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Große Welle der Hilfsbereitschaft

Nach Tschernobyl Große Welle der Hilfsbereitschaft

1989 löste eine kleine Dorfgemeinschaft eine große Welle der Hilfsbereitschaft aus. Fünf Jahre lang leisteten viele Menschen strahlengeschädigten Kindern aus der Region Tschernobyl Hilfe.

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Die Initiative der Diedenshäuser löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Die OP berichtet von Beginn an.

Quelle: Collage: Nikola Ohlen

Diedenshausen. „Alles begann mit einem Luftballon-Weitflugwettbewerb der örtlichen Feuerwehr“, erinnert sich Willi Müller-Sieslak.

Seine Mutter, die pensionierte Lehrerin Ingeborg Müller-Sieslak, präsentierte den Diedenshäusern nach der traditionellen Bratpartie freudig die Rücksendekarte eines Ballons, der im 1200 Kilometer entfernten Kiew gelandet war und von dort zurückgesendet wurde.

So entstand über das damals in Diedenshausen lebende und inzwischen verstorbene Ehepaar Müller-Sieslak Kontakt zum Kinderheim Maljatko im Oblast Kiew, einer Region im Norden der Ukraine.

130 Kilometer liegt die ukrainische Hauptstadt von Tschernobyl entfernt.

Als die Diedenshäuser erfuhren, dass dort zu dieser Zeit bis zu 150 Kinder lebten, die vor allem an den Folgen des Reaktorunglücks litten, entstand sehr schnell eine Patenschaft.

Kinder litten an schweren Leberschäden

Ingeborg Müller-Sieslak berichtete damals im Gespräch mit der OP von Kindern, die an schweren Leberschäden litten, infolge der verstrahlten Umwelt, vor allem, weil es keine unbelasteten frischen Lebensmittel gab.

Es fehlte an allem, selbst an Milchpulver. Zudem hatte das 1963 als Kindergarten konzipierte Heim bauliche Mängel und war schlecht ausgestattet.
 Diese von der Heimleitung übermittelte Beschreibung bestätigte sich bei Besuchen des Ehepaars Müller-Sieslak im Kinderheim. Das damals geringe Gehalt des Personals zahlte der Staat. Ansonsten reichte das Geld nicht einmal für das Nötigste.

„Ohne Spenden und Hilfe von außen wäre das Heim nicht existenzfähig“, sagte Ingeborg Müller-Sieslak. Unter der Federführung der bis Ende der 1970er Jahre am Marburger Rotenberg lebenden ehemaligen Lehrerin entwickelte sich eine von der Diedenshäuser Dorfgemeinschaft getragene, lebhafte Beziehung zu den Kindern und Betreuern aus dem Kinderheim.

Bei Aktionen half das ganze Dorf mit

Zunächst wurden zahlreiche Hilfssendungen auf die Reise geschickt. Bei weiteren Besuchen im Heim konnte sich das Ehepaar davon überzeugen, dass die Hilfsgüter dort auch ankamen.

1994 eilte Ingeborg Müller-Sieslak mit ihrem Mann Hans einem Konvoi voraus, der eine halbe Tonne Milchpulver, Schulmöbel, einen Großküchenherd, Kleidung, Spielsachen und weitere Lebensmittel in die ukrainische Hauptstadt brachten. Firmen, Organisationen und Privatleute leisteten Hilfe.

Auch um Formalitäten, Organisation und die Abwicklung des Transportes kümmerten sich freiwillige Helfer. „Ich hätte nie mit so viel Hilfsbereitschaft gerechnet“, schwärmte damals Ingeborg Müller-Sieslak.

„Bei den Aktionen haben fast alle im Dorf mitgewirkt“, erinnert sich Sohn Willi. Als die Initiative begann, besuchte der heute in Frankfurt lebende 49-jährige Fotograf das Gymnasium Philippinum in Marburg.

Trotz aller Not: Heim war gut geführt

„In Diedenshausen zogen alle an einem Strang. Die Leute waren euphorisch, wollten helfen, hatten Lust, andere Leute kennenzulernen.

Die Mutter sah bei ihren Besuchen mit Freude, wie gut das Heim - trotz aller Not - geführt wurde. Sie berichtete von „liebevoll eingerichteten Räumen, mit Teppichen, Stuck, Malereien und schönen Lampen“, aber auch vom Mangel an Nahrung und lebensnotwendigen Gütern.

Dem ersten gelungenen Hilfstransport folgten weitere. In Diedenshausen wurde der Plan geschmiedet, die Kinder zu Erholungsaufenthalten nach Deutschland zu holen. Die ersten jungen Ukrainer kamen 1992. Die Diedenshäuser holten damals die ersten Kinder vom Hauptbahnhof in Kassel ab.

Vier Wochen lang waren sie im CVJM-Heim in Nesselbrunn untergebracht. Die slawistische Abteilung der Universität in Marburg half beim Dolmetschen und bei der Korrespondenz.

Großes Unterhaltungsprogramm für die jungen Gäste

Den Kindern wurde vier Wochen lang ein großes Unterhaltungsprogramm geboten. Diedenhäuser Frauen bereiteten für viele Gelegenheiten Essen zu und backten Kuchen. Es gab Grillabende sowie Besuche in Familien und auf Diedenshäuser Bauernhöfen.

Um den Kindern die 36-stündige Rückreise mit Bus oder Bahn zu ersparen, die die ganze Erholung zunichte gemacht hätte, fand sich ein privater Sponsor, der die Rückreise per Flugzeug finanzierte.

Es folgten bis Mitte der 1990er-Jahre weitere Besuche von Kindern aus dem Heim. Und jedes Mal war die Hilfsbereitschaft groß: Ein Gladenbacher Schuhhaus spendete bei zwei Aufenthalten jedem der Kinder ein paar Schuhe.

Besucher bedankten sich mit Tänzen und Liedvorträgen

Der Innungsmeister der Fleischerinnung lud zu Kaffee und Kuchen, DLRG und Landfrauengruppen organisierten Unterhaltungsprogramme, Bundeswehrsoldaten aus Stadtallendorf und Neustadt halfen bei der Betreuung der Kinder in Nesselbrunn und chauffierten die Gruppen an viele Veranstaltungsorte im Landkreis.

Die jungen Besucher bedankten sich bei späteren Besuchen mit Tänzen und Liedvorträgen, unter anderem im Dorfgemeinschaftshaus in Diedenshausen.

Und weil es für die folkloristische Ausbildung in dem Kinderheim keine Instrumente gab, war schnell ein neues Keyboard angeschafft, das die Reisegruppe mit nach Hause nehmen durfte. In Einzelfällen gab‘s auch medizinische Hilfe, so etwa für ein Kind mit ausgeprägter Lippen-Gaumenspalte, das kostenlos operiert wurde, der Lions-Club finanzierte die Unterbringung.

Fest im Programm waren in den Wintermonaten Vitamin-Lieferungen in Form von Obst-Sendungen. Trotz des immer nur vierwöchigen Aufenthaltes der Kinder, spielten sich beim Abschied immer sehr emotionale Szenen ab.

Zum großen Bedauern der Diedenshäuser Initiatoren endete die Patenschaft zu dem Kinderheim Mitte der 1990er-Jahre.

Forderungen führen zum Ende der Partnerschaft

Ingeborg Müller-Sieslak berichtete seinerzeit der OP, dass seitens der Heimleitung immer größere finanzielle Forderungen gestellt wurden. Das begann damit, dass man nicht mehr mit dem Zug anreisen wollte.

Aber alleine der Hinflug hätte damals 8000 Dollar gekostet. Summen, die auf Dauer von Spendern nicht aufzubringen waren, zumal auch die übrige Hilfe viel Geld kostete.

Trotz des abrupten Endes der Patenschaft bleibt den Diedenshäusern und vielen Menschen aus der Region die Gewissheit und Erinnerung, vielen strahlengeschädigten Mädchen und Jungen glückliche Stunden bereitet zu haben.

Trotz ihrer Enttäuschung betonte Ingeborg Müller-Sieslak damals, dank der Spendengelder sei gewährleistet, dass die Waisenkinder bis zum 16. Lebensjahr im Heim bleiben können, damit sei ein wichtiges Ziel erreicht.

Neben den Kernbotschaften der Initiative ist Willi Müller-Sieslak vor allem der große Gemeinschaftssinn in Erinnerung geblieben. Seine Eltern, er und seine drei Schwestern seien in dem 150-Seelen-Dorf bei ihrem Zuzug zunächst Fremdlinge gewesen.

Nicht zuletzt die Patenschaft mit dem Kinderheim, die Hilfsaktionen und das Miteinander hätten im Dorf zu vielen emotionalen Bindungen geführt. „Als meine Mutter starb und in Freiburg beerdigt wurde, charterten die Diedenshäuser einen Bus und kamen zur Trauerfeier.“

von Hartmut Berge

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