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Der schwarze Säbelschwinger

Grenzgang Buchenau 2013 Der schwarze Säbelschwinger

Er ist die herausragende Figur beim Grenzgang: Jens Wege ist der Buchenauer Mohr 2013. Allmählich steigt seine Vorfreude, kann er den Beginn des Festes kaum erwarten: „Zum Glück, ist es bald so weit!“

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Buchenau. Für den Grenzgang putzen die Buchenauer zurzeit ihr Dorf heraus, arbeiten auf Hochtouren an den Häusern und in den Vorgärten. Auch Jens Wege erledigt vor dem Fest den Feinschliff an seiner Außenanlage. „Es soll ja ordentlich aussehen“, sagt er. Denn sein Wohnhaus wird die Kulisse für ein Schauspiel vor Hunderten gespannter Zuschauer sein.

Im September 2011 wählte das Komitee das Mitglied der Männergesellschaft Damm zum Mohr, der herausragenden Galionsfigur des traditionsreichen Heimatfestes in dem Dautphetaler Ortsteil. Am Freitagmorgen tritt der 38-Jährige dann erstmals in voller Montur vor die Bürgerinnen und Bürger Buchenaus. Sie holen den Repräsentanten an seinem Wohnhaus zum Marsch über die Grenze ab – und das werde wohl der Augenblick sein, in dem seine Aufregung ihren Höhepunkt erreicht, meint Wege.

Er ist der Nachfolger von Dirk Immel, dem Mohr der Grenzgänge 1992, 1999 und 2006. Zwar sei er oft auf die großen Fußstapfen, in die er trete, angesprochen worden. Doch lässt sich Wege davon kaum beeindrucken. Schließlich werde er nicht versuchen seinen Vorgänger zu imitieren, sondern beabsichtigt der Figur seine persönliche Note zu verleihen. „Ich bin nicht Dirk, sondern Jens“, betont er selbst-bewusst. Weil er schon Bartträger war, ermunterten ihn Freunde und Familie oft im Scherz, zur Wahl anzutreten. Als selbst seine Mutter fragte, warum nicht er sich zum Mohren wählen lasse, verfasste Wege sein Bewerbungsschreiben an das Komitee, wurde gewählt und genießt seine besondere Rolle in vollen Zügen: Stolz berichtet der Familienvater, dass seine sechsjährige Tochter Nevia im Kindergarten andauernd über den Mohren spreche und seine zweijährige Tochter Nienna bei jedem Grenzgangsemblem, das sie sehe, laut rufe: „Papa drauf!“

Außerdem werde er mittlerweile auch schon außerhalb des Dorfes als Buchenauer Mohr erkannt und vielerorts mit „Bürger Mohr“ angesprochen. „Und das macht großen Spaß“, gesteht er schmunzelnd.

Insgesamt sei die Vorbereitungszeit aber anstrengend: Dutzende Termine, Besuche bei Gesellschaften, dazu Komitee- und Ausschusssitzungen sowie Treffen der eigenen Männergesellschaft. Und beinahe nebenbei führen er und seine Frau Magdalena den Familienbetrieb in Niedereisenhausen, in dem der ausgebildete Werkzeugmacher, langjährige Feldjäger und gelernte Physiotherapeut mit zehn Mitarbeitern herstellt, worauf Lebensmittel zubereitet werden – vom Schneidbrettchen für den Frühstückstisch bis zu Hackblöcken für die industrielle Fleischerei. Doch wohnen, das tut er nach wie vor in Buchenau: „Ich könnte niemals von hier wegziehen. Hier bin ich aufgewachsen, hier leben meine Familie und meine Freunde.“

Wenigstens brauche er für seine Aufgabe beim Grenzgang kein zusätzliches Training, wie die Wettläufer. Er sei reiner Repräsentant, schwärze Gesichter von Grenzgängern und schwinge beim Huppchen nur den Säbel. Aus Angst, er könne sich verletzten und beim Fest ausfallen, habe er das Motorradfahren und auch das Fußballspielen bei Buchenaus Alten Herren zunächst eingestellt. Dart mit den „Brüllmücken“ spielt er aber weiterhin. Im Jahr 1985 erlebte Jens Wege als Zehnjähriger seinen ersten Grenzgang bewusst. Seine Eltern waren Mitglieder der Gesellschaft Hornberg, von der er damals ausgewählt wurde, das Hornberger-Schild beim Festzug zu tragen. Das machte ihn stolz – und glücklich: Denn das Geld, das die Gesellschaft für den Schild-Jungen sammelte, reichte für die ersehnte Atari-Spielekonsole. Beim Fest 1992 war Jens bereits Mitglied der Burschenschaft Damm, feierte seinen intensivsten Grenzgang. „Du bist jung, bist überall dabei“, schwärmt der 38-Jährige rückblickend.

Am Freitagmorgen wird Jens Wege angeschwärzt und in pechschwarzer Uniform, davon hat er zwei, eine Jacke stellt ihm gar sein Vorgänger zur Verfügung, über die Türschwelle treten. Eine Generalprobe erlebte er vor Wochen beim Fototermin mit dem Komitee, davor trug er seinen dunklen Anstrich zum Test beim Joggen.

Als die Farbe zum ersten Mal auf das Gesicht aufgetragen wurde, sei das ein komisches Gefühl gewesen. „Aber schon nach einer Viertelstunde denkst du nicht mehr daran“, gesteht er und lacht: Deshalb habe ihm Dirk Immel auch empfohlen einen großen Vorrat weißer Handschuhe anzulegen, um die verschmutzten nach einem Griff ins Gesicht, austauschen zu können.

Während des Festes werden ihn seine Frau, seine Mutter oder eine andere Vertreterin der „Damm-Frauen“ als Begleitung abwechseln, um in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die schwarze Farbe, eine spezielle Theaterschminke, neu aufzutragen.

Der „absolute Horror“ wäre, wenn er am Freitagmorgen verschlafe. „Ich werde mir wohl drei Wecker stellen“, scherzt der sympathische Grenzgänger, der dem Fest entgegenfiebert – seinem ersten als Mohr.

von Benedikt Bernshausen

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