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Grenzenlose Freiheit über den Alpen

Ballonfahrt Grenzenlose Freiheit über den Alpen

In drei Stunden und 20 Minuten überqueren zwei Ballonteams die Alpen und landen etwas unsanft auf einem Maisacker in Italien.

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Der Ballon von Hans Kordel, der die Überquerung über die Alpen organisiert hatte.

Quelle: Privatfoto

Holzhausen. Es ist - fast - alles wie die Jahre zuvor. Nach langer Wartezeit kommt sie endlich: die E-Mail von Hans Kordel, erfahrener Alpenüberquerer und einziger Ballonhersteller in Deutschland, allerdings kommt sie völlig unvorbereitet und unerwartet an einem Freitagmittag. Die Alpenüberquerung soll drei Tage später ab Sonthofen erfolgen. Die Schippe für die Gartenarbeit wird sofort in die Ecke gestellt, die insgesamt zehn Tonnen schweren Trockenmauersteine können warten. Das Telefon wird strapaziert, um die Mannschaft zusammenzutrommeln. Alles klappt perfekt. Nachbar Erhard Mankel steht sowieso schon in den Startlöchern, als 2. Pilot wird Alex Stahl aus Driedorf-Mademühlen akquiriert.

Das Wetter sieht vielversprechend aus: Wind aus 340 bis 350 Grad mit 50 bis 70 Knoten in 5000 Metern Höhe. Am Boden - sowohl in Sonthofen als auch in Italien - wenig Wind und vor allem kein Nebel zur Landezeit. Einziger Unsicherheitsfaktor: Wie wird das Wetter zur Startzeit sein?

In der Nacht zum Abfahrtstag, am Sonntag, fällt Schnee bis in die Niederungen. Während der Fahrt gen Süden Dauerschneefall bei - Gott sei Dank - wenig Autobahnverkehr bis Sonthofen. Bei der Autobahnabfahrt lasse ich die Checkliste in meinem geistigen Auge nochmals vorüberziehen und erschrecke: Haben wir die beiden Sauerstoffanlagen dabei? Ein Anruf zu Hause bestätigt meine Befürchtung: Beiden Anlagen liegen im Keller. Ich sehe mich schon wieder auf dem Weg nach Hause. Die Ankunft bei Ernst Bauer, hilfsbereiter Ballonpilot und unser Wirt in Sonthofen, beruhigt uns. Er kann eine Anlage für uns beide zur Verfügung stellen.

Wolkendecke öffnet sich

Nach einer Rast in Ernst Bauers Restaurant El Rancho wird letztmals das Wetter gecheckt, der Flugplan aufgegeben und die neue Sauerstoffanlage ausprobiert. Das Wetter sieht vielversprechend aus - auch zur Startzeit - es soll eine Wolkenlücke zwischen 10 und 12 Uhr geben, die einen Start ermöglicht. Am nächsten Morgen folgt die Ernüchterung. Es hat die ganze Nacht geschneit, die Autos und Anhänger müssen von 20 bis 25 Zentimeter Schnee befreit werden, von Sonne keine Spur.

Wir vertrauen dem Wetterbericht und fahren zum Startplatz um die Ecke, den Ernst Bauer bereits in der Einfahrt vom Schnee räumen ließ, und stellen den Ballonkorb in Startposition. Petrus muss gemerkt haben, dass wir bereit sind, öffnet die Wolkendecke und lässt die weiteren Startvorbereitungen in hellem Sonnenlicht und weiß gezuckerter Umgebung zu einem besonderen Erlebnis werden.

Es dauert eine Weile bis sich die 260 Kilogramm Gas, die komplette Notfallausrüstung aus Biwakzelt, Essens- und Kochvorräten, Fackeln, Schlafsack, Isomatte - alles in allem hat die Ausrüstung ein Gewicht von gut 1 Tonne Startgewicht - angefeuert durch die 2500 PS starken Brenner nach oben bewegen. Was einen dann erwartet, lässt sich nicht in Worte fassen: Die Faszination einer dreidimensionalen, sich langsam unter einem hinweg drehenden Welt, eingetaucht in glitzerndes Weiß des frischen Schnees, umrahmt vom hellen Blau und der wärmenden Sonne. Es ist unbeschreiblich und lässt mich immer wieder neu erfahren und intensiver denn je erleben, warum ich dieses Hobby in vollen Zügen auskoste.

Es geht höher und höher bis auf die vom Innsbrucker Controller freigegebene Flugfläche 130 (4000 Meter). Es geht vorbei an mir unbekannten Bergen, Dörfern und Tälern. In der weiteren Entfernung kann ich Innsbruck erahnen, erst das GPS-Gerät sagt mir, dass wir den Gepatsch-Stausee im Kaunertal und etwas weiter östlich den Pitztalgletscher überfahren werden. Ich kann sogar die Skilifte 1000 Meter tiefer erkennen, die ich selbst schon zum Skilaufen genutzt habe. Die Wolken unter uns haben sich mittlerweile gänzlich aufgelöst; der Controller in Padua lässt uns nun auf Flugfläche 160 (5000 Meter) steigen, während unser GPS stur Kurs 160° bei immer mehr als 110 Stundenkilometer anzeigt, die Spitzengeschwindigkeit beträgt sogar 140 Stundenkilometer. Das Equipment von Schroeder Fireballoons mit Gasphase auf der Pilotflamme ist top in Ordnung und funktioniert bestens. Es gibt keine Aussetzer oder Probleme in der Brennerleistung. Nur einmal sind wir etwas verwirrt: Obwohl bereits 120 Grad Hüllentemperatur erreicht sind, sinken wir dennoch mit 2 Metern pro Sekunde. Die Erklärung ist genauso simpel wie einleuchtend: Wir befinden uns im absteigenden Ast einer laminaren Wellenströmung und es ist genauso schnell wieder vorbei, wie sie uns vorher angehoben hat.

Nach etwa 1,5 Stunden Fahrzeit tauchen wir in die weniger verschneite Bergwelt Südtirols ein, erkennen Meran und Bozen links von uns, überfahren die Brenner-Autobahn etwas nördlich von Trient, während sich die Verfolger Jochen und Erhard mit Staus und Umleitungen in Innsbruck und später am Brenner abquälen müssen.

Resultat: grandios

Es geht alles viel zu schnell und unsere Gasvorräte würden noch die nächsten 4 Stunden ausreichen. Sollen wir in Venedig landen? Richtung und Windstärke passen exzellent nachdem wir schon etwas abgestiegen sind. Wir verwerfen den Gedanken aber wieder und entschließen uns, hinter der Ost-West-Autobahn Norditaliens eine Lande-stelle zu suchen. Im Abstieg verabschieden wir uns vom Controller in Padua, überfahren noch die Berge südlich Vicenzas, ändern dabei unsere Fahrtrichtung nach Nordost.

Bereits nach kurzer Zeit geben wir es auf, eine Wiese zu finden, sondern landen - leider - bei nicht vorhergesagten 25 bis 27 Stundenkilometer Bodenwind krachend auf einem Maisacker zwischen Vicenza und Padua mit einer etwa 75 Meter langen Schleifspur. Gott sei Dank ist keine Elektronik kaputt gegangen, dafür wurden Mikrofon, Handschuhe, Notfallrucksack einem verstärkten Stresstest unterzogen. Kaputt ging letztlich unser Kartenbrett, das bei der Landung unter den Korb geriet. Eine Lehre für das nächste Mal: Es sollten alle Dinge, die während der Fahrt außen am Korb hängen, kurz vor der Landung in den Korb geholt werden.

Mein abschließendes Resultat zur Alpenüberquerung lautet: grandios. Die Ballonteams legten 270 Kilometer in 3 Stunden und 20 Minuten bei einer Spitzengeschwindigkeit von teilweise 140 Stundenkilometern zurück. Ein großes Lob gebührt Hans Kordel für die professionelle Vorbereitung und Erhard Mankel, Alex Stahl mit seinem Rückholer Jochen, die strapaziöse Anstrengungen in Kauf genommen haben. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

von Dieter Jurkat

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