Bundesgerichtshof gehen von einstündigen Verhandlungstagen aus“, bemerkte Richter Wolf zu der Rüge. Die Kammer sei anderer Ansicht als die Verteidigung, das Verfahren müsse jetzt weitergehen und je nachdem, was rauskomme, bliebe der Weg der Revision, um Verfahrensfehler aufzudecken.

  • Die Verhandlung wird am 15. Mai fortgesetzt.

von Heiko Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Gutachten soll Glaubwürdigkeit klären

Im Missbrauchsprozess gegen einen 56-Jährigen aus dem Südkreis, der sich an seiner 12-jährigen Tochter vergangen haben soll, hat eine Polizistin von weiteren Vorwürfen berichtet. Ein Großteil ist verjährt.

mehr
Zeugenaussagen werden gefilmt

Der Prozess gegen den 56-Jährigen aus dem Südkreis, dem die Staatsanwaltschaft schweren sexuellen Missbrauch seiner zwölfjährigen Tochter vorwirft, wird sich hinziehen.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr