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Gladenbacher druckten ihr eigenes Geld

Mangel an Münzgeld Gladenbacher druckten ihr eigenes Geld

Damit seine Bürger zahlungsfähig blieben, ließ Gladenbachs Bürgermeister Ferdinand Köhler 1920 einen Gladenbacher Notgeldschein drucken. Die Auflage lag im hohen fünfstelligen Bereich.

Bei ihm haben wir es mit einem Kind aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu tun. Hierbei denkt man zuerst an die Zeit der großen Inflation, in der von den verschiedensten Stelle in immer kürzerer Folge Scheine mit immer höherem Wert ausgegeben wurde. Doch diese Zeit markiert nur eine Notgeldphase.

Mit Notgeld hatten die Menschen im Deutschen Reich bereits seit dem Ersten Weltkrieg Erfahrungen gemacht. Durch den Kriegsverlauf war das Reich von wichtigen Rohstofflieferungen abgeschnitten. Deshalb weckte das Metall der Münzen Begehrlichkeiten bei der Rüstungsindustrie. Man ersetzte deshalb einen großen Teil der Münzen durch Papiergeld.

Sammler interessieren sich früh für die Notgeldscheine

Gleichzeitig wurde aber auch von der Zivilbevölkerung Münzgeld gehortet, um im Falle von Versorgungsengpässen, welche zu einem Preisanstieg geführt hätten, genug Geld zu haben.

Man brauchte also Notgeld um den Geldkreislauf und somit die Wirtschaft in Schwung zu halten. Gleichzeitig entstand aber auch das Sammeln von Notgeldscheinen als Hobby. Für die Ausgabestellen, sehr oft Städte und Gemeinden, war dies ein lukratives Geschäft um Geld in die Kassen zu bekommen. Daher entstanden auch reine Sammlerstücke, die zum Zeitpunkt ihrer Ausgabe schon wieder ungültig waren.

Anders war dies beim Gladenbacher Geldschein, der tatsächlich in den Umlauf kam. Die Scheine tragen das Datum vom 20. März 1920 und die Unterschrift von Bürgermeister Ferdinand Köhler. Sie haben einen Nennwert von 25 Pfennig.

Da Gladenbach zu dieser Zeit noch keine Stadtrechte hatte, heißt es auf dem Schein „Gemeinde Gladenbach“, ebenso hatte Gladenbach zu dieser Zeit noch kein Wappen, so dass auf der Rückseite des Scheins das Dienstsiegel des Bürgermeisteramtes von Gladenbach zu sehen ist.

Im Unterschied zum Gladenbacher Taler, der gleich in mehreren Varianten und Nennwerten auftritt, gibt es vom Gladenbacher Notgeldschein nur zwei Varianten.

Diese unterscheiden sich lediglich in der Art der Seriennummer: Die Seriennummer gibt es mit und ohne Stern am Ende. Die Gesamtauflage lag - den Seriennummern nach zu urteilen - wohl mindestens im hohen fünfstelligen Bereich. Der Gladenbacher Notgeldschein misst 83 mal 54 Millimeter, über heutige Sicherheitsmerkmale verfügt er selbstverständlich nicht. Einzig das Dienstsiegel des Bürgermeisters ist erhaben dargestellt.

Da es schon damals Sammler gab, sind bis heute große Mengen der Ursprungsauflage erhalten geblieben. Das wirkt sich auch auf den Wert und die Verkaufspreise im Fachhandel aus, die in der Regel bei deutlich unter fünf Euro liegen.

Da der Wert des Geldscheins durch die Gemeinde verbürgt wurde, lag es auch an ihr, den Geldschein wieder aus dem Umlauf zu nehmen. Wann dies genau oder ob dies überhaupt geschah, muss noch erforscht werden.

Berücksichtigt man die Wechselkurse zur Einführung der Rentenmark nach der Inflation sowie zur Einführung der DM im Jahr 1948 und zur Einführung des Euros 2002, dann würde man, selbst wenn man heute die gesamte damalige Auflage besitzen würde, umgerechnet nur verschwindend geringe Bruchteile eines einzigen Eurocents besitzen.

Allerspätestens mit dem Fortschreiten der großen Inflation von 1922/23 war der Gladenbacher Notgeldschein für den täglichen Zahlungsverkehr der Bevölkerung wertlos. Aber die Tatsache, dass Gladenbach überhaupt einen solchen Geldschein ausgegeben hat, unterstreicht die damalige Bedeutung der Gemeinde, denn für den früheren Kreis Biedenkopf ist ein solches Vorgehen nur noch für die Kreisstadt selbst belegt.

von Stefan Runzheimer

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